Clemens Berger: Ein Versprechen von Gegenwart

So vertraut und doch so fremd.

von Nicole Kutzner

Die Geschichte einer Person

Wenn wir in der Straßenbahn fahren oder in einem Cafe sitzen, dann werden wir unweigerlich mit anderen Menschen konfrontiert. Oftmals wünschen wir uns, die Ohren und Augen vor dem was da auf uns eindringt verschließen zu können. Denn wir möchten nicht wissen, wer mit wem und wie sein erstes Mal hatte oder wie gut die neueste Diät funktioniert. In solchen Momenten können wir Jonathan Franzens Empfindungen sehr gut nachvollziehen, wenn er schreibt, dass man nicht seine Privatsphäre vor der Außenwelt geschützt wissen möchte, sondern vielmehr die Außenwelt von seiner eigenen Person abschotten möchte.

Aber es kann durchaus Momente geben, in denen wir von dem Charisma einer bestimmten Person fasziniert sind und uns vielleicht sogar vorstellen, was diese Person beruflich macht bzw. was für ein Leben sie führt.

Kein Versprechen von Zukunft

Ein ähnliches Szenario schildert Clemens Berger in seinem Buch Ein Versprechen von Gegenwart. Der Protagonist seines Buches Valentin arbeitet als Kellner in einem Restaurant. Im Laufe der Jahre hat er gelernt, nicht nur das Verhalten und die Gesten seiner Gäste zu analysieren, sondern die Gäste selbst. Bis eines Tages ein Mann und eine Frau das Restaurant betreten, bei denen seine Fähigkeit plötzlich zu versagen scheint. Vielleicht liegt es an dem Charme der Frau, dem er sich nicht zu entziehen vermag. Anfangs greift er nur Gesprächsfetzen auf, die jedoch mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Wie mit jedem weiteren Besuch des Pärchens in dem Restaurant ein Stück ihrer Geschichte erzählt zu werden scheint, scheint ihre Gegenwart gleichzeitig ein Versprechen zu sein. Ein Versprechen, dass das Gegenwärtige, auch das Zukünftige sein wird. Zunehmend verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion, während sich Valentin das Leben der beiden vorstellt. Schließlich entdeckt er, dass Irina verheiratet und er ungewollt zum Komplizen einer Affäre geworden ist. Sieht, wie beide sich für ein halbes Jahr trennen müssen, weil Irinas Affäre in einer anderen Stadt arbeiten muss. Sieht, wie sie sich danach das erste Mal wiedersehen, ohne zwischendurch voneinander gehört zu haben. Und entdeckt; dass diese zwei Personen, die Teil seines Lebens geworden zu sein schienen, ihm doch eigentlich völlig unbekannt sind; er niemals ein längeres Gespräch mit einem von beiden geführt hat und das die Gegenwart eben gerade kein Versprechen von Zukunft ist.

Clemens Berger schildert die Themen Liebe, Leidenschaft und Sex mit einer sprachlichen Hingabe, die den Leser in einen Leserausch verfallen lässt. Leider wird das Ende der Handlung etwas abrupt eingeleitet, was aber durchaus als stilistisches Mittel angesehen werden kann: Die Beschleunigung des Leseflusses als merkliches Zeichen des Endens der Affäre zwischen Irina und „ihrem Löwen“.

Clemens Berger: Ein Versprechen von Gegenwart. Luchterhand Verlag. München 2013. 160 Seiten. 12,95 €.

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