Patrick Roth: Sunrise

Das Evangelium nach Patrick

Was Sie schon immer über das Neue Testament wissen wollten – erzählt von Patrick Roth.

RothSunrise

von Stephan Lesker

Die andere Bibelrezeption

Charlton Heston verkündet die zehn Gebote vom Berg Sinai, James Caviezel hält mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl und John Cleese steht als Jüdischer Hohepriester einer Steinigung vor. Der biblische Stoff hat besonders in Hollywood und in der sonstigen Filmindustrie große Beachtung gefunden. In der Literatur ist er sowieso allgegenwärtig, man denke nur an Thomas Manns Joseph und seine Brüder. Der biblische Stoff scheint so faszinierend zu sein, dass er in verschiedensten Medien nacherzählt wird. Patrick Roth widmet sich seit Jahren einer anderen Rezeption der Bibel. In einem stillen Kämmerchen in Los Angeles liest er die Bibel und die Apokryphen und versucht in seinen Büchern zu erzählen, was nicht in der Bibel steht. In Riverside rückt er Judas Ischariot in ein anderes Licht, in Corpus Christi den Jünger Thomas. In Sunrise ist nun Joseph, der Vater Jesu Christi an der Reihe.

Erschütternd und spannend

Im Fokus steht die Lebensgeschichte Josephs aus Nazareth, dessen Sohn zum Begründer und Messias einer neuen Religion werden wird. Das allgemein Bekannte, das uns in den vier Evangelien berichtet wird, lässt Roth dabei unerwähnt und konzentriert sich auf die Begebenheiten aus dem Leben Jospehs, die dieser während der Leidensgeschichte seines Sohnes erlebt. Dabei gelingt es Roth immer wieder den (bibelfesten) Leser zu erschüttern und mitzureißen. Dies liegt einerseits an seiner Art und Weise des Erzählens aber besonders an den erzählten Begebenheiten selbst. Alles scheint auf wundersame Weise miteinander verknüpft zu sein, immer wieder deuten Träume zukünftige Begebenheiten an. Zwei Ereignisse sind an erzählerischer Brillanz kaum zu überbieten. Die Forderung Gottes, Joseph solle ihm Jesus opfern und der anschließende Weg zum Opferberg lassen den Leser sprachlos und fasziniert zurück. Gleiches gilt für die Kreuzigung Jesu, die  Joseph (und somit auch der Leser) nur durch knappe Sätze eines seiner Gefährten miterlebt. Gerade diese knappen, vollkommen emotionslosen Sätze sind es, die den Reiz dieser Szene ausmachen.

Der Rothsche Sound

Die Bücher Roths haben einen enormen Wiedererkennungswert. Man könnte jemandem, der schon ein Roth-Buch gelesen hat, eine wahllos aus einem seiner Bücher herausgerissene Seite vorlegen und er würde Patrick Roth darin erkennen. Dies liegt an der Eigenart von Roths Sprache. Der Satzbau und die Wortwahl kommen zunächst ein wenig umständlich daher. Die Wortfolge im Satz entspricht meist nicht dem gewohnten Sprachgestus und ist zugunsten einer Hervorhebung einzelner Wörter umgestellt. Auch erfindet Roth oftmals neue Wörter. Das erstmalige Lesen eines Rothschen Textes kommt daher einem Kulturschock gleich. Hat man den ersten Schock allerdings überwunden, will man gar nicht mehr aufhören, Roth zu lesen. Man erkennt Patrick Roth allerdings nicht nur an der Sprache, auch das Erzählmuster ist meist ähnlich. Ein oder zwei Menschen sind auf der Suche nach Aufklärung und kommen auf ihrem Weg zu jemandem, der durch sein Wissen in der Lage ist, ihnen diese Aufklärung zu verschaffen. Meist sind dies Menschen aus den damaligen unteren Klassen. Der Aussätzige Diastasimos aus Riverside, der seinen zwei Besuchern eine Geschichte aus dem Leben Jesu erzählt oder die Gefangene Tirza aus Corpus Christi sind zwei typische Beispiele. In Sunrise ist es nun Neith, eine Bedienstete des Joseph von Arimatäa (auch hier klingeln dem Bibelkenner die Ohren), die ihren Besuchern Monoimus und Balthazar Aufklärung verschafft.

Roth schreibt an seinem eigenen Evangelium. Die Leerstellen der Bibel werden geschlossen, Bekanntes wird in neuem Licht erzählt. Der Rothsche Sound zieht sich dabei durch alle seine Bücher und verleiht seinem Werk Einheitlichkeit und gibt ihm gleichzeitig etwas Unverwechselbares.

Patrick Roth: Sunrise. Das Buch Joseph. Wallstein. Göttingen 2012. 510 Seiten. 24,90 €.

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