Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914-1918

Erschütternde Authentizität

Helmut Kiesel gibt die Original-Kriegstagebücher von Ernst Jünger heraus.

von Stephan Lesker

Ernst Jüngers In Stahlgewittern zählt zu den berühmtesten Dokumenten des Ersten Weltkrieges. Zugleich ist es auch eine erschreckende Darstellung einer apokalyptischen Weltzerstörung aus Sicht eines unmittelbar Beteiligten. Durch die erzählerische Aufarbeitung seiner Originalbücher werden die dargestellten Schrecken zwar nicht gemildert, aber doch verschleiert und durch nachträgliche Reflexionen ergänzt. In den inzwischen erschienenen Originaltagebüchern treten die Schrecken des Krieges unmittelbar vor die Augen des Lesers. Jüngers wortgewaltige Beschreibung eines Gasangriffs und der Auswirkung des Gases auf den Körper sind derart plastisch, dass einem der Atem stockt. Man wundert sich, wie es Jünger angesichts lebensbedrohlicher Situationen gelang, diese höchst authentisch und detailreich aber doch mit einer gewissen Distanz zu beschreiben. Meist liegen nur wenige Stunden zwischen dem Ereignis und seiner Dokumentierung.

Käfer und Kanonen

Nicht nur die eigentlichen Tagebücher sind ein wertvolles Dokument von Jüngers Kriegserlebnis. Auch das im Anhang befindliche Käferbuch zeigt, wie Jünger in diesem Krieg überlebte. In Zeiten größter Unruhe brachte er es fertig, sich durch seinen Blick für die Natur und ihre Details seine Ruhe zu bewahren. Oft von Artilleriefeuer unterbrochen, begab er sich auf Käfersuche und dokumentierte jeden gefundenen Käfer mit Namen, Fundort und –zeit in seinem Käferbuch. Man bekommt den Eindruck, dass dieses Käferbuch und der Abstand, den Jünger durch das Käfersammeln zum Kriegsgeschehen gewann, ihm das Leben rettete. Denn durch diese Ruhe, verlor er auch in chaotischen Kampfhandlungen nie seinen Kopf.

Wahrung der Menschlichkeit

Eine Szene dieser Tagebücher ist besonders aufrüttelnd. Jünger begegnet in einem Schützengraben einem feindlichen Offizier. Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, diesen zu töten. Der Offizier holt jedoch ein Bild seiner Familie hervor und zeigt es Jünger, der daraufhin von ihm ablässt und ihn verschont. Angesichts der totalen Zerstörung, die der Krieg mit sich bringt, ist dies eine aufrüttelnde und bemerkenswerte Handlung, die aber ohne jedes Pathos berichtet wird. Gerade diese nüchterne Sprache ist es, die die Faszination dieser Kriegstagebücher ausmacht. Denn durch diese Nüchternheit, treten die Schrecken des Krieges absolut authentisch und erschütternd hervor. Jünger führt ein Lazarett genauso plastisch vor Augen, wie das Chaos und die Belastung unter schwerem Artilleriefeuer. Mitunter ist das allerdings beinahe unerträglich.

Bildliche Sprache/ Sprache der Bilder

Zu Jüngers detailgenauer Sprache stellen die eingefügten Zeichnungen und Bilder aus den Originalheften Jüngers eine optimale Ergänzung dar. Sie führen nicht nur Jüngers immensen Überblick vor Augen – bspw. wenn er einen Landschaftsplan mit genauer Angabe der Stellungen zeichnet –, sondern lassen auch seinen Blick fürs Detail erkennen, so wie z. B. die Skizzen von verschiedenen Granattypen. Diese Bilder und Zeichnungen sprechen eine ganz eigene Sprache. Sie führen die Nüchternheit des Krieges und auch seine technische Präzision vor, die oftmals in Widerspruch zu der emotionalen Aufgewühltheit und dem inneren Chaos des einzelnen Soldaten steht.

In ihrer Gesamtheit sind die Kriegstagebücher ein wertvolles Dokument – nicht nur für die Jünger-Forschung.

Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914-1918. Hrsg. von Helmuth Kiesel. Klett-Cotta. Stuttgart. 3. Auflage 2010. 655 Seiten. 32,95 €.

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2 Kommentare zu “Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914-1918

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