Karl May: Briefwechsel mit Joseph Kürschner.

Das ambivalente Verhältnis zwischen Verleger und Autor

Briefwechsel zwischen Karl May und Joseph Kürschner herausgegeben von Hartmut Vollmer, Hans-Dieter Steinmetz und Wolfgang Hainsch

von Torsten Ehlers

Dass Karl May kein einfacher, vielleicht sogar kein unproblematischer, Charakter war, ist vielen bekannt. Dazu hätte es keinen weiteren Band des Briefwechsels zwischen dem Verleger Joseph Kürschner und Karl May bedurft. Die Anschuldigungen an den Autor ein notorischer Lügner, gar ein Hochstapler zu sein, sind vielerorts hinlänglich belegt und diskutiert. Auch für diesen Fall bedarf es dieses Bandes nicht. Was also macht diesen Band so interessant? Im Großen und Ganzen eröffnet er mal wieder einen Einblick in den Entstehungsprozess eines literarischen Werkes. Er zeigt auf, welche Rolle der Verleger, nämlich die eines ständigen Bittstellers an den Autor, und welche der Autor selbst spielt. Die Rolle des Autors ist offensichtlich. Er soll die Maschine sein, die ständig Text produziert und sich an die vorgegebenen Fristen hält. Karl May und sein Verleger Joseph Kürschner bilden hier keinen Unterschied.

Der Briefwechsel umfasst die Jahre von 1882 bis 1907.  Schon in den ersten Briefen wird klar, dass sich hier zwei Autoritäten des Literaturbetriebs ihrer Zeit auf Augenhöhe begegnen. Wenngleich man sagen muss, dass sich Kürschner und May nie persönlich gegenüber standen. Beide eint, neben ihrer großen Autorität im Literaturbetrieb, dass sie durchaus als charakterlich merkwürdig galten. Um dies zu untermauern, finden sich in diesem Band die Korrespondenzen von May mit dem Stuttgarter Verleger Wilhelm Spemann wieder, die sich zwischen den Zeilen über Kürschner austauschen. Oder aber auch die Korrespondenz von Kürschner mit Hermann Zieger, in der sich beide über die Unzuverlässigkeit Karl Mays, was das Einhalten von Fristen und Absprachen angeht, beklagen. Immer wieder betonen sowohl Kürschner als auch Zieger, dass sie sich bei den von May zu liefernden Manuskriptseiten für ihren Chinaband nicht sicher sind, ob dieser auch wirklich die Termine einhält. Diese Unsicherheit begründet sich unter anderem darin, dass May auf viele Briefe, die er von Kürschner, aber auch von anderen Verlegern wie etwa Spemann erhielt, schlicht und einfach nicht reagiert. Antwortet er dann doch einmal, schiebt er häufig eine fingierte Reise vor. In den seltensten Fällen war Karl May wirklich nicht zu Hause. Dies gipfelt darin, dass Kürschner an Zieger schreibt, dass dieser den Autor doch mal besuchen solle, um auf ihn ein wenig mehr Druck auszuüben und ihn persönlich in die Pflicht zu nehmen. Zieger lässt sich nicht lumpen und sucht Karl May in seinem Haus auf und schildert eine außergewöhnliche Begegnung mit einem Verwandten Mays, der dem Autor erstaunlich ähnlich sieht und der behauptet, der große Autor sei nicht zu Hause. Jedoch entpuppt sich dieser Verwandte als ausgezeichnet informiert, über die anstehenden Projekte und die zu produzierenden Texte für den Chinaband China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Kürschner erwidert daraufhin nüchtern in einem Brief an Zieger, als dieser ihm sein Erlebnis schilderte, dass er wohl wirklich dem Autor May begegnet sei und das dieser zu solcherlei Aktionen greifen würde, um sich dem Druck der Verleger zu entziehen. Trotz all dieser Schrulligkeit und Unzuverlässigkeit seitens Mays ist Kürschner ein Fürsprecher und versorgt den Autor immer wieder mit Aufträgen bzw. fragt immer wieder mit einer Beharrlichkeit nach Texten, die in einem Bewunderung hervorrufen würden. Wäre da nicht doch noch die Sichtweise von May. Dieser schildert, dass er sich über diese ganze Arbeit freue und dass er ja auch leben müsse und somit Geld verdienen muss. Aber der Druck ständig schreiben zu müssen und ständig irgendeine Frist für einen Text zu bekommen: so könne er nicht arbeiten und schon gar nicht mit all der Sorgfalt an die Arbeit gehen, die er nötig hat, um gute Texte zu liefern. Unter dem Zeitdruck leide schließlich auch die Qualität.

Der Briefwechsel zwischen Karl May und  Joseph Kürschner bringt einmal mehr einen wundervollen Einblick in die Welt der Literaturerschaffenden. Sie beleuchtet nicht nur die Sichtweisen des Autors und des Verlegers sondern bietet auch einen Blick in den Literaturbetrieb der Zeit um 1900. Einer Zeit in der das Arbeiten eines Schriftstellers offenbar der einer Produktionsmaschine zu gleichen hat. Er soll Texte schreiben und am besten so, dass sich das Produzierte auch verkaufen lässt. Eine große Stärke dieses Bandes ist ebenfalls, dass sämtliche Briefe in Form von Fußnoten Zusatzinformationen bereithalten, so dass dem Leser ein Blick über den Tellerrand hinaus ermöglicht wird und vor allem damit der Leser die Chance bekommt, den gerade gelesenen Brief in die Biographie Karl Mays einzuordnen. Trotzdem viele Briefe von May an Kürschner verschollen sind, bekommt man dennoch ein interessantes Bild vom Autor, der vor allem durch Abenteuerromane wie Winnetou, Old Surehand und viele andere bekannt geworden ist. Einschränkend muss man jedoch sagen, dass dieser Band keinerlei neue Erkenntnisse zum Charakter Mays bringt. Lernt man im Briefwechsel von Ulli Ditzen mit seinem Vater Rudolf Ditzen, besser bekannt als Hans Fallada, eine neue Seite des Dichters kennen, nämlich die des treusorgenden Vaters, bietet dieser Briefwechsel lediglich die ein oder andere Anekdote mehr aus dem Leben des Schriftstellers Karl May.

Hartmut Vollmer, Hans-Dieter Steinmetz und Wolfgang Hainsch (Hrsg.): Karl May. Briefwechsel mit Joseph Kürschner. Mit Briefen von und an Wilhelm Spemann u. a. Gesammelte Werke und Briefe Band 94. Karl-May-Verlag. Bamberg 2013. 640 Seiten. 19,90 €.

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