Angelika Overath: Flughafenfische

Drei Biotope – eine Symbiose zwischen Hektik und Stillstand.

von Martar

Flughafenfische erschafft eine eigene Biosphäre, die sich mit den autarken Lebensräumen irdischer Lebewesen auseinandersetzt. Passend zum Diskurs des Klimawandels, zeigt uns dieser Roman die Komplexität des Lebens und verzaubert den Leser durch die liebevolle metaphernreiche Sprache, die die Kunstwelt der Menschen mit der Naturwelt der Tiere vergleicht. Besonders der mikroskopische Blick auf das Unterwasserleben eines Aquariums, das ein Fassungsvermögen von 200.000 Litern hat, betont die fragile Beschaffenheit des Ökosystems. Das Aquarium befindet sich in einem großen Flughafen und soll die wartenden Fluggäste bei Laune halten.

Tobias Winter, gelernter Schreiner, ist der Aquarist dieses künstlichen Biotops. In diesem Beruf entwickelt er im Laufe der Zeit eine feine Beobachtungsgabe für die Lebewesen im Aquarium. Schnell bemerkt er, dass sich die Erkenntnisse seiner Beobachtungen spielend leicht auf die Menschen übertragen lassen.

Tobias lernt Elisabeth vor dem Aquarium kennen. Sie ist Fotografin für Hochglanzmagazine und kommt durch ihren Beruf viel in der Welt herum. Als ihr Flieger aufgrund des Nebels nicht starten kann, wird sie zum Stillstand gezwungen. Elisabeth wird von einer Müdigkeit übermannt und sucht den Ausgleich in der Nähe des Aquariums.

Scheinbar deplatziert wirkt auf den ersten Blick der Raucher. Er wird dem Leser als ein pessimistischer Biochemiker präsentiert, der den Trennungsschmerz von seiner Frau mit Zigaretten und Whiskey abtöten will. So sitzt dieser Mann in der Isolationshaft seiner Raucherzelle und outet sich als Wehklagender über die Verhältnisse in der Welt. Dieser Charakter bleibt im gesamten Roman ein Einsiedlerkrebs, der sich in seine verrauchte Höhle zurückzieht und als Nebencharakter hin und wieder wie ein Krebs unter dem Stein auf die hektische Welt hervorschaut

Angelika Overath gelingt in dreifacher Weise eine hervorragende Charakterisierung. Sie verdeutlicht mit ihrem Roman, dass jedes Lebewesen einen eigenen festen Platz hat und dennoch stets in Verbindung mit anderen Lebensräumen steht. So wirken die Fluggäste wie Fische, die auf ihre Umsetzung in ein anderes Becken warten. Und wenn es um die Ernährung geht, sind Menschen nicht wesentlich anspruchsvoller als Fische in einem Aquarium.

Der Roman beschreibt die Sehnsucht nach einem harmonischen Gleichgewicht zwischen den Lebewesen, mit möglichst vielfältigem Artenreichtum und überzeugt den Leser mit dieser philanthropischen Grundstimmung von einer entschleunigten Welt.

Angelika Overath: Flughafenfische. Luchterhand Literaturverlag. München 2009. 173 Seiten. 17,95 €.

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