Jens Sparschuh: Der Schneemensch

Drei Nazis im Schnee – Jens Sparschuh Der Schneemensch

von Stefan Tuczek

In den letzten Jahrzehnten sind viele Sachbücher und vor allem Romane erschienen, die sich mit dem Nationalsozialismus befassen. Dabei greifen diese Bücher immer mehr oder weniger auf die gleichen geschichtlichen Aspekte zurück. Nicht nur der Inhalt ist oft normiert, auch die Erzählweise ist konventionell. Das vollständige Sujet wirkt oft retortenhaft und ist mittlerweile eine reine Massenware geworden.

Es existieren natürlich Ausnahmen, die sich von der breiten Masse abheben und erfrischend wirken: Gert Hofmann Vor der Regenzeit, Edgar Hilsenrath Der Nazi und der Friseur oder Art Spiegelmann Maus. In diese illustere Runde muss Jens Sparschuh mit seinem 1993 erschienen Roman Der Schneemensch aufgenommen werden.

Sparschuh erzählt in seinem Roman von einem Stück vergessener Geschichte, von einem Aspekt, der heute nicht mehr im Fokus der Betrachtung steht: Zentrales Thema des Romans ist die Welteislehre (auch als Glazialkosmogonie bezeichnet), die vom österreichischen Ingenieur Hanns Hörbiger aufgestellt wurde. Die Welteislehre war schon zur ihrer Entstehungszeit – das Buch zur gleichnamigen Lehre erschien 1913 – in der Wissenschaft umstritten und wurde nie von dieser als ernsthafte Theorie anerkannt. Hörbiger, der ein begeisterter Hobbyastronom war, kam die Idee zur Welteislehre plötzlich, während er in die Sterne schaute: So meinte der Ingenieur, dass die Erde aus dem ewigen Eis des Kosmos entstanden ist. Selbst das Leben auf der Erde entstammt den ewigen eisigen Tiefen des Weltalls: Sporen und organisches Leben seien durch Eisbrocken, die als Regen und Eis in unsere Atmosphäre fallen, auf die Erde gelangt. Hörbiger geht noch weiter und war der Meinung, dass ein Eismond auf die Erde gefallen sei, und nach bester sozialdarwinistischer Manier sind die schwachen und kranken Vertreter der Spezies Mensch ausgelöscht worden. Im Prinzip wusste Hörbiger mit seiner vollständigen Lehre, die wie angedeutet okkultistische, biblische, astronomische und sozialdarwinistische Elemente miteinander verbindet, auf die komplette Menschheitsgeschichte und die Erde in ihrer jetzigen Gestalt eine Antwort. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Hörbiger von seinen Kollegen verlacht und nicht anerkannt wurde. Leider machte Hörbigers Lehre im Nationalsozialismus eine traurige Karriere: Heinrich Himmler war ein bekennender Anhänger dieser Lehre. Er modifizierte sie entsprechend, sodass der ewige Arier aus dem Weltall kam. Damit sind die arischen Sternenkinder die wahren Herrscher der Welt – gleichzeitig wird so der Germane zum Nachfahre des sternenwandernden Ariers erhoben, da dieser sich im eisigen Norden behaupten konnte. Himmler nahm die Lehre in die SS-Abteilung »Ahnenerbe« auf – trotz der massiven Widerstände der nationalsozialistischen Wissenschaftler, die sogar diese Lehre als Humbug abtaten.

Ausgangspunkt von Sparschuh ist ein kurioses Ereignis: Mitten im Himalajagebirge wird ein verwilderter Mann samt den Überresten einer Expedition gefunden. Dieser Mann – Sparschuhs Hauptprotagonist – besitzt eine Tätowierung, wie sie SS-Angehörige bekommen haben. Der Krieg ist schon lange vorbei und es drängt sich den Alliierten – und auch dem Leser – die Frage auf, wie dieser Mann ins eisige Himalajagebirge gelangt ist und vor allem was er dort gemacht hat. Der Mann selber kann den Alliierten keine vernünftige Auskunft erteilen, da er scheinbar in den eisigen Höhen wahnsinnig geworden ist und die menschliche Sprache verlernt hat. Dennoch erfährt der Leser durch Erinnerungsbruchstücke und die Tagebuchaufzeichnungen des namenlosen Helden, wie es zu dieser Situation gekommen ist: Himmler schickt eine Expedition in das Hochland von Tibet – angeführt von Prof. Meyer, soll der Ich-Erzähler zusammen mit einem Ortwin Rapp und dem Sherpa Herr Hu den legendären Yeti, der dort sein Unwesen treiben soll, aufspüren. Himmler ist von der Idee besessen, dass der Schneemensch ein Verwandter der Arier sei. Denn nach Himmler und seiner Interpretation der Welteislehre sollen im Hochland von Tibet – und generell in Asien – die Wurzeln der Arier liegen. Als die Arier aus dem Weltall kamen, sind sie dort gelandet und der Schneemensch ist ein durch keine andere Rasse verdorbener Verwandter der Arier und damit der Deutschen. Die Expedition soll nun den Schneemenschen suchen und für die »deutsche Sache« rekrutieren. Der Ich-Erzähler, der verschiedene Sprachmodelle – Esperanto-Modelle die auf Kontakt mit Außerirdischen ausgelegt sind! – entwickelt hat, soll dafür sorgen, dass der Kontakt zum Schneemenschen hergestellt werden kann. Zwischen den Erlebnissen im Gebirge – die konsequent als Tagebuchaufzeichnungen wiedergegeben werden – erfährt der Leser etwas über die Jugend, das Leben und die Liebe des Helden.

Anhand der drei Nationalsozialisten stellt Sparschuh drei verschiedene Lebensweisen im NS-Regime dar: Prof. Meyer, der Leiter der Expedition, ist kein bekennender Nationalsozialist, er gehört zu jenen die sich mit dem Regime abfinden und in die innere Immigration gehen. Er ist in die Abteilung SS »Ahnenerbe« gegangen, um seine Forschungen in Ruhe und unter dem Mantel der Unbedenklichkeit weiterführen zu können. Dagegen steht Ortwin Rapp, der ein Parteigänger der ersten Stunde ist. Er ist vom NS-Gedankengut vollständig überzeugt. Bei ihm wird deutlich, dass er eine Person ist, die durch das Regime Karriere gemacht hat, die ihm im normalen Leben verweigert gewesen wäre. Unser namenloser Held steht zwischen diesen beiden Polen, er kann sich nicht so recht entscheiden, wo genau er hingehört, er erscheint als ein einfacher Mitläufer wie viele andere in dieser Zeit auch.

Sparschuh bleibt nicht bei diesen drei Figuren stehen, anhand einiger Nebenfiguren zeichnet er die problematische Stellung der Wissenschaftler zwischen 1933 bis 1945 nach: Da gibt es den Tibet Schäfer, der als gefallenes Idol von Himmler auftritt. Dieser Tibet Schäfer – Sparschuh bezieht sich auf Ernst Schäfer (1910–1992), der 1938/39 für das »Ahnenerbe« eine Tibet-Expedition unternahm – ist durch seine Lichtbildvorträge, in denen er über seine Expedition und seine Ergebnisse referiert, in Ungnade gefallen. Der medienwirksame Auftritt steht unter höchst brisantem Verdacht, Geheimnisse und Erkenntnisse an Dritte – vor allem an den Feind – weiterzugeben. Professor Noell ist ein weiteres Beispiel: Dieser Professor hat sich unbewusst mit dem Reichsbauernführer angelegt, indem er einer Aussage, die nach Noell nicht wissenschaftlich nachweisbar ist, widersprochen und richtig gestellt hat. Damit hat er einen Streit angefangen, den er nicht gewinnen konnte. Letztendlich wurde er von seinem Lehrstuhl enthoben. Zwar wird er noch von allen geduldet, da er ideologisch unbedenklich scheint, dennoch will niemand mit ihm mehr etwas zu tun haben aus Angst, dass man ihn mit Professor Noell in Verbindung bringen und deshalb auch ihn schneiden könnte. Der Professor fristet deshalb ein Schattendasein.

Vor allem in diesen Nebenfiguren wird Sparschuhs Liebe zum Detail deutlich: Er staffiert sie nicht zu bloßen Komparsen aus, sie bekommen ihr eigenes Schicksal, das nachvollziehbar und glaubhaft erscheint. Gerade beim Tibet Schäfer beweist Sparschuh, dass er reale Fakten mit Fiktion verbinden kann, ohne dass dabei die Geschichte verfälscht wird.

Sparschuh weiß zu gefallen mit seinen tragischen Figuren, dennoch bleibt das Groteske und Irrwitzige nicht aus. So geht der Protagonist mit einer Prostituierten mit in ihre Wohnung, doch während des Aktes mit ihr, taucht unverhofft der Ehemann eben jener Frau auf. Unser Held bekommt es mit der Angst zu tun, aber der Gatte bleibt ruhig und lädt ihn sogar nach dem Verkehr auf ein Bier in der Küche der Wohnung ein. Eine andere Begebenheit erzählt davon, dass die Expeditionsteilnehmer nichts mehr zu essen haben. Ohne das Wissen der anderen Teilnehmer gräbt Ortwin Rapp den auf der Reise verstorbenen Hund Collie wieder aus und serviert ihn zum Essen. Mit irren Andeutungen delektiert sich Rapp an dem Grauen der anderen, nachdem diese die Wahrheit erfahren haben. Die Groteske wird vom Autor jedoch noch gesteigert: Der Held der Geschichte wird in der Einöde des Gebirges wahnsinnig und rennt allein in die eisige Wüste. Kälte und Hunger lassen ihn allmählich zu einer Bestie werden, er wird selber zum gesuchten Schneemenschen. Die anderen Expeditionsteilnehmer fotografieren ihn sogar, im Glauben den Yeti endlich gefunden zu haben. Im Gegensatz zu den anderen stirbt Sparschuhs Held nicht, er überlebt als Einziger die unerträgliche Witterung und den Hunger. Im wahnwitzigen Ende versammelt der real gewordene Schneemensch seine gefallenen Kameraden um sich und stellt ihre steifgefrorenen Leichen auf. Trotz dieser grotesken und irrwitzigen Elemente nimmt Sparschuh seien Figuren ernst und lässt sie nie lächerlich wirken. Generell ist der Witz der Handlung wohl dossiert und wirkt nie deplatziert oder erzwungen.

Generell ist auffällig, dass Kälte eine zentrale Rolle im Roman spielt. Mit der Kälte sind alle negativ konnotierten Erlebnisse im Roman verbunden. So trennt sich der Ich-Erzähler in der Kühle des Herbstes von seiner Freundin, im ersten Frost macht sich der Held auf nach Berlin, wo er in die Abteilung »Ahnenerbe« aufgenommen werden soll, und in der Kälte des Gebirges wird er zum Schneemenschen. Diese Wandlung vom Menschen zum Schneemenschen ist auch als Symbol aufzufassen: Der Erzähler gebiert sich als Schneemensch als Bestie, die in der rauen Natur lebt, mit Steinen und Knüppeln auf seine Feinde losgeht, das Blut von Tieren trinkt und ihr Fleisch roh verzehrt und die Leichen der Freunde auf dämonische Weise um sich aufstellt – ein Vergleich mit Lovecrafts Berge des Wahnsinns drängt sich auf. Doch schon vorher wird dem Protagonisten klar, in einer kalten Nacht kommt ihm die Erkenntnis, das der Mensch in Wahrheit ein Raubtier ist. Das Regime begünstigt das Raubtierhafte, das Bestialische im Menschen, durch das Regime wird es ausgebildet: Herr Mohnbluhm, ein Alliierter, der sich den Geschehnissen um den Protagonisten annimmt, erzählt die Geschichte eines KZ-Aufsehers, der sich Häftlinge als Hunde hält. Sowohl der SS-Mann, der die Menschen zu Tieren degradiert, als auch die Häftlinge, die mehr und mehr zu Tieren werden müssen, um zu überleben, büßen ihre Menschlichkeit ein. Der Held wird erst durch das Regime zum Schneemenschen, der lang gesuchte Verwandte des Ariers. Demnach ist die Anlage des Schneemenschen, der Bestie, im Menschen selber vorhanden, es bedarf nur bestimmter Umstände, um diese zu entfesseln. Der Nationalsozialismus, der beständig mit Kälte konnotiert ist, bringt Bestien hervor. Im letzten Kapitel von Sparschuhs Roman ist das Monster in das Innere des Helden zurückgekehrt. Er schaut aus dem Fenster und sieht dem Regen zu, der wie viele Gitterstäbe erscheint: Die Bestie ist eingesperrt, aber sie wartet darauf freizukommen.

Die Erzählweise des Romans ist erfrischend abwechslungsreich. Der Roman ist nicht chronologisch aufgebaut, die Erzählformen wechseln sich ab: Es gibt Tagebuchaufzeichnungen, innere Monologe des Haupthelden und von ihm als Ich-Erzähler erzählte Erinnerungspassagen. In einigen Passagen tritt ein personaler Erzähler auf, der scheinbar die innersten und tiefsten Geheimnisse des sprachlosen Protagonisten kennt. Vor allem diese Abschnitte wirken geheimnisvoll und treten aus dem Gesamtkonzept erfreulich heraus. Diese Art zu erzählen wirkt unverbraucht und stimmig. Was auf den ersten Blick ungeordnet und wirr wirkt – ganz wie die Gedanken des Helden – ordnet sich mit der Zeit zu einer harmonischen Komposition.

Wie in seinen anderen Romanen und Prosastücken schafft es Sparschuh, aus einer unbekannten Thematik bzw. geschichtlichen Stoff einen spannenden Roman zu kreieren. Bei Sparschuh vereint sich hohes künstlerisches Niveau mit der Groteske und dem alltäglichen Wahnsinn.

Jens Sparschuh: Der Schneemensch. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2005. 320 Seiten. 9,90 Euro.

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Ein Kommentar zu “Jens Sparschuh: Der Schneemensch

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