Rainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft

Frisst der Kapitalismus seine Kinder?

Rainald Goetz‘ Roman Johann Holtrop als unverwechselbares Zeitdokument

 Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft. Roman

von Stephan Lesker

Johann Holtrop lebt und arbeitet in einer Welt, in der es einzig und allein um Superlative geht. Nur die Besten, Schnellsten, Rücksichtslosesten haben eine Chance in dieser Welt erfolgreich zu sein. Um aber erfolgreich zu bleiben, ist man gezwungen, sein eigenes Potenzial ständig bis zur Erschöpfung abzurufen. Selbst dann hat man aber noch lange keine Überlebensgarantie in dieser Welt, denn die Perfidie und Hinterhältigkeit potentieller Konkurrenten stellt eine ständige Gefahr dar. Kurz gesagt: Johann Holtrop arbeitet in der Wirtschaft. Er ist Chief Executive Officer (CEO) der Assperg AG, einer Firma, von der eigentlich niemand so genau weiß, was sie macht. Es handelt sich um ein vages Konglomerat aus kleineren Firmen, die alle irgendwas mit Medien zu tun haben: Fernsehsender, TV-Verlage und ähnliches. Wenn man es genau betrachtet, macht die Assperg AG nichts anderes, als andere Firmen auf Kreditbasis aufzukaufen.

In dieser Firma hat sich Holtrop nun also zum Vorstandsvorsitzenden hochgearbeitet. Er ist angekommen in der Welt der Superlative. Tatsächlich besitzt er alle Charaktereigenschaften, die ein erfolgreicher Wirtschaftsboss heutzutage benötigt: Holtrop ist zu großen Opfern bereit, vernachlässigt sein Privatleben, ist mit Leidenschaft bei der Sache. Er lebt für seine Arbeit. Aber da gibt es noch die andere Seite der Medaille: Holtrop ist jemand, der über Leichen geht, ein unsympathischer Blender, dessen blinder Aktionismus von ihm selbst als Kreativität und Schaffenskraft missinterpretiert wird. Holtrop ist ein Wahnsinniger der einzig von dem Gedanken angetrieben wird, andere zu übertrumpfen. Ist er anderen fachlich unterlegen, tut er so, als wäre er es nicht. In einer Welt, in der es einzig darum geht zu funktionieren, suggeriert Holtrop allen, dass er funktionieren würde. Ein wenig erinnert er (auch wenn man mit solchen Vergleichen immer vorsichtig sein sollte) an den American Psycho Patrick Bateman, allerdings ohne blutrünstige Attitüde.

Keine Menschen sondern Typen

Goetz zeichnet in diesem Roman seine Charaktere überdeutlich und versieht sie alle mit einer Art Label. Da haben wir zunächst Holtrop, den Blender, dann ist da noch Thewe der gutmütige Kumpeltyp, Ahlers der Fachidiot oder auch Assperg der entmachtete Firmenvater. Durch diese Art der Charakterzeichnung wird deutlich, dass Goetz sich weniger auf die einzelnen Individuen konzentriert. Vielmehr ist er bemüht ein generelles Bild zu zeichnen. Der Roman schildert die Jahre 1998 bis 2010. Die rosigen Wirtschaftsjahre sind beinahe vorbei und die Krise beginnt. Viele Firmen, ob klein oder groß, werden ihr zum Opfer fallen. Die Geschehnisse in der Assperg AG wirken als Schablone, die beliebig auf andere Firmen anwendbar wäre. Zum Repertoire der AG in der Krise zählen betriebsbedingte Kündigungen, halblegale Umschuldungen und das ständige Ausloten gesetzlicher Grenzen überhaupt. Die Typen, die Goetz dabei schildert, wären in jedem Vorstand einer jeden beliebigen Firma zu finden. Dabei entsteht der Eindruck der Austauschbarkeit der Charaktere und somit gelingt Goetz der Hinweis auf ein Credo des Kapitalismus: Jeder ist ersetzbar.

Trostlose Dilettanten

Grundsätzlich bekommt der Leser es in Goetz‘ Roman mit einer Reihe von Wahnsinnigen und Idioten zu tun. Alle Charaktere sind auf mindestens eine Weise unfähig: Holtrop ist nicht in der Lage, seine fachlichen Defizite zu beseitigen, Thewes Güte wird als Schwäche interpretiert, Ahlers lebt als Finanzvorstand zu sehr in der Welt der Zahlen und der alte Assperg ist sowieso außen vor.

Holtrops Bemühungen, seinen Sitz bei Assperg irgendwie durch die Krise zu retten, erweisen sich im Nachhinein wieder nur als der blinde Aktionismus, der charakteristisch für Holtrop ist. Der Kapitalismus frisst seine Kinder zwar nicht, aber entlässt sie, wie in Holtrops Fall, als nervliches aber immerhin wohlhabendes Wrack. Menschen wie Holtrop leben für ihre Arbeit, ohne sie sind sie nichts.

Ein Roman der Krise?

So, wie Goetz seine Charaktere etikettiert, könnte man seinem Roman ebenfalls ein Etikett anheften: Goetz hat den Roman der Wirtschaftskrise geschrieben. Nun wäre das aber doch ein wenig vorschnell gesagt. Goetz‘ Roman reiht sich in seinen Zyklus Schlucht ein und steht damit inmitten so unterschiedlicher Bücher wie: loslabern, Klage oder elfter september 2010. In diesem Zyklus verschreibt Goetz sich einem einfachen aber bedeutsamen Credo. Er porträtiert die sogenannten „Nuller-Jahre“, das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. In diesem Zyklus zeigt sich der moderne Autor, der Goetz schon immer war. So veröffentlichte er als einer der ersten deutschsprachigen Autoren auch Texte im Internet. Besonders im Holtrop ist seine Sprache voll von neuzeitlichen und wirtschaftlichen Modeausrücken. Ein Vorstandsvorsitzender ist eben kein Vorstandsvorsitzender mehr, er ist ein CEO. Durch die Verwendung solcher Ausdrücke, gelingt es Goetz, die Moderne und den Elan auszudrücken, der nötig ist um (nicht nur in der Wirtschaft) erfolgreich zu sein. Ob Anglizismen gut oder schlecht sind, sei dahingestellt, auf jeden Fall sind sie zeitgemäß und seien wir doch mal ehrlich: Wenn man auf der Straße diese jungen erfolgreichen Manager vom Typ „Jetset-Lifestyle“ mit ihren Tablet-PCs in der einen und ihrem Smartphone in der anderen Hand sieht, denkt man doch nicht mehr an den Terminus „Vorstandsvorsitzender“. Das sind keine Vorstandsvorsitzenden mehr, es sind CEOs. Diesem Phänomen ist Goetz mit seiner Sprache mehr als gerecht geworden, auch wenn er sich konsequent weigert, dass „e“ bei dem Wort „Türe“ wegzulassen. Dieses kleine „e“ jedoch wirkt wie ein Relikt aus einer älteren, vielleicht besseren Zeit und verleiht der Sprache des Romans einen unverwechselbaren Charme.

Johann Holtrop ist also nicht nur der Roman der Wirtschaftskrise. Vielmehr ist er Teil eines umfassenden Porträts jener Zeit, die durch diese Krise mitgeprägt wurde. Was Goetz dabei wahrscheinlich am besten gelingt, ist das Einfangen des Klimas dieser Jahre in den oberen Etagen der Wirtschaft. Gegenseitige Verachtung, Angst vor Verrat, Unterdrückung jeglicher Anzeichen von Schwäche sind kennzeichnend für ein Arbeitsumfeld in der jeder eine Leiche im Keller hat. Es geht nicht darum, den Rivalen durch bessere Arbeit auszustechen sondern darum, ihm etwas anhängen zu können und ihn so zu zerstören.

Rainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft. Suhrkamp. Frankfurt am Main. 4. Auflage September 2012. 343 Seiten. 19,95€.

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