Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

Bilanz eines feindlichen Ortes

Wie Bernardo Soares das Leben sieht.

von Stephan Lesker

In bestimmten Momenten wird jeder Mensch zu einem Buchhalter, der sein Leben analysiert und bilanziert. Die schönen Begebenheiten kommen auf die Haben-Seite, die weniger schönen stehen im Soll, danach wird abgerechnet. Fernando Pessoas Figur Bernardo Soares hat tagtäglich mit solchen Bilanzen zu schaffen, denn er ist Hilfsbuchhalter in einer Lissaboner Firma. Auch er zieht in seinem Tagebuch Bilanz über das Leben.

Last des Lebens

Für Soares ist das Leben eine einzige große Bürde, ein Ort, an dem man zum Verweilen gezwungen ist. Alles um ihn herum ist feindlich. Bemerkenswert ist jedoch, dass Soares aus seinen lebensverneinenden Beobachtungen keinesfalls die Konsequenz zieht, sich durch Suizid oder Isolation vom Leben zurückzuziehen. Sein Interesse an der Existenz und an allem, was sie mit sich bringt, ist ungebrochen. Er hat den Schmerz als unausweichliche Erscheinung des Lebens akzeptiert und erträgt ihn. Dabei entwickelt er vor allem die Strategie der Panzerung. Er lernt, nicht blind gegenüber den Erscheinungen des Lebens zu werden. Er ist in der Lage, Schönheit in der Welt zu erkennen. Sie hat lediglich keine Bedeutung mehr für ihn. Das Gute und das Schlechte ziehen an Soares vorbei und beide hinterlassen nichts weiter als einen einzigen großen Schmerz. Um eine solche Lebensstrategie durchzuhalten, bedarf es natürlich einer großen Willensstärke. Soares ist sicher nicht der einzige, dem eine solche Strategie eingefallen ist. Allerdings ist der Weg, den er beschreitet einzigartig. Eine rein psychische Panzerung gegen das Leben ist, schaut man in die Literaturgeschichte, kaum durchzuhalten. Das berühmteste Beispiel hierfür ist wohl Hermann Hesses Steppenwolf. Auch dieser versucht sich, gegen das Leben zu wappnen, benötigte aber dafür die Hilfe von seinen Freunden Hermine und Pablo, die ihn ins sogenannte Magische Theater, einer surrealen Drogenerfahrung, einführen. Derjenige, der dem Weg von Bernardo Soares am nächsten kommt, ist wohl Ernst Jünger. Aber auch dieser griff auf seinem Weg zur Akzeptanz des Schmerzes zu Hilfsmitteln, die Pessoas Protagonist nicht braucht.

Aufwühlende Aufzeichnungen

Dabei sind die Prämissen, die Soares für seine Strategie benötigt äußerst simpel. Die Verabschiedung vom Glück als Lebensziel ist eine davon. Glück ist für Soares nichts weiter als die Abwesenheit von Unglück. Die Mitmenschen sind für ihn nur Zeitgenossen, die zufällig Anteil an seinem Leben nehmen und daher keine emotionale Bedeutung für ihn haben. Alles in allem läuft Soares‘ Strategie also auf eine Degradierung der Lebenserscheinungen hinaus. Er hat erkannt, dass im Leben auch nicht der kleinste Wunsch erfüllt wird und er sich deswegen von jeglichem Wünschen verabschieden muss.

Das Resultat seiner Überlegungen sind Aufzeichnungen, die derart aufwühlend sind, dass es unmöglich ist, beim Lesen in seinem Sessel sitzenzubleiben. Man verspürt während der gesamten Lektüre den Drang, aufzustehen und in seinem Zimmer auf und ab zu gehen, den Text dabei laut deklamierend.

Pessoas Buch ist atemraubend und in seiner Lebensverneinung keinesfalls einseitig, in dem es nicht die Augen vor den Schönheiten des Lebens verschließt. Vielmehr ist die Bewusstheit für diese Schönheiten immer präsent. Allerdings wiegen sie für Pessoas Protagonisten bei weitem nicht die Last des Lebens auf, die von der ersten bis zur letzten Seite eine erdrückende Präsenz besitzt.

Soares‘ Tagebuch ist ein Trost für alle, denen das Leben Schmerzen zugefügt hat. Es ist ein besserer Ratgeber als alle laienpsychologischen Pamphlete, die den Markt im Zeitalter des Burn-Out Syndroms und anderen Formen der Depression überschwemmen. Seine Aussage ist nicht, dass man positiver denken sollte, sondern dass es absolut in Ordnung und auch möglich ist, negative Gedanken zuzulassen, ohne von ihnen erdrückt zu werden.

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Fischer. 576 Seiten. 12,95 €.

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Ein Kommentar zu “Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

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