Patrick Roth: Riverside

Was die Bibel nicht erzählt.

Patrick Roths Riverside rückt nicht nur Judas in ein neues Licht.

von Stephan Lesker

In einer dunklen Höhle lebt ein alter aussätziger Mann. Es besuchen ihn zwei Schriftverfassende (vielleicht die Autoren des Neuen Testaments?), die alles dokumentieren, was sie über ihren Herrn Jesus Christus erfahren. Was sie jedoch nicht wissen ist, dass dieser Alte ihnen mehr erzählen kann, als sie glauben. Die Geschichte die er ihnen erzählt, weicht von allem ab, was sie je gehört haben. Um dieses Geschehen kreist Patrick Roths Erzählung Riverside. Auf den ersten Blick ist sie aber gar nicht als Erzählung zu erkennen. Es herrschen Dialoge vor und die kurzen Einschübe, in denen ein Erzähler deutlich wird gleichen beinahe Regieanweisungen. Es ist als würde man Dramatik lesen und keine Prosa. Die Satzkonstruktionen, die der Autor verwendet sind, bisweilen sehr gewöhnungsbedürftig, da die gewohnte Wortfolge oftmals umgestellt wird und bisweilen an die Syntax des Lateinischen erinnert. Das Lesen dieses Textes erweist sich somit als besondere Herausforderung.

Es macht hingegen Spaß die Wortschöpfungen und -kombinationen Roths, die von einer immensen Kreativität zeugen, zu verfolgen. Roths Sprache erweist sich in ihrem ungewohnten Duktus als ungemein bildlich.

Judas als Heiliger?

Hat man einmal den Zugang zu der Sprache Roths gefunden, entpuppt sich die Erzählung als beinahe sensationell. Sowohl hinsichtlich ihrer Erzählweise, als auch ihres Erzählgegenstandes. Der Alte, mit Namen Diastasimos, erzählt den beiden Schriftverfassern ein Erlebnis, in dem ausgerechnet Judas Iskariot, nicht zum Verräter, sondern zum Retter Jesus‘ avanciert. Der Verräter als Retter? Der, dessen Gedärme über einen Acker verstreut wurden als Strafe für seinen Verrat?

Roth erweist sich nicht nur als Experte in Bibeltexten. Auch die Apokryphen sind ihm höchst vertraut. Ein solches Apokryph ist das Judasevangelium, welches existieren soll aber nicht in die Bibel aufgenommen wurde. In diesem Evangelium ist Judas derjenige, der durch seinen Verrat die Passion Christi und damit die Heilsgeschichte erst möglich gemacht hat. Somit war er der einzige unter den zwölf Aposteln, der Jesus wirklich als Gottes Sohn erkannt hat. Judas hat gesehen, dass er das Schreckliche tun musste, damit auch die Welt die christliche Botschaft erkennt. Judas wäre somit ein Heiliger. Durch seinen Verrat opferte er sich und gab sich der Verachtung und dem Hass der anderen preis damit die Botschaft Gottes, die er der Welt in seinem Sohn gesandt hat, verkündet werden kann.

Die Begebenheit, die Diastasimos erzählt, scheint von dieser Interpretation der Judasgestalt beeinflusst zu sein, auch wenn Judas hier eine andere Tat zu Rettung des Heilands vollbringt, die wir hier nicht vorwegnehmen wollen.

Hinter Roths komplexer Sprache verbirgt sich also ein wahrhaft gigantisches Geheimnis. Den beiden Schriftverfassern geht es dabei genauso, wie dem Leser. Sie müssen den Zugang zu Diastasimos‘ Erzählung finden, wie der Leser den Zugang zur Sprache Roths finden muss. Ist dieser Zugang gefunden ist die Freude an der Sensation, die diese Erzählung birgt, immens.

Patrick Roth: Riverside. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1996. (=Suhrkamp Taschenbuch Nr.: 2568). 6,00 €.

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