Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen

Die Obsession des Jägers

Wie ein untypischer Kriminalroman aussehen könnte

 

Dürrenmatt_Versprechen

von Torsten Ehlers

Friedrich Dürrenmatt hat mit dem Roman Das Versprechen einen Kriminalroman geschrieben. Klar ist, dass es einen Mord geben muß. Ebenso ist ein Ermittler auf der Jagd nach dem Täter. Soweit so gut könnte man meinen, aber ganz so einfach ist es mit dem Roman von Dürrenmatt nicht. Dass er ein heikles Thema anspricht, nämlich Sexualverbrechen an Kindern, ist ebenfalls noch nicht das Außergewöhnliche an diesem Werk. Außergewöhnlich erscheint vielmehr der Untertitel des Romans, „Requiem auf den Kriminalroman“. Die Vermutung liegt nahe, dass hier ein Abgesang, ein Totengesang, ja vielleicht sogar ein Nachruf auf das Genre des Krimis stattfinden soll. Dürrenmatt erklärt sogar seine Intention, wenn man es zulässt, dass die Figuren im Roman es einem erklären. Aber der Reihe nach. Kommen wir zunächst zur Handlung, denn diese ist logisch und für jeden Leser greifbar.

Am helllichten Tag wird ein Mädchen getötet aufgefunden. Der Fall stellt die Behörden vor ein Rätsel, da vom Täter jede Spur fehlt und die Polizei auch keinen Ansatz hat, den Täter zu ermitteln. Die Tat weist lediglich Ähnlichkeiten mit anderen Morden an Kindern oder besser Mädchen auf. Nur die Umgebung, in der man die getöteten Mädchen findet, scheint die Verbindung zwischen den verschiedenen Fällen zu sein: eine Bundesstraße, die der Täter offenbar immer wieder benutzt, um sich seine Opfer zu suchen. Doch ist es wirklich so einfach? Könnte es nicht Zufall sein, dass der Mörder immer wieder diese Straße nimmt? Oder sagen wir es anders, geht der Mörder wirklich auf die Suche, in dem er die Orte an dieser Bundesstraße aufsucht und Ausschau nach potenziellen Opfern hält? Vielleicht ist es ja ganz anders. Wäre es nicht möglich, dass der Mörder, logischerweise Familienmensch und überhaupt nicht auffällig, nur regelmäßig diese Straße entlang fährt, weil er etwa einer Verwandten etwas bringt und dabei zufällig auf seine Opfer stößt? Die Jagd des Kommissär Matthäi beginnt. Gebunden an sein Versprechen den Eltern des letzten Opfers gegenüber, den Täter zu finden, lässt ihn besessen werden. Besessen davon, den Täter mit allen Mitteln zu finden und seiner gerechten Strafe zuzuführen. Seine Vorgehensweise erscheint mehr als fragwürdig, denn seine Methode bedeutet, einen menschlichen Köder für den Mörder auszulegen.

Ein Kriminalroman ist logisch, die Realität und die Menschen nicht

Bereits im ersten Gespräch zwischen einem Krimiautoren und einem Polizeibeamten stellt Dürrenmatt das Genre des Kriminalromans zur Diskussion. Der Autor, in unserem Fall der Ich-Erzähler der Rahmenerzählung des Romans, schildert seine Begegnung mit dem Polizeibeamten Dr. H. Dieser lauschte einem Vortrag des Ich-Erzählers und nach der Diskussion kommen die beiden ins Gespräch. Dr. H. teilt seine Erlebnisse dem Krimiautoren in einem unlogischen Fall mit. Er erzählt vom Kommissär Matthäi und seiner bis dato erfolglosen Jagd nach dem Mörder. Zu allem Übel hält die Jagd bis zum Zeitpunkt des Gesprächs an, denn Matthäi will erst ruhen, wenn er den Mörder gefasst hat. Im Rahmen seines Erzählens, lässt Dr. H. auch die Kritik an den Autoren der Kriminalromane einfließen. Er wirft den Autoren vor, zu logisch zu sein. In ihrer Phantasie würden sie eine heile Welt erschaffen, in der die Ergreifung des Täters sinnvoll ist, weil alle Menschen bis auf den Mörder gut sind oder, um es einschränkender zu sagen, eigentlich gute Ziele haben. Doch die Realität ist nicht immer logisch. Morde geschehen nicht nur aus Gier, Rache, Neid, Eifersucht und Liebe. Manche Menschen sind einfach pathologisch boshaft oder werden zum Mörder, weil sie die Gelegenheit dazu haben. Dr. H. kritisiert allerdings nicht nur die Beschreibung der Täter. In seinem verbalen Rundumschlag greift er auch die beschriebene Ermittlungsarbeit der Polizei an. Weiterhin wirft er den Autoren vor, dass sie dafür sorgen würden, dass alle Welt von der Polizei erwarte, ein Happy End zu schaffen und dass es immer einen Helden geben müsse. Er geht sogar so weit zu sagen, dass durch die Autoren der Kriminalromane jeder Mensch meint ein Anrecht auf ein Happy End zu haben. Nie seien Ermittlungsarbeiten an Mordfällen in Krimis von irgendwelchen Störfaktoren betroffen. Immer gehe es wissenschaftlich zu. Dabei ist die  Ergreifung eines Täters meist keine Wissenschaft, sondern lediglich Glück. Die Frage, die sich hier nun stellt und die sich beim Lesen des Romans hoffentlich immer im Hinterkopf befindet, ist: wird Matthäi den Mörder wirklich fassen oder wird dieser Fall „realistischer“ beschrieben und alles hängt an einem Zufall 

Der wahnsinnige Jäger

Eine Stärke des Romans ist die Figur des Kommissär Matthäi. Dürrenmatt beschreibt hier den Fall eines angesehenen Polizisten, der an einem Mordfall schier verzweifelt und der einer logischen Ermittlerfigur aus einem Roman gleicht. Die „reale“ Welt lässt Matthäi besessen werden. Dabei weist er alle Merkmale eines Helden auf. Jedoch verrennt er sich in dem Fall des toten Mädchens so sehr, dass er sogar seinen Polizeidienst quittiert. Eigentlich kann er an nichts anderes mehr denken, als daran, den Täter zu fassen. Seine Jagd nach dem Mörder wird zur Obsession und alle anderen Polizisten halten ihn mittlerweile für verrückt. Matthäi muss sich nicht nur der Schwierigkeit des Mordfalles widmen, nein, er sieht sich nun auch anderen Störfaktoren ausgesetzt. Bevor er aus dem Polizeidienst ausscheidet, lassen ihn seine Kollegen von einem Psychiater untersuchen. Eigentlich soll dieser Psychiater feststellen, dass Matthäi verrückt ist, aber dieser wagt die Diagnose nicht, denn mit ihm redet der Kommissär vernünftig und er argumentiert logisch. Mit zunehmender Dauer, in dem im Mordfall des Mädchens kein Vorankommen ist, entwickelt Matthäi die Theorie, dass dem Mörder nur beizukommen ist, in dem man sich nicht an die Regeln hält und so greift er auf Methoden zurück, die jedem Menschen fragwürdig erscheinen. Er nimmt ein Mädchen als Köder und will so den Mörder locken und zur Strecke bringen.

Dürrenmatt gelingt mit „Das Versprechen“ ein Wahnsinnsbuch, weil er nicht lediglich einen wahnsinnig untypischen Krimi geschrieben hat, sondern auch weil seine Hauptfigur der Kommissär nah am Wahnsinn zu sein scheint. Dürrenmatt kritisiert nicht nur die Kriminalromane, sondern führt auch wunderbar vor, was passieren könnte, wenn eine heroische Figur auf die verschiedensten Störfaktoren der Wirklichkeit stoßen würde. Weiterhin spielt er im gesamten Roman mit den Begriffen verrückt und normal. Es ist atemberaubend zu lesen, wie schnell man den Stempel „verrückt“ von Anderen angehängt bekommt. Dennoch ist und bleibt dieses Werk ein Kriminalroman und so sehr auch das psychische Gemüt des Kommissär interessant bleibt, wird der Fall dennoch aufgelöst. Nicht von Matthäi, so viel sei hier vorweg genommen, aber der Mörder bekommt eine Strafe, wenngleich sie dem mehr und mehr verfallenden Matthäi nicht helfen wird.

Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen. DTV 1390. München 2009. 160 Seiten. 5,90 €.

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Ein Kommentar zu “Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen

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