Carlos Maria Dominguez: Wüste Meere

Undurchschaubar, Unbezwingbar, Unendlich, Unglaublich – wie das Leben.

von Nicole Kutzner

Der blaue Kontinent

Die Weltmeere bedecken dreiviertel der Erdoberfläche und wegen ihrer reichen Fischressourcen dienen sie dem Menschen seit Jahrhunderten als Nahrungsquelle, aber auch als Transportweg. Und obwohl Seefahrer sie bereits vor unserer Zeitrechnung bereisten, wissen wir nur einen Bruchteil über sie. Vermutlich ist es ihre Weite und Unerforschlichkeit, die nicht nur die auf den Meeren tätigen Menschen kulturell prägt, sondern erheblichen sozialen Einfluss auf den Menschen im Allgemeinen ausübt. Beeinflusst durch das Meer schuf sich der Mensch unzählige Meereswelten, die der Meeresgötter, Mythen, Lieder und die der Literatur. Hier begegnen wir beispielsweise Jungen wie Franz von Wahlde der in seiner Biographie „Ausgebüxt“ das Leben an Board eines Frachtschiffes im 19. Jahrhundert schildert. Oder Maximilian Buddenbohm der die Faszination für das Meer nicht teilen kann und das Meer an dem er seine Jugend verbracht hat, nicht vermisst, aber trotzdem darüber schreibt.

Eine Liebeserklärung an das Meer

Carlos María Domínguez beschreibt in sieben Kurzgeschichten das Leben auf dem Meer und mit dem Meer, aber auch das Leben selbst. Bereits in der ersten Kurzgeschichte Johnnys Leben lernt der Protagonist von seinem großen Vorbild, einem Tarzandarsteller, nicht nur das Schwimmen, sondern auch, dass unsere großen Idole in der Realität oftmals nicht unseren Vorstellungen entsprechen. Während in der nächsten Kurzgeschichte Kapitän Mancuso verzweifelt versucht, sein Schiff von einer Sandbank zu befreien und dabei nicht an den Naturgewalten scheitert, sondern an der Macht des Kapitalismus. Denn die Eigner hatten bereits vor dem Auslaufen des Schiffes beschlossen, es untergehen zu lassen und versagen dem Kapitän deshalb jegliche Hilfe zur Rettung des Schiffes.

Die Besatzung eines Schiffes steht unter Umständen mehrere Monate kaum mit der Außenwelt in Kontakt, weshalb es umso wichtiger ist, dass die Mannschaft miteinander auskommt.  Aufgrund der unterschiedlichen Nationalitäten aus denen eine Besatzung bestehen kann, wird es allerdings immer schwieriger sich untereinander zu verständigen, wie es Domínguez eindrucksvoll in seiner letzten Geschichte beschreibt. Zwei Besatzungsmitglieder unterhalten sich eine ganze Nacht  im betrunkenen Zustand. Genau genommen führt jeder von ihnen einen Monolog, denn keiner versteht den anderen, weil sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Und so kommt es dazu, dass lang verschwiegene Geheimnisse endlich erzählt werden können, aber auch neue entstehen. So entdecken die beiden einen toten blinden Passagier in der Kühlanlage, den sie aufgrund ihres Zustandes nicht melden können und deshalb über Bord werfen.

Domínguez schafft es mit Hilfe seiner bildlichen Sprache und gekonnt gesetzten inhaltlichen Schwerpunkten ganze Leben in einer Kurzgeschichte zu beschreiben und   gleichzeitig die vielen Facetten des Meeres zu beleuchten. Wir erleben das Meer in der Kurzgeschichte Der Baum mit den Reihern als menschenfeindlichen Ort, der dem Protagonisten immer wieder den Boden zum Leben entzieht, während für viele Seeleute wie Kapitän Mancuso ihr Schiff und damit das Meer zum Lebensmittelpunkt werden. Das Meer wird von Domínguez zum Maß aller Dinge stilisiert, das mehr Gewicht hat, als alles andere.

Carlos María Domínguez: Wüste Meere. Eichborn Verlag. Frankfurt am Main 2006. 166 Seiten. Nur gebraucht erhältlich.

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