Marion Poschmann: Die Sonnenposition

Symbole und Metaphern ebnen den Weg zu einem neuen sprachlichen Mikrokosmos.

Die Sonnenposition

von Nicole Kutzner

Sol

Der Titel von Marion Poschmanns Roman Die Sonnenposition gibt bereits eine der wichtigsten inhaltlichen Strukturen ihres Buches wieder. Genauso, wie sich die Sonne im Zentrum unseres Sternensystems befindet, werden innerhalb des Buches bspw. Gegenstände, Handlungen, Erinnerungen in ein Zentrum gerückt. So hängt etwa das Kabel für den Kronleuchter aus der „Sonnenmitte“ heraus, bildet Altfried den Mittelpunkt des Lebens für seine Patienten genauso wie die Erinnerungen an Odilo schließlich zur zentralen Erinnerung für Altfried werden. Aber auch mythologische Vorstellungen von der Sonne lassen sich in Marion Poschmanns Roman finden. Denn die Sonne bringt uns mit ihrem Licht nicht nur den Tag, sondern sie bringt uns auch alles an den Tag. Dank ihres Sonnenlichtes sind wir in der Lage die Welt um uns herum zu erkennen und zu erforschen. Sie legt z.B. die Kabel offen, an denen die Kronleuchter hängen, sie zeigt uns, wie der Gips langsam die Decke herunter bröckelt; sie eröffnet uns ein ganzes Universum voller Gegenstände und Lebewesen, deren Lebenslichter langsam vergehen, während die Sonne immer wieder auf- und untergeht.

Ein Rückblick

Der Protagonist Altfried arbeitet als Psychiater in einer Nervenheilanstalt, welche sich in einem heruntergekommenen Ostschloss befindet. Auch wenn Altfried etwas rundlich ist, keine Freundin hat und seine Berufswahl in den Augen seines Vaters eine Schande für die Familie ist, befindet er sich im Vergleich zu seinen Patienten auf der Sonnenseite des Lebens. Bis er eines Tages auf die Beerdigung seines Jugendfreundes Odilo geht, den er Jahre nicht mehr gesehen hat. Der erste Tote seiner Generation zwingt ihn, seine eigene Vergänglichkeit und Verfehltheit zu erkennen, Buße zu tun und über Vergangenes und Gegenwärtiges zu reflektieren. Altfried gerät zunehmend auf die Schattenseite des Lebens. Seine Patienten und Erinnerungen werden mehr und mehr zu einer Last für ihn. Ein Rückblick beginnt; auf Odilos Leben und das seiner Mutter, auf das Verhältnis seiner Schwester zu dem verstorbenen Freund, auf das Leben seiner Patienten, auf sein eigenes Leben und schließlich auf das seines Vaters und dessen Schwester, deren Geschichte sich für einen kurzen Moment mit der des Schlosses überkreuzt.

Ein sprachlich imposanter Roman

Marion Poschmanns Roman glänzt inhaltlich vor allem durch die verwendete Symbolik wie bspw. des Sol invictus und des Erlkönigs und stilistisch durch den Einsatz von Sprachbildern. Sie schafft es vom Anfang bis zum Ende des Buches ihre symbolträchtige Handlung gekonnt zu strukturieren und nicht aus den Augen zu verlieren. Selbst wenn man dies nicht über das gesamte Buch hinweg verfolgt, so bleibt doch immer noch der von Sprachbildern durchdrungene Schreibstil der Autorin. Schon Aristoteles verweist in seiner Poetik darauf, dass man es nicht erlernen kann, Metaphern zu finden bzw. zu erfinden, weil es ein Zeichen von Begabung ist. Die Autorin zeigt in ihrem Buch, dass sie über diese Begabung verfügt, indem sie auf sprachlich unverwechselbare Weise beschreibt, in welchen Zusammenhängen sie die Welt sieht.

Marion Poschmann: Die Sonnenposition. Suhrkamp. Berlin 2013. 338 Seiten. 19,95 €.

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