Peter Handke: Wunschloses Unglück

Eine unstillbare Blutung

In Wunschloses Unglück beweist Peter Handke, dass Sprache kein Heilmittel ist.

Wunschloses Unglück

von Stephan Lesker

Es soll bekanntlich helfen, in Krisenzeiten seine Erfahrungen und Gedanken aufzuschreiben. So haben auch viele Schriftsteller schreckliche Erfahrungen ihres Lebens literarisch verarbeitet. Erich Maria Remarque ist mit Im Westen nichts neues sicher das prominenteste Beispiel. Die Erlebnisse, die Remarque als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg machen musste, bilden den Grundstock seines Buches. Dieses Vorgehen setzt sich durch die gesamte Literaturgeschichte fort: von Goethe bis Robert Gernhardt verarbeiten Literaten ihr Schicksal innerhalb der Sprache. Das dies aber keineswegs immer gelingt, stellt Peter Handke meisterhaft zur Schau.

In der Erinnerung gefangen

Wunschloses Unglück beginnt mit einer Todesanzeige. Die Mutter des Erzählers hat Selbstmord begangen. Fortan stellt der Text einen Versuch dar, das Leben der Mutter zu rekonstruieren. Bald stellt der Erzähler jedoch fest, dass dieses Vorgehen keinesfalls unproblematisch ist. Schon die Frage, was man denn von der Mutter erzählen soll und was nicht, wird unbeantwortbar. Schließlich spielt uns die eigene Erinnerung meistens Streiche. Positive Erlebnisse mit der Mutter werden in so einem Fall eher erinnert, als weniger gute Begebenheiten. Die Zweifel des Erzählers und die Angst davor, die Geschichte könnte ihm entgleiten führen dann schließlich dazu, dass der Text immer wieder von kommentierenden Passagen begleitet wird. Die Handlung wird dabei aber keinesfalls störend unterbrochen. Vielmehr gibt Handke hier einen virtuosen Einblick in die Arbeit des Schriftstellers. Dieses Motiv wird er 1987 in Nachmittag eines Schriftstellers wieder aufnehmen. In Wunschloses Unglück wird die Erinnerung zu einem Gefängnis für den Erzähler. Am Ende ist er nicht mehr in der Lage, sie zu ordnen, sodass nur noch lose Gedankenfetzen folgen.

Bleibende Narben

Was genauso wenig gelingt, wie das Ordnen der Erinnerung, ist die Verarbeitung des Todes. Wie bei Remarque gibt es auch bei Handke einen autobiographischen Hintergrund. Handkes Mutter beging 1971 Selbstmord. Wunschloses Unglück ist der ein Jahr später unternommene Versuch des Autors, dieses Ereignis sprachlich zu verarbeiten, wie es viele vor ihm in ähnlichen Fällen schon getan haben. Handkes Vorgehen wirkt dabei aber eher gezwungen als gewollt. Es ist großer Arbeitsaufwand notwendig, um das Leben der Mutter zu Papier zu bringen. Was dabei dann aber beinahe unversehens entsteht, ist das Bild eines gewöhnlichen Lebens in der Nachkriegszeit. Ein Leben, das große Abgründe hatte. Kein schönes Leben, aber eines, das gelebt wurde und deswegen ein Recht darauf hat, erzählt zu werden. Was jedoch nicht gelingt, ist die Verarbeitung des Todes. Der Tod der Mutter hat buchstäblich ein blutendes Loch in den Leib des Erzählers gerissen und auch durch den Versuch der sprachlichen Verarbeitung wird dieses Loch nicht geschlossen. Die Blutung wird zeitlebens nicht aufhören, aber man wird sich an sie gewöhnen.

Wunschloses Unglück ist Handkes mutiges Eingeständnis der Tatsache, die Grenzen der Erzählkunst ausgelotet zu haben. Es ist der Versuch zu sagen: „Es gibt etwas, das sich mir entzieht und das ich nicht darstellen kann, etwas, das meine Fähigkeiten übersteigt.“ Erst aus diesem Eingeständnis erwächst die wahre Größe des Textes.

Peter Handke: Wunschloses Unglück. Suhrkamp. Frankfurt am Main 2001. 96 Seiten. 7,00 €.

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Ein Kommentar zu “Peter Handke: Wunschloses Unglück

  1. Trotz der Zerrissenheit des WUNSCHLOSEN UNGLÜCKS
    bekommt man aber ein ziemlich genaues Bild von Maria Sivec –
    einer Frau die wie so viele Unglück mit Männern hatte.
    Wie wir von Malte Herwigs Handke Biographie erfahren, hat
    der Handke Vater, ein Bankangestellter namens Schoenemann,
    der als Deutscher Soldat in Griffen stationiert war,
    dann aber die Verbindung auferhalten und später seinen
    unehelichen Sohn kennengelernt.Für Maria war er die Liebe
    ihres Lebens, und sie fiel scheinbar in eine tiefe Depression
    während ihrer Schwangerschaft, da er sie nicht heiraten
    würde da er es schon war, und andere Kinder hatte – halb Geschwister die Handke aber nie erwähnt, im Vergleich zu den Kindern die Bruno Handke, ein Soldat aus der selben Mannschaft, dann mit Maria gemacht hat, und den sie scheinbar heiratete um kein uneheliches Kind auf die Welt zu bringen. Marias Freude am Leben hat also einen Kurzschluss erlitten. Der Grund für den Selbstmord, wie wir später herausfinden, war dass der Bruno Anfang der 70ziger Jahre aus einer Tuberkolose Heilanstalt wieder zu ihr nach Griffen kommen sollte – die Idee wieder mit diesem grässlichen Mann zusammen zu leben, also. Also, auch, Scheidung, Trennung – auf diese Idee scheint weder Maria noch ihre Eltern die Sivecs nocht Peter Handke gekommen zu sein. Es ist leicht anzunehmen, aber kaum zu beweisen, dass die tiefe Depression während ihrer Schwangerschaft einen Eindruck auf ihr Kind hinterlassen hat, und dass das Depressive an dem juengeren Handke daher stammt. Von Herwig findet man auch heraus, dass diese Fahrt nach dem Gymnasium mit dem leiblichen Vater Schoeneman nie statt gefunden hat, also auch nicht seine angebliche Furcht dass die Hoteliers ihn und Peter fuer ein schwules Paar halten koennten. Handke sagte später, nachdem das Buch fertig war, dass es ihn lockte endlich wieder lügen zu können. Vielleicht hat er diese äußerst komische und auch dem Vater gegenüber so hässliche Lüge dann schon vergessen; Handke, selber, so kommt es mir manchmal vor, kann ein sehr gespaltenes Wesen sein. Jedenfalls war dieser Selbstmord ein der zwei Hauptgründe für seine sieben Jahre lange Krise. Der andere Grund war, dass ihn seine erste Ehefrau, die Libgart Schwarz, aus allerbesten Gründen geflohen war, daraufhin, wie wir von Peymann erfahren haben, versuchte Handke selbst Selbstmord, spuckte aber die Pillen wieder aus. Die Erinnerung an seine anwesende Tochter war es scheinbar die ihn dann glücklicherweise daran gehindert hat. Was einen wie mich an Handke so verwundert ist dass er trotz der tiefen Identifikation mit seiner Mutter, sich oft so zu Frauen benommen hat wie Stiefvater Bruno, und dass Handkes Ansichten über Frauen mich an seiner Intelligenz zweifel lassen, um es milde auszudrücken.

    http://handke-magazin.blogspot.com/2010/06/handke-magazine-is-over-arching-site.html

    http://www.facebook.com/mike.roloff1?ref=name

    https://twitter.com/mikerol69

    http://www.roloff.freehosting.net/index.html

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