Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki

Ein Schlückchen zwischendurch…

Mit Wenedikt Jerofejew auf Reisen.

Jerofejew

von Stephan Lesker

Wenn man mit dem Zug fährt, weiß man nie, auf was man sich eingelassen hat. Ein großes Abenteuer ist genauso möglich wie gähnende Langeweile. Wählt man sich allerdings Wenedikt Jerofejew zum Begleiter, hat man zumindest eine Gewissheit: Verdursten wird man nicht.

Der gleichnamige Protagonist in Jerofejews Text fährt an jedem Wochenende die für russische Verhältnisse relativ kurze Stecke von Moskau nach Petuschki, wo ihn angeblich seine Freundin erwartet. Dabei sorgt er immer dafür, dass in seinem Gepäck eines nicht fehlt: Unmengen von Schnaps.

Das russische Verhältnis zum Alkohol

Über das russische Volk und ihren Standpunkt zum Thema Alkohol kursieren unendliche Listen von Anekdoten und Klischees. Man erinnere sich nur an den tanzenden Boris Jelzin oder rufe sich das bekannte Gerücht in Erinnerung, wonach Konrad Adenauer vor den Verhandlungen über die Freilassung deutscher Kriegsgefangener in Russland jedesmal ein Teelöffelchen Öl zu sich nahm um bei den harten und nervenaufreibenden Verhandlungen mit den russischen Politikern in Sachen Wodka mitzuhalten.

All dies hat dazu beigetragen, dass das Klischee vom Alkohol trinkenden Russen salonfähig geworden ist. So behauptet auch Jerofejew, dass Alkohol ein Grundpfeiler russischer Existenz sei. Das oberflächliche Klischee erfährt bei ihm jedoch eine tragische, wenn auch augenzwinkernde Untermauerung. Wodka ist nach Jerofejew in Russland billiger als Fleisch und so trinken die Armen schlicht und einfach aus Armut. Die denkenden Russen hingegen sehen dieses Leid der armen Bevölkerung und trinken, weil sie es nüchtern nicht ertragen können. Jerofejews Text berührt hier auf humorvolle Weise die Leiden des russischen Volkes indem er die „denkenden“ Russen karikiert, die sich den Blick auf das Leid der Armen lieber mit Wodka verklären als etwas dagegen zu unternehmen.

Streifzug durch die Weltliteratur

Jerofejews „Poem“, wie es im Untertitel heißt, gerät unversehens zu einem Streifzug durch die Anfänge der Weltliteratur. Als erstes wäre hier Boccaccio zu nennen in dessen Decamerone sich eine Gruppe Adliger in einem Landhaus verschanzt hat und sich zum Zeitvertreib Geschichten über Liebe erzählt, während draußen die Pest immer näher rückt. Parallel dazu erzählt man sich bei Jerofejew auf der Zugfahrt zum Zeitvertreib Geschichten über Liebe, während das Delirium immer näher rückt.

Weiterhin gibt es Anklänge an die Geschichten aus 1001 Nacht, welche die schöne Scheherazade dem Sultan erzählt, um ihn davon abzuhalten, seinen gesamten Harem nacheinander hinzurichten. Dabei unterbricht sie jedesmal an einer besonders aufregenden Stelle, sodass auch der Sultan jedesmal die geplante Hinrichtung vergisst. Gleiches gibt es auch bei Jerofejew. Der Sultan ist hier allerdings ein Schaffner und er droht auch nicht mit Hinrichtung.

Als dann auch noch der geliebte Alkohol verschwindet, wird Jerofejew sogar zum Profiler, der die Physiognomie aller Anwesenden auf ihre mögliche Täterschaft hin untersucht.

Tragikomisch

So lustig und erheiternd Jerofejews Anekdoten sind, schwingt doch immer eine gewisse Schwermut mit, die den Reiz des Textes ausmacht und hinter dem belustigenden Trinker Jerofejew erscheint eine Figur, die auch ihre Tiefen hat. Jerofejews Problem ist nicht der Alkohol. Hin und wieder ein Gläschen zwischendurch würden aus ihm nicht gleich einen Trinker machen. Jerofejews eigentliches Problem ist, dass sein Leben und besonders die Zugfahrt nach Petuschki nur aus diesen „Zwischendurchs“ besteht. Zwischen zwei Haltestellen lässt es sich nun einmal gut trinken, man hat ja gerade nichts anderes zu tun.

Im Zusammenfluss von haarsträubenden Cocktailexperimenten (unter anderem mit Anti-Fußschweißpuder) und Reflexionen über die russische Seele und das russische Volk entspringt ein humorvoller, tiefgründiger und aufschlussreicher wenngleich manchmal auch kryptischer Text.

Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki. Ein Poem. Piper. München/Zürich. 15. Auflage 2012. 176 Seiten. 8,99 Euro.

oder in einer anderen Übersetzung:

Venedikt Erofeev: Moskau-Petuski. Ein Poem. Kein und Aber. Zürich. 2. Auflage 2005. 18,90 Euro.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s