Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

Monotonie + Einsamkeit = Paranoia?

Was aus dem Menschen wird, wenn er einsam ist

von Torsten Ehlers

Kennen Sie das auch, dass Sie manchmal in Buchhandlungen gehen und beim Stöbern hier und da die Klappentexte lesen? Manchmal machen die Klappentexte Lust auf mehr. So auch im Fall von Thomas Glavinic‘ Die Arbeit der Nacht. Der Klappentext verheißt Spannung, aber er lässt auch existenzielle Fragen aufkommen. Zusammenfassend steht dort, dass ein Mensch, von heute auf morgen und mir nichts dir nichts, allein auf dieser Welt ist. Alle Menschen weg, einfach verschwunden. Keine Seele mehr auf diesem Planeten, außer Jonas, so heißt der Protagonist des Romans. Da steht man nun in der Buchhandlung und denkt nach, wie dieses Buch beschaffen sein wird. Man stellt sich Fragen, wie etwa: Sind die Menschen wirklich komplett verschwunden oder haben sie sich nur zurückgezogen? Was für eine Katastrophe ist passiert, dass mit einem Mal alle Menschen weg sind? Gibt es eigentlich noch Strom, wenn doch keiner mehr da ist, der in einem Kraftwerk arbeitet? Sind nur die Menschen weg oder auch die Tiere? Wird der Roman alle diese Fragen beantworten? Nun ja, vielleicht nicht alle Fragen, aber einige schon, wenn man denn genau liest, wenn man denn in der Lage ist, zwischen den Zeilen zu lesen und wenn man literarische Leerstellen mit seiner Phantasie zu füllen vermag. Doch eins vorweg genommen, Glavinic hat hier keinen Roman à la I am legend geschrieben, in denen ein Mann in New York City auf Zombiejagd geht und in dem eine Katastrophe Auslöser für das vermeintliche Verschwinden der Menschen ist. Vielmehr legt der Text den Fokus auf etwas anderes, Existenzielles: wie geht ein Mensch mit der Einsamkeit um, die sich so pur, so rein, so endgültig darstellt wie in dem Werk Die Arbeit der Nacht. Eine Welt ohne soziales Gefüge, eine Welt ohne menschlichen und tierischen Kontakt, ohne einen lebenden Bezugspunkt, ohne ein Lebewesen, um das es sich zu kümmern lohnt, denn es ist niemand da.

Ein Mensch braucht andere Menschen

Jonas reagiert zunächst wie jeder Mensch es machen würde, er sucht nach den anderen Menschen. Er fährt quer durch Wien und sucht die Wohnung seines Vaters auf, sucht Plätze auf, an denen normalerweise viele Menschen sind, wie etwa Bahnhöfe, Restaurants etc. Nirgendwo eine Seele zu sehen, aber irgendetwas ist da, nur was es ist, dass kann Jonas noch nicht greifen oder besser begreifen. Je größer die Einsamkeit wird, umso mehr verliert er seinen Halt, denn ein Mensch braucht andere Menschen. Ohne ein soziales Gefüge wird jeder Mensch, ja jedes Tier haltlos und er verroht, da er den Umgang mit anderen nicht mehr üben kann. Für Jonas äußert sich das darin, dass er wild mit Autos durch die Stadt rast oder dass er sich einen Platz sucht, an denen er wie ein Cowboy mit einem Gewehr schießen kann. Doch all das ersetzt ihm nicht den menschlichen Kontakt und er verliert hier und da sein Bewusstsein für sich selbst. Geschuldet ist dies der bereits so häufig erwähnten Einsamkeit. Jonas braucht so dringend menschlichen Kontakt, dass er sich beim Schlafen filmt und sich am nächsten Tag das Video von sich selbst anschaut ohne zu merken, dass er es selbst ist, den er dort beobachtet. Für ihn ist es nur der Schläfer, der Dinge tut, die er selbst nicht machen würde und der ihm Morddrohungen oder Verletzungen zufügt. Da Jonas sich selbst nicht erkennt, denkt er dieser Andere, den er dort auf dem Bildschirm sieht, muss ein Indiz dafür sein, dass es noch weitere Menschen gibt und er muss sie finden, bevor er von diesem Schläfer ausgelöscht wird. Er fängt an Kameras zu verteilen und nachts zu filmen, in der Hoffnung so auf andere Mensch zu treffen oder vielleicht sogar dem Schläfer auf die Spur zu kommen. Dabei wird Jonas Situation sehr beklemmend dargestellt. Man fühlt geradezu die Einsamkeit die Jonas befällt. Man kann die Aussichtslosigkeit, die er fühlt, greifen. Man gerät selbst an die Grenze der Einsamkeit.

Stimmung wird nicht immer kompliziert konstruiert

Glavinic versteht es, mit der Stimmung im Roman zu spielen. Aber wie macht er das? Vielleicht mit komplizierten Satzstrukturen? Vielleicht mit Schachtelsätzen die ihresgleichen suchen? Weit gefehlt. Auffällig sind die kurzen Sätze, die zumeist mit dem Subjekt beginnen, mit dem Prädikat fortfahren und dann das Objekt einbauen. Kurzum, Glavinic baut fast im gesamten Roman Sätze, die als Paradebeispiel für einen Deutschlehrer gelten könnten, der seinen Schülern den Satzbau beibringen möchte. Dennoch vermag es der Autor mit diesen vermeintlich simplen Mitteln, Jonas Paranoia zu schildern, ja sogar glaubhaft zu schildern. Trotzdem Jonas aber alleine auf dieser Welt ist und eine enorme Paranoia entwickelt hat, führt er nie Selbstgespräche. Vielleicht ein Hinweis dafür, dass er sein Bewusstsein für sich verloren hat und er zu einem Wesen geworden ist, dass mit niemanden kommuniziert, weil niemand da ist. Wer weiß, aber bei alledem stellt sich schon während des Lesens eine Frage, die bis zum Schluss spannend bleibt: Wird Jonas die Menschen wieder finden, bevor er gänzlich verroht und zum Tier geworden ist?

Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht. Dtv. München 2008. 400 Seiten. 9,90 €.

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Ein Kommentar zu “Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

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