Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski

Der Esel der sich zuerst nannte

Wie die Wissenschaft eine Symbiose mit der Kunst eingeht

KehlmannIchKaminski

von Torsten Ehlers

Die Frage, was zuerst gewesen ist, Huhn oder Ei, ließe sich bestimmt auch auf die Wissenschaft und die Kunst anwenden. Nur eins ist klar, bevor Wissenschaftler irgendetwas analysieren konnten, musste erst einmal ein Werk geschaffen worden sein, wie zum Beispiel ein Roman, eine Skulptur, eine Plastik oder auch ein Gemälde. Somit scheint diese Frage doch eigentlich klar und eindeutig beantwortet. Oder vielleicht doch nicht? Daniel Kehlmanns Roman Ich und Kaminski stellt diese Frage, aber gibt er auch eine Antwort? Eins sei hier vorweg genommen, die Kunst ist nicht der Esel der Wissenschaft.

Sebastian Zöllner, so der Name des Protagonisten und Vertreters der Wissenschaft, ist ein Unsympath. Überheblich nähert er sich dem alternden Maler Manuel Kaminski, der Vertreter der Kunst, weil er dessen Biographie schreiben möchte. Zöllners Arroganz steht ihm dabei im Wege. Seine Methoden sind äußerst fragwürdig. Um sich Kaminski zu nähern bricht er in dessen Haus ein und untersucht diverse Möbelstücke nach Anhaltspunkten. Nach diesem Vorgehen gönnt man ihm all das, was ihm im Laufe der Handlung widerfährt, denn aus dieser Konstellation entspringt nicht nur eine Satire auf die Kunstwelt, sondern es entspringt ebenfalls ein Roadtrip durch Deutschland. Ein Trip, der ein bisschen an den Film Knocking on heavens door erinnert. Gleiches gilt im Übrigen für das Ende des Romans, denn hier erreichen Kaminski und Zöllner das Meer.

Wie die Kunst so funktioniert

Wie bereits erwähnt, ist Ich und Kaminski eine Satire und Parodie auf die Welt der Malerei und vor allem den Kunstbetrieb. Es wird deutlich, dass man nicht wirklich ein hervorragender Maler oder Bildhauer sein muss. Wichtig ist nur, dass es jemanden gibt, der in den Werken Kunst erkennt. Es muss jemanden geben, der dir expressionistische, impressionistische, surrealistische und viele andere Motive nachsagt, der an der Auswahl der Farben in deinen Gemälden in dir einen neuen van Gogh erkennt. Die andere Möglichkeit könnte sein, dass es einen großen Gönner gibt, der dich als Künstler fördert, nur weil er in dir etwas sieht, dass vermutlich niemand Anderes in deinen Werken sehen kann. Dies lässt sich alles anhand eines einzigen Umstandes im Roman lesen. Kaminski verkaufte sein erstes Gemälde nur deshalb, weil er unter das Werk geschrieben hat, dass es von einem blinden Künstler gemalt worden ist. Zu dem Zeitpunkt, als Kaminski sein erstes Bild verkauft hatte, war er nicht blind. Welch Ironie des Schicksals, dass er es im Laufe seines Lebens wurde. Doch nicht nur, dass er blind geworden ist, er offenbart ebenfalls Anwandlungen von Alzheimer, die sich im Laufe des Roadtrips negativ auswirken.

Wie die Wissenschaft so tickt

Die Wissenschaft hingegen hat einen anderen Ansatzpunkt. Wer von der Wissenschaft leben will, muss offensichtlich ein Sebastian Zöllner werden, denn für einen Wissenschaftler scheint die Kunst nur ein Geschäft zu sein. Er muss sehen, wo er unterkommt und womit er sich sein Geld verdient. Dies zeigt der Umstand, dass Zöllner alles dafür tut, die Erlaubnis zu bekommen, Kaminskis Biographie zu schreiben. Es ist für ihn ein Spießrutenlauf ohnegleichen. Dennoch wird er nicht sympathischer, denn immer wieder offenbart er sich als Stellvertreter der Wissenschaft, der die Wissenschaft vor die Kunst stellt, denn in seinen Augen ist die Kunst auf die Wissenschaft angewiesen. So kommt es, dass man bei der Lektüre des Romans ständig das Gefühl hat, die Wissenschaft ist wie eine Zecke, die die Kunst aussaugt.

Kehlmanns Ich und Kaminski ist nicht nur eine starke Parodie auf die Kunstwelt oder besser den Kunstbetrieb. Es ist vielmehr ein bitterböser und präziser Roman mit hoher humoristischer Note, der der Gesellschaft keinen Spiegel vorhalten will, aber es durchaus kann, in eben den Bereichen der Wissenschaft und Kunst. Deutlich wird ebenfalls im Roman, dass Kunst und Wissenschaft einander bedingen. Die Kunst benötigt die Wissenschaft zwar nicht unbedingt, erfreut sich aber daran, dass die Wissenschaft geradezu Berge überwinden muss, ja sich sogar zu Eseleien herablässt, um sich der Kunst anzubiedern, siehe die Protagonisten Zöllner und Kaminski. Da die Kunst, aber definitiv vor der Kunstwissenschaft da gewesen sein muss wie kann es da sein, dass die Wissenschaft ein ähnliches Geltungsbedürfnis entwickelt wie die Kunst? Die Antwort lässt sich im Roman durchaus finden, aber ob es eine zufriedenstellende Antwort sein wird, dass sei einmal dahingestellt.

Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski. Suhrkamp. Frankfurt/Main 2003. 174 Seiten. 7,99 €.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s