Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt

Ein Leben in Bildern.

von Nicole Kutzner

Die taumelnde Kathedrale von Chartres

Das Ende von Soutines letzte Fahrt bildet gleichzeitig den thematischen Ausgangspunkt des Buches. Das Bild der Kathedrale von Chartres übt seit dem Moment, als der Erzähler, vielleicht sogar der Autor selbst, das Bild zum ersten Mal in einer U-Bahn sieht, eine unerklärliche Faszination auf ihn aus. Gerade weil diese Faszination unerklärlich zu sein scheint, begibt er sich auf eine Spurensuche über die Entstehung und Herkunft des Bildes. Dabei stößt er auf den Maler Chaim Soutine, dessen Grabstelle er auf dem Friedhof Montparnasse  in regelmäßigen Abständen zu besuchen beginnt. Bis ihm eines Tages ein alter Herr auf dem Friedhof begegnet, welcher bei der Beerdigung des Malers im Jahr 1943 dabei gewesen sein will und dem Erzähler/Autor den Rat erteilt, kein Buch aus der Perspektive des Malers zu verfassen. Denn zum einen sei Soutine ein nach innen gekehrter Mensch gewesen, dem man keine Worte „andichten“ dürfe und zum anderen schade der innere Monolog jeder Rekonstruktion einer Biographie, verbreite einfach nur Lügen und stelle somit das größte Verbrechen dar.

Kein innerer Monolog

Das Arbeitsprogramm des vorliegenden Buches konnte demnach nicht das eines inneren Monologes werden. Vielmehr wählt Dutli die dritte Person Singular als stilistischen Mittelpunkt. Inhaltlich beschränkt er sich auf die letzten Tage im Leben
des Malers. Soutine litt an einem akuten Magendurchbruch und befindet sich auf dem Weg zur Operation nach Paris. Die Nebenwirkungen des verabreichten Morphiums lassen Soutine in Träume abgleiten, in denen sich Realität und Phantasie miteinander vermischen. Dutli schafft es gekonnt, beide Welten klar voneinander zu trennen. Einerseits verhilft er dem Leser zu einem Einblick in das Sozialleben Soutines und dessen historischer Verankerung, andererseits gibt er dem Leser eine Antwortmöglichkeit darauf, wie emotional zerrissen der Maler durch seine Krankheit gewesen sein könnte. Von herausragender Leistung ist, wie Dutli es schafft, die Themen von Soutines dynamisch verzerrten Bildern in seiner Sprache einzufangen. Leicht kann man sich als Leser vorstellen, warum Soutine verzerrte Landschaften, Stillleben, Porträts oder tote Tiere malte und vor allem, warum er den Großteil seiner Bilder wieder zerstörte. Aufgrund der gewählten Perspektive baut man eine Distanz zu Soutine auf und verfällt nicht in den Irrglauben, der Autor schildere hier Tatsachenbestände oder wolle biographische Lücken des Malers schließen. Von Nachteil sind die zahlreichen Bilder, die Ralph Dutli in der Traumwelt Soutines beschreibt und die den Leser durchaus überfordern können. So verspricht die Milch nur deshalb eine heilende Wirkung, weil sie weiß ist. Denn couleur und douleur, Farbe und Schmerz, so der Erzähler, unterscheiden sich im Französischen nur durch einen Buchstaben und so müssen Farben und Schmerzen eng miteinander verbunden sein. Weiß ist hingegen keine Farbe und wird deshalb mit positiven Elementen assoziiert. Die „weiße Milch“ verspricht dem Maler eine Linderung des Schmerzes eventuell sogar eine Heilung von seinem Leiden. Schließlich fährt der Maler auch noch in ein „weißes Paradies“. Von diesen Sprachspielen lassen sich unzählige in Ralph Dutlis Buch finden. Dies kann überfordern, sollte aber vielmehr ein Ansporn sein dieses Buch mehrmals zu lesen, damit die unterschiedlichen Facetten und Wirkungen vollends zu Tage treten können.

Ralph Dutli. Soutines letzte Fahrt. Wallstein Verlag. Göttingen 2013. 272 Seiten. 19,90 €.

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