Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend

Jenny Erpenbeck zeichnet in ihrem Roman mögliche Grenzpunkte zwischen Leben und Tod nach.

Aller Tage Abend von Jenny Erpenbeck

von Nicole Kutzner

Die Hauptfigur in Jenny Erpenbecks Roman stirbt bereits kurz nach ihrer Geburt. Zumindest erst einmal. Die Hilflosigkeit des jungen Ehepaares, während des Sterbeprozesses ihres Kindes, nimmt seinen Anfang in gegenseitigen, unausgesprochenen Schuldzuweisungen und findet schließlich in deren Trennung  ihren Höhepunkt. Während er unmittelbar nach dem Tod des Kindes das Haus verlässt, mit einem Schiff nach Amerika übersetzt und nie wieder zurückkommt, übergibt sie zumindest ihren Körper den jüdischen Bräuchen und Sitten. Während er bei der Einreise in Ellis Island so etwas wie eine zweite Geburt erfährt, wünscht sie sich, dass nicht Gott, sondern der Zufall regieren würde. Während er, der sonst nur in Zahlen denkt, überlegt wie schwer sich der Tod eines Kindes gegen dessen Leben aufwiegen lässt, fragt sie sich, welcher Zukunft sie alle durch den Tod des Kindes beraubt wurden. Dieser Frage geht Jenny Erpenbeck im weiteren Verlauf ihres Buches nach.

Was wäre also anders gewesen, wenn der Zufall regiert hätte?

Beispielsweise hätte eine Handvoll Schnee das Herz des Kindes wieder zum Schlagen bringen können. Das Kind hätte überlebt und an der Hand der Mutter laufen gelernt.  Als Teenager hätte sie sich unglücklich verlieben und durch einen Kopfschuss sterben können. Vielleicht hätte sie aber auch überlebt, ein Kind bekommen und sich einer politischen Ideologie geopfert, die schließlich sie opfert? Oder stirbt sie als bekannte Schriftstellerin im Alter von sechzig Jahren? Oder sogar erst als neunzigjährige psychisch und physisch gezeichnet vom Leben?

Ein unbeschreiblich tiefgreifender und weitreichender Roman

Folgt unser Leben im Diesseits irgendeiner Art von Gesetzmäßigkeit? Vielleicht einer göttlichen? Oder unterliegt alles, was uns ereilt dem Zufall? Jenny Erpenbeck versucht in ihrem Roman aufzuzeigen, wie viele Faktoren während eines Menschenlebens ausschlaggebend dafür sein können ob wir sterben oder überleben. Nur um uns dann letztendlich doch der Unausweichlichkeit des Todes hinzugeben.  Die Auseinandersetzung mit diesen existentiellen Fragestellungen ist eingebettet in eine Schilderung der historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Diese werden von Erpenbeck so stilsicher beschrieben, dass der Leser sich den unterschiedlichen Schreibrythmen von Prosa und Lyrik, zwischen denen die Autorin hin und her wechselt, problemlos anpassen kann.  Vielleicht gelingt dies Erpenbeck so mühelos, weil sie in diesem Buch die Sprache ihrer Familie spricht. Denn die Vorlage für diesen Roman bildet das Leben ihrer Großmutter Hedda Zinner.

Den einzigen Vorwurf den man der Autorin machen kann ist, dass ihr Buch mit derartig vielen Gedanken zu Politik, Religion, Philosophie etc. vollgestopft ist, dass man aus dem Nachdenken gar nicht mehr rauskommt – geschweige denn guten Gewissens einen Schwerpunkt in einer Rezension zu setzen vermag, ohne im Hinterkopf zu haben, auf was man alles leider nicht eingehen konnte. Jeder Leser möge für sich selbst entscheiden, ob ihn dieses Buch fordert oder überfordert.

Die schriftstellerische Kunst einen Roman zu schreiben, bestehe laut Erpenbeck u.a. darin, eine Geschichte auch über die Sprache und nicht nur über den Inhalt zu transportieren. Dies ist Erpenbeck mit diesem Roman auf jeden Fall gelungen. Und auch wenn der Tod in diesem Buch auf jeder Seite unweigerlich mitschwingt, ist kein Roman lebensbejahender als dieser. Denn wie Erpenbeck feststellt; egal wofür wir meinen sterben zu müssen, es gibt nichts, für das es sich wirklich lohnt, sterben zu wollen.

Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend. Albrecht Knaus Verlag. München 2012. 283 Seiten. 19,99 €.

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