Matthias Politycki: Jenseitsnovelle

Albtraumdeutungen – eine Geschichte von Verlustängsten und Schuldgefühlen.

jenseitsnovelle

von Martar

Das Telefon klingelt. Es reißt mich aus meinem Schlaf. Ich nehme ab, eine Stimme flüstert mir ins Ohr: „Doro ist tot.“

Ich: „Das ist tragisch, aber wer ist Doro?“

Die Stimme antwortet: „Die Ehefrau des Mitte sechzigjährigen Hinrich Schepp, ihr voller Name lautete Dorothee Wilhelmine Gräfin von Hagelstein.“

Ich: „Das sagt mir immer noch nichts.“

Anrufer: „Die Zwei lernten sich im Wintersemester 1979/80 kennen, sie war anfangs noch die hübsche, junge Kollegin. Damals erst 26 Jahre alt. Sie lernten sich an der Uni kennen und heirateten noch im selben Jahr.“

Ich: „Und die ist jetzt gestorben?“

Anrufer: „Ja.“

Ich hake nach und frage erneut: „Wirklich?“

Keine Antwort.

Ich denke mir im Stillen: „Insgeheim weiß ich zwar immer noch nicht, wer diese Personen sind, aber das ist eine traurige Angelegenheit.“

Der Mann am Telefon sagte noch: „Sie wurde nur 55 Jahre alt. Ich sage dir, sie ist durch Schepps schlechte Kurzgeschichten gestorben, er hatte sie ja immer gebeten, seine Sachen Korrektur zu lesen. Hinrich fand sie selbst eines Morgens tot im Sessel, mit seinem Manuskript. An den Seitenrändern standen etliche Bemerkungen von ihr, die darauf verweisen, dass er sie wohl mit irgendeiner Dana betrogen haben soll. Und das wusste sie anscheinend.“

Ich: „Es war also Mord?“

Anrufer: „Nein war es nicht, das ist hier ja kein schlechter Krimi von dem ich berichte.“

Ich: „Ein wirklich tragischer Verlust für diesen Schepp. Ich meine, man stelle sich einmal vor, die eigene Frau stirbt in unmittelbarer Nähe, ohne selbst etwas davon mitzubekommen und ohne sich von ihr auf gutem Wege verabschieden zu können. Und dann hinterlässt sie auch noch schriftliche Anschuldigungen auf irgendwelchen Manuskripten, wirft einem Betrug vor, und man bekommt nie wieder die Möglichkeit diesen Vorwurf mit ihr auszudiskutieren. Das ist schlimmer als jeder gut inszenierte Albtraum irgendeines Romans.“

Anrufer: „Ja das ist es“ antwortete die männliche Stimme am Telefon und ergänzt: „Als Randnotiz las Schepp zudem von ihr, dass er für sie gestorben ist und auch nicht mehr zurückkommt. Selbst nach dem Tod wird sie nicht einmal auf ihn warten.“

Ich: „So eine Aussage von der kürzlich Verstorbenen brandmarkt das eigene Gewissen. Das ist ein schwer verdaulicher Stoff.“

Anrufer: „Neunundzwanzig Jahre waren die beiden verheiratet. Da kann es schon mal vorkommen, das sich da was aufstaut. Er hat ihre Zeichen über die Zeit wohl nicht recht zu deuten gewusst, und das ironischerweise als Professor der Sinologie. Oder aber er wusste das Glück dieser Ehe einfach nicht zu schätzen.“

Ich: „Verflucht noch mal, wer diese beiden bloß sind? Irgendwoher kenne ich auch diese Stimme am Telefon.“

Anrufer: „Auf Wiedersehen“ sagte der Mann am anderen Ende der Leitung und legte auf.

Ich: „Was heißt hier auf Wiedersehen. Ist das alles ein schlechter Traum? Da ruft mich einer an, den ich nicht kenne und erzählt mir vom Tod einer Frau, die ich auch nicht kenne. Das ist absurd.“

Ich ging erst einmal ins Badezimmer und schüttete mir kaltes Wasser ins Gesicht. Urplötzlich fiel mir ein, wer das am Telefon war. Na klar, es musste mein Kollege gewesen sein. Ich hatte ihn vor wenigen Tagen gebeten, das Buch „Jenseitsnovelle“ von Matthias Politycki für mich zu lesen. Ich muss nämlich bis Ende dieser Woche die Rezension dazu geschrieben haben. Aus Zeitnöten bat ich ihn, mir während seines Urlaubs mitzuteilen, worum es geht und … Moment mal, er sollte doch eine kurze Bewertung über das Buch abgeben. Zurückrufen kann ich ihn jetzt auch nicht mehr, der treibt sich wer weiß wo herum. Eine tolle Art mir so den Inhalt des Buches wiederzugeben. Ich bin genauso schlau wie zuvor. Aber uninteressant klang das ja nicht, was er so erzählt hat. Dann schreibe ich eben das Polityckis Jenseitsnovelle von einer tragischen Begebenheit erzählt, die außerordentlich spannend, rätselhaft und mitfühlend gestaltet wurde und dass das Buch kaufenswert sei. Dass dieses Buch geschickt zwischen Wirklichkeit und Fiktion pendelt und der Leser beim erstmaligen Lesen in Verwirrung gehalten wird, sich am Ende aber doch alles in Harmonie aufklärt.

Matthias Politycki: Jenseitsnovelle. Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2009. 125 Seiten. 15,95 €.

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