Isabella Breier: Prokne & Co.

Die Faszination der Vogelperspektive

In Isabella Breiers Prokne & Co. tummeln sich – von zwei Vögeln beobachtet – allerhand geheimnisvolle Gestalten.

von Stephan Lesker

Der Maler Gabriel von Max entwickelte eine neue Ästhetik. Charakteristisch für seine Bilder ist der Blick des Tieres auf den Menschen. Besonders der Affe, der oft als Richter und Bewerter des Menschen auftritt und der Hund als treuer Begleiter des Menschen werden in von Max‘ Bildern in dieser Weise dargestellt. In ihrem Buch Prokne & Co. übernimmt Isabella Breier dieses Prinzip auch für die Literatur.

Permanentes Staunen

Nun ist dieses Prinzip keineswegs neu, denn bereits Kafka spielte in seinem Bericht für eine Akademie mit diesem Motiv. Die österreichische Autorin verleiht dem Motiv allerdings nicht nur neues Leben, sondern stattet es auch mit ihrer ganz persönlichen Note aus.

Dabei nutzt sie den griechischen Mythos von Prokne und Philomela. Deren Freundschaft wurde durch eine Intrige von Proknes Ehemann Tereus zerstört. Aus Rache töten Prokne und Philomela Tereus Sohn und setzen ihn dem ahnungslosen Gatten als Festmahl vor. Auf der Flucht vor dem wütenden Tereus wachsen beiden Flügel. Philomela verwandelt sich in eine Schwalbe, Prokne in eine Nachtigall. Diesen Mythos transportiert Breier auf virtuose Weise in unsere Zeit. In ihrem Text werden Prokne und Philomela in ihren Vogelgestalten zu Beobachtern der beiden Freundinnen Philina und Priska, die ebenfalls durch eine Intrige von Priskas Ehemann Timo entzweit wurden. Nur, wenn die beiden Vögel es schaffen, Priska und Philina wieder zu vereinen, können sie ihre menschliche Gestalt wiedererlangen.

So klassisch der Stoff, den die Autorin gewählt hat, auch anmutet, so erfrischend ist ihre Erzählweise. Es reiht sich eine grotesk-wundersame Begebenheit an die nächste, sodass man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kommt und sich vor Verwunderung permanent die Augen reibt.

Humorvoll ohne Klamauk, gefühlvoll ohne Kitsch

Beispiel gefällig? Bugs Bunny und sein ewiger Widersacher Elmer Fudd liefern sich eine Verfolgungsjagd. Dabei rennt der Hase auf eine Schlucht zu, bremst kurz vorher ab, während der Jäger natürlich direkt in den Abgrund rennt. Über dem Abgrund allerdings, dreht sich Elmer Fudd um, blickt den frechen Hasen wütend an, und rennt auf ihn zu. Bugs Bunny, ganz der Mr. Sorglos als den wir ihn alle lieben, lächelt kurz und bedeutet Elmer Fudd mit einer beiläufigen Geste, er solle doch mal nach unten schauen. Erst als dieser sieht, wo er sich befindet, fällt er runter. Breier schildert eine ähnliche Begebenheit. Eine Figur stürzt aus größerer Höhe, schafft es aber gerade noch, sich an einem Fenstersims festzuhalten. Dieser ist allerdings Bestandteil eines größeren Gemäldes und somit nur zweidimensional. Erst, als man die Figur darauf hinweist, wird es auch ihr bewusst, dass das, was sie da tut, eigentlich gar nicht möglich ist. Die Autorin versteht es, mit den Erwartungen des Lesers zu spielen, denn in einem Cartoon würde es niemandem einfallen, sich darüber zu wundern, warum Elmer Fudd nicht sofort wie ein Stein zu Boden fällt, in einem Buch, das sich nicht offenkundig als fantastische Literatur bezeichnet, hingegen schon. Überhaupt ist der Begriff „wundern“ für Prokne und Co. ein zentrales Wort, denn aus selbigem kommt man so leicht nicht wieder heraus. Es wimmelt von grotesken Szenen, geheimnisvollen Personen und wunderschön beschriebenen Stadtbildern.

Was permanent angenehm auffällt, ist das maßvolle Handeln der Autorin. Ihr Humor ist unaufdringlich und gleitet nie in Klamauk oder Kalauer ab. Die ernsten Passagen werden sehr gefühlvoll dargestellt ohne jemals kitschig oder ungewollt sentimental zu wirken. Dennoch ist ihr auch die Übertreibung als Stilmittel nicht fern.

Der Irrsinn menschlichen Handelns

So grotesk und fantastisch das Dargestellte auch anmutet: das wahrhaft Groteske ist und bleibt das menschliche Handeln. Erst durch den Kunstgriff (und als solcher kann er mit Recht bezeichnet werden), zwei Vögel zu Beobachtern der Menschen zu machen, rückt das Abwegige, Verletzende, man möchte sagen Tierische im Handeln der Menschen hervor.

Müsste man den Roman auf ein zentrales Thema herunterbrechen, was angesichts der grandiosen Komposition eigentlich verboten sein sollte, so befasst er sich mit der Fragilität der menschlichen Beziehungen. Er führt ungeschönt vor Augen, wie es die Menschen schaffen, eine über Jahre gewachsene enge Bindung zueinander quasi im Vorbeigehen zu zerstören. Durch den oftmals verspielt wirkenden Tonfall der beiden Vögel wird dabei aber keinesfalls moralisierend der Zeigefinger erhoben.

Dass man mit Prokne und Co. kein gewöhnliches Buch vor sich hat, merkt man bereits, wenn man es das erste Mal in Händen hält. Die Geschichten von Priska und Philina sind nämlich nicht ineinander verschachtelt. Philinas Geschichte kann man ganz normal von vorne nach hinten lesen. Um Priskas Geschichte zu lesen, muss man das Buch dann allerdings umdrehen.

Isabella Breier hat einen Roman geschrieben, der seinesgleichen sucht. Dabei ist bemerkenswert, dass die junge Autorin ihrem sehr ehrgeizigen Erzählprojekt vom ersten bis zum letzten Wort mehr als gewachsen ist. Sie bedient sich dabei einer Sprache, deren Spektrum von poetischen Satzkonstruktionen bis hin zu hektisch anmutenden Redefluten reicht. Die großartigen Kulissen Neapels und Roms sind dabei ein würdiger Rahmen für eine genauso großartig erzählte Geschichte.

Isabelle Breier. Prokne & Co. kitab. Klagenfurt-Wien 2013. 300 Seiten. 22,00 €.

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Ein Kommentar zu “Isabella Breier: Prokne & Co.

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