Walter Kempowski: Schöne Aussicht

Zwischen zwei Weltkriegen

Portrait einer Rostocker Kaufmannsfamilie

von Torsten Ehlers

Ein Roman, der das Ende des Ersten Weltkrieges und die Machtergreifung der Nazis als zeitliche Begrenzung hat, muss viele historische Ereignisse berücksichtigen und verarbeiten. Da wären auf jeden Fall die Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges sowie der Versuch der Aufarbeitung dieses Ereignisses, die Inflation, die Weimarer Republik, der Versailler Vertrag und noch einige weitere Ereignisse zu nennen. Schöne Aussicht von Walter Kempowski hat genau diesen Zeitrahmen und so meint man, muss er sich zwangsläufig mit Werken wie Wolf unter Wölfen und Kleiner Mann, was nun? von Hans Fallada, Erich Kästners Fabian oder auch Irmgard Keuns Gilgi – eine von uns vergleichen lassen. Dies trifft aber nur bedingt den Kern des Romans von Walter Kempowski. Klar ist, dass er um die historischen Ereignisse nicht herumkommt. Dennoch sollte man dieses Werk nicht allein deswegen lesen, weil in ihm die Zeit der Weimarer Republik erzählt wird. Vielmehr erscheinen die Nachwehen des Ersten Weltkriegs, die Inflation und die Machtergreifung der Nazis als eine Randnotiz in diesem Buch. Es hat vielmehr den Anschein, als bilden diese historischen Begebenheiten einen Umstand, durch den sich die Personen oder auch Protagonisten hindurch bewegen müssen. Eine Situation mit der sie sich arrangieren müssen und durch die es gilt, so gut wie möglich hindurch zu kommen.

Schöne Aussicht bietet eine Einsicht in das Leben der Familie Kempowski und zwar in die Familie von Karl Kempowski. Dieser ist ein Veteran des Ersten Weltkriegs, hat gerade mit seiner Frau Grethe eine Familie gegründet. Er hat drei Kindern, unter denen sich auch der Sohn Walter befindet. Karls Vater William Kempowski ist ein mehr oder weniger angesehener Reeder in der Stadt Rostock, dessen „Handelsflotte“ zu ihren besten Zeiten 3 Schiffe besaß. Der Vater ist allerdings kein umgänglicher Mensch und so muss Karl innerhalb der Firma seinen Platz suchen, denn als Erstgeborener ist er geradezu verpflichtet die Reederei einmal zu übernehmen. Von den alteingesessenen Angestellten wird er nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen und so muss er sich gegen das ein oder andere verbale Scharmützel oder die ein oder anderen Intrige wehren. Doch damit nicht genug. Schlecht bezahlt, muss er in den Wirren dieser Zeit seine Familie ernähren und das, wo doch die Lebensmittelpreise ständig steigen und man eigentlich gar nicht mehr genau weiß, wie viel denn ein Brot, Butter oder auch Wurst überhaupt noch wert ist. Obendrein leidet Karl auch noch an einer Hautkrankheit, die er sich im Ersten Weltkrieg bei einem Gasangriff zugezogen hat. Und als ob das alles nicht schon genug wäre, kommt immer noch die Familie mit ihren verschiedensten Charakteren und sorgt für das ein oder andere Problem.

Walter Kempowski hat mit Schöne Aussicht ein Familienportrait erschaffen, das nicht den Fokus auf die Historie der Zeit legt, sondern vielmehr das Zusammenleben einer Familie aus dem Großbürgertum beschreibt. Dieser Roman bietet zwar einen Einblick in diese Zeit, soll aber vielmehr dazu dienen, eine Familie aufzuzeigen, wie sie im Inneren und in der Gesellschaft funktioniert und dies in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie Rostock, deren Eigenarten sich ebenfalls im Text finden lassen. Mit den historischen Fakten, die immer über der Handlung schweben, aber nicht zu übermächtig sind, geht Kempowski spielend um. Hat man zum Beispiel das Gefühl, bei Falladas Wolf unter Wölfen gebe es keinen Ausweg aus der Inflation und nur das Überleben zähle, bricht Kempowski diese schwere bedrückende Last immer wieder auf. Dies erreicht er, indem er kleine Textstücke aus Kinderliedern, Lernversen aus der Schule oder auch Schlagertexten einbaut. Dies unterbricht nicht nur die Schwere der Problematik der Inflation, sondern zeigt ebenfalls auf, wie man Erinnerungen im Kopf behält. Wer sich durch den Umstand der angesprochenen Textstücke, die immer wieder im Text eingebaut sind, nicht abschrecken lässt, findet in dieser Lektüre ein wunderbares Familienepos, wenn nicht sogar Portrait.

Walter Kempowski: Schöne Aussicht. btb Verlag. München 1997. 540 Seiten. 11,00 €.

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