Jens Sparschuh: Im Kasten

Suchen Sie noch oder ordnen Sie schon?

Im Kasten von Jens Sparschuh findet sich wenig Originelles.

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von Stephan Lesker

Das Problem mit der Ordnung

Eine kleine Aufgabe: Denken Sie an ein bestimmtes Buch, das bei Ihnen im Regal steht. Fertig? Dann holen Sie es und stoppen Sie die Zeit wenn Sie wieder hier sind. Ich warte solange… Und? Liegen Sie unter 10 Sekunden. Sehr gut. Das bedeutet entweder, ihr Bücherregal ist nach Autoren, Titeln, Genres oder gar Verlagen geordnet oder es heißt, Sie haben Ihr Bücherregal so gut im Griff, dass Sie wissen, wo ein bestimmtes Buch steht. In jedem Fall verschwenden Sie keine Zeit mit Suchen. Liegen Sie über 10 Sekunden? Sehr gut. Denn das bedeutet, Sie verschwenden keine Zeit dafür, sich komplexe Ordnungssysteme für Ihr Bücherregal auszudenken. In beiden Fällen werden Sie sich in Jens Sparschuhs neuem Buch wiederfinden.

Hannes Felix, die Hauptperson, arbeitet bei einer Einlagerungsfirma und entwickelt dort Konzepte für mehr Effizienz und Platzeinsparung bei den einzulagernden Gütern seiner Kunden. Ordnung ist ein Problem, das er lösen will. Er findet wahrscheinlich sämtliche Bücher in seinem Regal unter 10 Sekunden, hat es aber mit solchen Leuten zu tun, die nichtmal wissen, dass sie Bücher haben und muss denen nun seine meist grotesk-abwegigen Ideen näherbringen. Dabei taumelt er von einer Verlegenheit in die nächste.

Der Klamauk-Loriot

Die Story bietet einiges Potential, dem Leser zumindest hier und da ein Schmunzeln, wenn nicht sogar ein Riesengelächter zu entlocken. Aber irgendwie kommt da dann nichts. Sparschuhs Beobachtungen erinnern im Ansatz an die grandiosen, meist nur ein wenig überspitzt dargestellten Sketche Loriots. Was dieser jedoch stets vermied, scheint Sparschuhs Steckenpferd zu sein: das Abrutschen in herkömmlichen Klamauk.

Die Anekdoten sind so abgedroschen, dass es in den Augen wehtut. Wer kann schon noch die zehntausendste Version einer Geschichte hören, die mit der Überschrift „Neulich bei Ikea“ beginnen könnte? Wo Abgedroschenheit gerade so vermieden werden kann, reibt man sich verwundert die Augen über die Erklärungsflut, die uns der promovierte Philosoph zumutet.

Ein Beispiel: Sie helfen einer sehr schlanken Bekannten beim Umzug und stoßen dabei auf einen Karton mit alten Klamotten, auf dem der Name der Bekannten mit dem Zusatz „+20 Kilo“ versehen ist. Was bedeutet das? Überlegen Sie kurz, ich warte…

Was ich getrost Ihnen überlassen habe, weil ich Sie zumindest ein wenig fordern möchte, hat Jens Sparschuh Ihnen nicht überlassen, sondern Ihnen erklärt: Besagte Dame wog früher einmal 20 Kilo mehr, aber auch Hannes Felix benötigt einige Zeit um dahinter zu kommen und wer ist schon vor Anfällen temporärer Begriffsstutzigkeit gefeit. Also warum nicht gleich auf Nummer sicher gehen. Überraschungsmomente bleiben da allerdings aus und die an sich ja durchaus lustigen Begebenheiten werden beinahe immer ruiniert.

Ein vermiedener Beziehungsroman

Was dem Hörspielautor scheinbar gelingt, ist, dem Leser auf den ersten Seiten einen falschen Eindruck zu vermitteln. Am Anfang des Buches steht die Trennung von Hannes und seiner Freundin und man vermutet einen weiteren Roman über eine gescheiterte Beziehung. Spätestens als Hannes seiner Freundin dabei hilft, Ihren Koffer zu packen, weil sie das falsche System dabei hat (nebenbei die einzige Szene, bei der man ungetrübt schmunzeln kann) ist diese Vermutung allerdings hinfällig. Aber auch dieses „Aha-Erlebnis“ wird gleich wieder getrübt. Sieht man genauer hin, ist die Kompositionsweise des Romans der von Nikolai Gogols Tagebuch eines Wahnsinngen sehr ähnlich. Gogol schildert hier das allmähliche Abgleiten eines Menschen in Halluzinationen und Irrsinn. Nichts anderes passiert bei Sparschuh. Hannes Felix wird langsam aber sicher wahnsinnig. Das Ende beider Bücher ist nahezu identisch. Was oben für Loriot gilt, gilt auch hier für Gogol: Er hat es besser und origineller gemacht als Sparschuh.

Jens Sparschuh: Im Kasten. Kiepenheuer und Witsch. Köln 2012. 224 Seiten. 18,99 €

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Ein Kommentar zu “Jens Sparschuh: Im Kasten

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