Abbas Khider: Brief in die Auberginenrepublik

Die Macht der Bücher und die Macht der Liebe verschmelzen zu einem lebensbedrohlichen Abenteuer.

Brief in die Auberginenrepublik

von Nicole Kutzner

Die Macht des geschriebenen Wortes

Salim, der Protagonist in Abbas Khiders Buch Brief in die Auberginenrepublik, ist im Irak geboren. Als junger Student trifft er sich einmal wöchentlich mit seinen Freunden zu einem Leseabend. Bis eines Tages alle fünf männlichen Teilnehmer der Gruppe verhaftet werden. Die Anklage beläuft sich auf das Lesen verbotener Bücher. Salim wird für sieben Tage inhaftiert; in die „Schweiz“ gesperrt, wie das Gefängnis vermutlich aufgrund seiner technischen Gerätschaften „made in Switzerland“ auch genannt wird. Dann endlich schafft es sein Onkel ihn -durch Bestechung der Verhörpolizei- zu befreien.

Die Macht der Liebe

Aufgrund dessen, dass Salim politisch verfolgt wird, muss er aus dem Irak nach Libyen flüchten, um sein Leben zu retten. Hier findet er schließlich Arbeit auf einer Baustelle. Seine ganze Sehnsucht und Sorge gilt aber seiner Freundin Samia. Zu
gerne möchte er ihr einen Brief schreiben, ihr mitteilen, dass es ihm gut geht. Eine Übersendung auf dem Postweg ist allerdings ausgeschlossen. Denn würde die Polizei im Irak herausfinden, dass Samia Kontakt zu einem politisch Verfolgten hat, wäre auch ihr Leben und das der anderen beiden weiblichen Teilnehmer des Lesekreises in Gefahr. Da es in Libyen bzw. im gesamten arabischen Raum viele Flüchtlinge gibt, denen es ebenfalls nicht möglich ist, über den normalen Postweg Kontakt zu ihrer Familie aufzunehmen, sind findige Geschäftsmänner auf die Idee gekommen, die Briefe für eine Aufwandsentschädigung von $ 200 pro Brief illegal über die Grenzen zu transportieren. Eine riskante Reise beginnt, die alle Beteiligten in Gefahr bringt. 

Zeitdokument aus der arabischen Welt des 20. Jahrhunderts

Abbas Khider schildert auf stilistisch unkomplizierte und ehrliche Weise den Alltag in den unterschiedlichen Regimes der arabischen Welt Ende des 20. Jahrhunderts. Die divergenten Lebensentwürfe der Figuren erstrecken sich vom Reisebüroleiter in Ägypten, über den Lastwagenfahrer in Jordanien, bis hin zum Oberst und seiner Frau im Irak. Dabei versucht der Autor die verschiedenen Protagonisten einerseits durch spezifische Charakteristika und andererseits durch eine differenzierte Sprache voneinander abzugrenzen. Leider gelingt Abbas Khider diese Differenzierung hinsichtlich der sprachlichen Umsetzung kaum, da die heterogenen Sprachstile leider nicht gut genug ausgearbeitet und dementsprechend kaum voneinander zu unterscheiden sind. Die einzelnen Lebensläufe der Protagonisten sind hingegen so durchdacht umgesetzt worden, dass sie einen authentischen Einblick in das Leben der unterschiedlichen Bevölkerungsschichten in der arabischen Welt liefern. So werden beispielsweise die Auswirkungen des Handelsembargos nach dem zweiten Golfkrieg dargestellt, die so verheerend für die normale Bevölkerung gewesen sind, dass ihnen nur noch Auberginen zum Verzehr blieben. Aber auch die innenpolitische Situation wird eindrucksvoll verdeutlicht. Man ist einer ständigen Gefahr ausgesetzt und kann sich seines Leben in einem von Saddam Hussein regierten Land, in dem eigentlich alles verboten ist, nie sicher sein. 24 Stunden Angst, 24 Stunden Hunger, während die Saddam unterstehenden Milizen in ihren Villen ein Leben ähnlich dem europäischen Standard führen. Abbas Khider ermöglicht uns mit seinem Buch einen Einblick und ein besseres Verständnis über die politischen und kulturellen Geschehnisse seines Heimatlandes, die denen der westlichen Zivilisation völlig entgegengesetzt sind.

Abbas Khider. Brief in die Auberginenrepublik. Nautilus. Hamburg 2013. 155 Seiten. 18 €.  

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