Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Olsen Bande meets Forrest Gump

Oder ein nicht ganz ernst gemeintes Geschichtsbuch von Jonas Jonasson

Der Hundertjaehrige der aus dem Fenster stieg und verschwand von Jonas Jonasson

von Torsten Ehlers

Sie mögen historische Romane, trauen sich aber nicht, es zuzugeben, weil sie ständig auf Iny Lorentz angesprochen werden? Dann werden sie mit diesem Buch keine Probleme haben. Sie mochten Tom Hanks in seiner Rolle als Forrest Gump? Dann wird ihnen dieses Buch gefallen. Sie kennen und lieben den Humor der Olsenbande? Sie müssen dieses Buch unbedingt lesen.

Schon der Titel Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand verheißt eine Menge Spaß und Abenteuer zu bringen, denn seien wir ehrlich, wie stellt man sich einen Hundertjährigen vor? Vielleicht in etwa so: ein vergreister alter Mensch, der sein Dasein allein fristet und in Ruhe gelassen werden will. Doch auf Allan Emanuel Karlsson trifft all dies nicht zu. Er ist ein besonders spezieller Mensch und somit ein ganz spezieller Hundertjähriger. Die Stadt Malmköping beschließt, zu Allans 100. Geburtstag am 2. Mai 2005 ein Riesenbohei zu veranstalten. Das gefällt ihm allerdings gar nicht, und so beschließt er, sich aus dem Staub zu machen und sein Altersheim zu verlassen. Damit beginnt für Allan, der den Menschen, denen er begegnet grundsätzlich das Du anbietet, endlich wieder ein Abenteuer oder besser ein neuer Lebensabschnitt, wie schon so häufig zuvor in seinem Leben. Seine Erlebnisse von 1905-2005, also bis zu seinem 100. Geburtstag, werden parallel zu seiner Flucht durch Schweden, die Bonnie & Clyde Ehre gemacht hätte, erzählt. In den hundert Jahren konnte Allan eine Menge erleben, zum Beispiel den Ersten Weltkrieg, die Finanzkrise der goldenen Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, den Zweiten Weltkrieg, den Vietnamkrieg, den Aufstieg und Fall des Kommunismus im Kalten Krieg, die Watergate Affäre. Die Persönlichkeiten, mit denen unser alter Schwede es zu tun bekam, lesen sich ebenfalls sehr imposant. Es befinden sich darunter Tage Erlander und Per Albin Hansson. Wie, diese beiden sagen ihnen nicht so viel? Wie schaut es denn da mit Harry S. Truman, Richard M. Nixon, General Franco, Stalin, Breschnew, Chruschtschow, Mao Tse-tung, Charles de Gaulle, Oppenheimer und dem gesamten Manhattan Projekt aus?

Ein schwedischer Forrest Gump

Sobald der erste Flashback in die Zeit der Arbeiterproteste in Schweden von Allan Karlsson vorgenommen wird, erinnert es an den Film Forrest Gump. Die Parallelen zwischen Allan und Forrest sind offensichtlich. Beide erleben Historisches, können aber die Tragweite des Erlebten mit ihrem schlichten Gemüt nicht erfassen. Hier haben wir einen Prototyp dafür, wie man eine einzelne Person die große Vergangenheit erleben lässt. Man gestaltet sie als einfältig, ganz nach dem Vorbild von Grimmelshausens Simplicissimus. Nun ist Forrest Gump eine reine Verarbeitung der amerikanischen Geschichte und die Abenteuer vom Simplicissimus eine Verarbeitung des Dreißigjährigen Krieges. Aber seien wir ehrlich, Forrest Gump hat mehr oder weniger passiv das historische Geschehen erlebt. Hier haben wir dann auch den gravierendsten Unterschied zu Forrest Gump, denn Allan Karlsson hat aktiv Einfluss genommen. Wenngleich man ihm zugestehen muss, dass er die Konsequenzen zunächst nicht absehen konnte und wollte, denn mit Politik und Religion hatte er nichts am Hut. Allan Karlsson lässt und ließ sich durchs Leben treiben, getreu dem Motto: „Es kommt, wie es kommt.“ Und so kam es, dass er Oppenheimer den entscheidenden Tipp zur Entwicklung der Atom-Bombe gegeben hat, denn als Sprengstoffexperte kennt er sich damit aus, oder aber auch, dass er mit Harry Truman Schnaps trinkt, als dieser erfährt, dass Teddy Roosevelt verstorben ist. Für Allan ist egal, welche politische Richtung ein Mensch hat, solange er etwas zu essen bekommt und er mit seinem Gegenüber einen Schnaps trinken kann, ist er zufrieden. Doch auch seine Geschichte in der Gegenwart liest sich spannend.

Kriminalistische, märchenhafte und vor allem humorvolle Räuberpistole

Nicht viel weniger abenteuerlich gestaltet sich Allans Flucht aus dem Altersheim und vor Schwester Alice, die ihm immer seinen Schnaps konfisziert. Allerdings ist dieser Hundertjährige kein harmloser Mensch. Bereits am Busbahnhof jagt er einem Ganoven einen Geldkoffer ab, was diesem gar nicht gefällt. Dieser Ganove randaliert und drangsaliert einen Fahrkartenverkäufer und Busfahrer, um die Fährte von Allan aufzunehmen. Er findet ihn bei einem Gelegenheitsdieb im Haus. Allerdings schaffen dieser Dieb und Allan es den Ganoven zu überwältigen und sperren ihn in die Kühlkammer, wo sie ihn prompt vergessen. Allein dies grenzt schon fast ans Groteske. Es entspinnt sich ein geradezu wirres Konstrukt von Ereignissen, die die Polizei bei ihrer Suche nach dem hundertjährigen Allan immer wieder vor neue Rätsel stellt. Wie schafft es zum Beispiel ein Hundertjähriger einen hochgradig, wenn auch etwas dumm veranlagten Kriminellen zu überwältigen? Auf die Lösung oder auch die Wahrheit kommen weder die Polizei noch der Staatsanwalt.

Eines ist jedoch sicher. Die Gegenwart von Allan Karlsson verläuft ähnlich wie seine Vergangenheit, nur dass die Gegenwart einem Krimi gleicht, der mit Humor und Märchenelementen gespickt ist. So kommt einem das Märchen „Die goldene Gans“ in den Sinn, wenn man im Roman liest, wie sich die Freunde Allan anschließen bzw. einfach bei ihm „kleben“ bleiben, aufgrund seiner offenen und ehrlichen Art, aber natürlich auch aufgrund des Geldes, dass Allan ihnen verspricht und das hier die Wirkung der Gans hat, an der im Märchen alle kleben bleiben. Der Humor, der sich hier entwickelt, ähnelt dem, der den Filmen der Olsenbande bisweilen anhaftet. Nie kommt etwas so, wie man es sich eigentlich vorgenommen hat. Da kann man doch nur an Egon Olsen denken, dessen Pläne auch immer eine Komponente bzw. eine Entwicklung nehmen die gänzlich überraschend ist.

Wenn sie nun also noch nach Antworten suchen, wer zum Beispiel für den Aufschwung Balis im letzten Jahrhundert mitverantwortlich ist oder wer Wladiwostok niedergebrannt hat, wer die Frau von Mao Tse-tung aus den Klauen ihrer Entführer befreit hat, wird hier die Antworten finden, wenn er sich denn darauf einlassen kann, dass diese Antworten nicht ganz ernst gemeint sind, ja geradezu den Schalk im Nacken tragen. Sollten sie keine solche Fragen haben, sondern einfach nur einmal eine spannende Geschichte lesen wollen, auch dies werden sie in diesem Werk finden. Im Prinzip lässt es sich wie folgt sagen: Jonas Jonassons Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist ein humorvolles Geschichtsbuch.

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Carl’s books. München 2009. 416 Seiten. 14,99 Euro.

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