Heinrich Böll: Billard um halb Zehn

Ein erzählerisch grandioser Trümmerhaufen

Billard um halb Zehn – Der Schatten des Krieges

von Stephan Lesker

Wenn man ein Buch von Heinrich Böll aufschlägt, weiß man einerseits was man bekommt: Seine Sprache ist durch ein unverwechselbares Timbre gekennzeichnet. Der Ton der böll‘schen Texte zeichnet sich durch eine bleierne Schwere aus, die Ihresgleichen sucht. Andererseits kann man sich von Heinrich Böll auch immer wieder überraschen lassen. Die Art und Weise, wie er sich seinen Themen nähert, ist nämlich von Buch zu Buch verschieden. Mal ist er beißend gesellschaftskritisch, wie in Die verlorene Ehre der Katharina Blum, mal unverhohlen satirisch (Ende einer Dienstfahrt). Unendliche Traurigkeit und Resignation (Ansichten eines Clowns) zeichnen seine Autorschaft genauso aus wie schwermütige und sehnsuchtsvolle Beobachtungen (Irisches Tagebuch). In Billard um halb Zehn erscheint der Krieg wie in keinem seiner anderen Werke als drohender Schatten, der die Sonne über der jungen Bundesrepublik verdunkelt.

Das Geschehen in der Erzählgegenwart dreht sich um den Statiker Robert Fähmel und den 80. Geburtstag seines Vaters Heinrich. Schnell jedoch wird klar, dass die Hauptfigur in diesem Roman weder der eine, noch der andere ist. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Abtei St. Anton. Heinrich Fähmel hat sie 1907 im Alter von 30 Jahren erbaut. Es war sein erster großer Auftrag als Architekt. Ebenfalls im Alter von 30 Jahren hat sie sein Sohn Robert im Krieg gesprengt. Roberts nicht leiblicher Sohn Joseph soll sie nun wieder aufbauen. 

Lebensentwürfe in Gegenwart der Unmenschlichkeit

Im Grunde besteht der Roman aus scheinbar lose aneinandergereihten Erzählfetzen. Die Erinnerungen von Robert und Heinrich bilden dabei das Gravitationszentrum, um das herum sich die Geschichte allmählich zu einem Ganzen entwickelt. Deutlich wird dabei vor allem, dass es Böll um die Darstellung verschiedenster Lebensweisen während der Nazi-Diktatur geht. Da gibt es zunächst die Form der inneren Emigration, wie sie an Roberts Mutter dargestellt wird. Roberts Bruder Otto hingegen steht stellvertretend für die Übernahme der Ideologie der Nationalsozialisten und den blinden Gehorsam ihnen gegenüber. Nebenbei bemerkt stellt Böll am Beispiel Ottos dar, dass es keinesfalls ausschließlich blindwütige, blutrünstige und vernunftlose Monster waren, die sich vom Propagandaapparat haben vor den Karren spannen lassen. Vielmehr waren es bis dahin meist unauffällige und keinesfalls gewalttätige Menschen. Die dritte Möglichkeit, die Böll aufzeigt, könnte man mit „Abfinden und Ausharren“ umschreiben. Robert Fähmel bspw. hat die Nazi-Ideologie nie verinnerlicht, sogar heimlich Widerstand geleistet, war aber als Sprengstoffspezialist in der Wehrmacht. Flucht ist schließlich die vierte Möglichkeit, wie an Roberts Jugendfreund Schrella dargestellt wird.

Aufgeladene Symbolik

Sehr stark ins Auge fällt die für Böll eher untypische extrem aufgeladene Symbolik. Da wären zunächst die beiden Abteien zu nennen. St. Severin hat den Krieg unbeschadet überstanden, während St. Anton gesprengt wurde. Die Sprengung von St. Anton hatte jedoch keinerlei taktischen Sinn sondern ist nur auf Befehl eines scheinbar wahnsinnigen Offiziers ausgeführt worden. Robert Fähmel sieht in der Sprengung eine Art Gedenkfeier für alle Opfer des Nazi-Regimes, an die sonst nicht gedacht würde. Auf diese Weise wird St. Anton zum Symbol für den Neuaufbau Deutschlands, und dass nicht nur materiell, sondern auch gedanklich. St. Severin hingegen steht stellvertretend für das noch nicht ausgelöschte nationalsozialistische Gedankengut, das den Krieg überdauert hat und für all diejenigen, die sich während des Nazi-Regimes schuldig gemacht haben, aber ungeschoren davongekommen sind und nun relativ unbescholten in der Nachkriegsgesellschaft meist in führenden Positionen tätig sind.

Weiterhin symbolisieren Bölls Figuren die Kluft zwischen der willenlosen Masse und dem zum Widerstand entschlossenen Einzelnen. Die „Lämmer“ sehen sich dabei permanent der Verfolgung durch die Massen („Büffel“, wie Böll sie nennt) ausgesetzt.

Letztlich deuten die Protagonisten aber auch auf das Generationenproblem hin. Die Elterngeneration (Heinrich Fähmel) kämpfte in der Knochenmühle von Verdun und muss nun mit ansehen, wie die Kinder in der Hölle von Stalingrad umkommen. Die Generation um Robert Fähmel ist bemüht, die Erfahrung des Krieges zu verarbeiten und sieht sich dabei vor viele Probleme gestellt. Die Heimkehrenden aus der Emigration sehen ihre Heimat zerstört und verwüstet und der Rest steht vor einer (Selbst-)Prüfung in der die eigene Rolle in der Diktatur beleuchtet wird. Die Generation der Kinder ist in eine zerstörte Welt hineingeboren, für die sie nun die Eltern verantwortlich macht.

Grundsätzlich thematisiert Böll in diesem Buch alles, was den Nachkrieg ausmacht: Schuld, Anklage, Heimkehr, Rachegefühle, Wiederaufbau und Wiedergutmachung. Oftmals geht dies jedoch zu Lasten der Übersichtlichkeit. Die Figuren bekommen viel, meist zu viel Hintergrund und Profil. Dies ist jedoch eine der Hauptstärken des Buches. So, wie sich Deutschland in der Nachkriegszeit unter einer Masse von Trümmern begraben sah, findet man sich auch in Billard um halb Zehn vor einem erzählerischen Trümmerhaufen wieder, den man nun selbst wieder aufbauen muss. Böll hat einen unglaublich fordernden aber auch symbolisch grandiosen Roman geschrieben, dessen einziger Ruhepunkt die Gewohnheit Robert Fähmels zu sein scheint, jeden Tag um halb Zehn in einem Hotel Billard zu spielen.

Heinrich Böll: Billard um halb Zehn. Kiepenheuer&Witsch. Köln 2007. 368 Seiten. 18,90 €.

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