Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek

Der gefährliche Wissenserwerb in einer mehr als surrealistischen Bibliothek

von Torsten Ehlers

Bücher sind spannend. Bücher können fesseln. Bücher fordern. Bücher erzeugen Spannungen zwischen den handelnden Figuren. Bücher sind zumeist all das, was ein Leser in ihnen zu finden erhofft. Aber Bücher vermögen es ebenfalls, verstörend zu sein. Eine Bibliothek ist auch immer abhängig von den Büchern, die sie für einen Leser bereitstellt. Oder sie ist davon abhängig, in welche literarischen Welten der Leser zu entfliehen sucht. Doch viel hängt ebenfalls von der Atmosphäre ab. Ein steriler kalter Buchladen oder aber auch eine mit Neonleuchten bestückte Bibliothek können selten verstörend wirken. Ebenso laden sie wenig dazu ein, sich zu gruseln oder zu fürchten. Interessanterweise sind es meistens die kurzen Geschichten, die am meisten verstörend wirken. Siehe unter anderem die Kurzgeschichten Franz Kafkas, die in seiner Zeit für Entrüstung sorgten. So auch die Erzählung von Haruki Murakami Die unheimliche Bibliothek. Sie umfasst gerade einmal 63 Seiten, beginnt recht seicht und steigert sich dann in eine Erzählung, die Horrorelemente mit einem gehörigen Gruselfaktor aufweist.

Harmloser bis existenzieller Wissenserwerb

Die Erzählung beginnt damit, dass ein Ich-Erzähler Bücher in die Bibliothek zurück bringen möchte. Eigentlich ein Vorgang, der nichts unheimliches in sich birgt. Doch der Junge, welcher der Ich-Erzähler ist, ist spät dran. Eine halbe Stunde vor Schließung der Bibliothek trifft er ein und gibt die Bücher ab. So weit ganz harmlos und eine nicht weiter beachtenswerte Transaktion. Doch dann kommt dem Jungen die Idee, sich weitere Bücher auszuleihen. Es gibt da ein Thema, welches ihm zwar eben erst wieder einfällt, das aber schon länger unter seinen Fingernägeln brennt. Das Thema interessiert die Bibliothekarin überhaupt nicht. Sie verweist den Jungen lediglich auf das Zimmer 107. Dort finde er, was er zu suchen meint. In dem erwähnten Zimmer wird er von einem alten Mann empfangen. Der wiederum scheint zu sehr beschäftigt, um sich um die Belange des Jungen zu kümmern. Nach einigem Hin und Her trägt der Junge sein Anliegen vor. Bücher von Steuereintreibungen im Osmanischen Reich suche er. Er bekommt drei dicke Schwarten zu dem Thema, die er aber nicht ausleihen kann, weil es sich lediglich um Präsenzbestände handelt. Hier gibt es das erste wirkliche Problem, denn die Bibliothek schließt gleich. Doch der Junge wird in einen Lesesaal geführt, der gut und gerne ein Verlies sein könnte. Ihm wird offenbart, dass er einen Monat Zeit hat, die Lektüre auswendig zu lernen. Falls er dies nicht schaffe, würde er seinen Kopf verlieren. Versorgt und bewacht wird er von zwei Gestalten, die sich gegenseitig nicht wahrzunehmen scheinen, einem Schafsmann und einem Mädchen. Letztere macht dem Jungen klar, dass es für ihn nur eine Chance gibt zu überleben, nämlich die Flucht. Warum dies so ist, deutet sie lediglich an. Denn eine Bibliothek will für das vermittelte Wissen in Form von Büchern eine Gegenleistung. Doch gelingt ihm die Flucht wirklich und wenn ja wie? Kann das Wissen die Erlösung bringen? Diese für den Jungen existenziell gewordenen Fragen, bringen Spannung in die Erzählung, die bis dato mit einem doch eher kindlich gehaltenen Ton daher kommt.

Realität und Bibliothek verschwimmen

Der Junge arbeitet in seinem Zimmer in der Hoffnung, damit sein Leben zu retten. Er taucht geradezu in das Tagebuch eines Steuereintreibers hinein, wandelt selbst auf den Basaren und in den Palästen jener Zeit, lernt die Familie des Eintreibers kennen und entdeckt, dass dessen Familie Ähnlichkeiten mit seiner aufweist. Schließlich scheint er sogar selbst der Steuereintreiber zu sein. Dies ist eigentlich unmöglich. Aber was ist real? Wo fängt die gelesene Erzählung an. Wo hört sie auf? Der Junge kann zwischenzeitlich nicht mehr Realität und Buchfiktion auseinander halten. Seine Welt außerhalb des Buches und die gelesene Welt verschwimmen immer mehr zu einem Ganzen. Doch wann geschah dies? Denn es gab Zeiten, da waren diese beiden Welten klar voneinander getrennt.

Haruki Murakami hat eine sehr gute atmosphärische Erzählung geliefert, die bisweilen verstörend sein kann. Selbst der Schluss vermag nicht alles zu offenbaren und aufzuklären. Zu viel ist passiert. Dennoch versteht es Murakami, seine Erzählung so anzulegen, dass es niemals überbordend wird. Das Verschmelzen der beiden Welten ist so sensibel geschildert, dass man es überliest und sich erst einige Seiten später wundert, wann denn das passiert sein könnte. Die surrealen Elemente sind ebenso eingebaut. Das Unbewusste des Jungen nimmt nie überhand. Lediglich stößt man auf diese Elemente bei Beschreibungen der Szenen und die Bilder wirken in einem erst nach der Lektüre surreal. Nämlich dann, wenn man den Verlauf der Erzählung noch einmal vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt. Der Ansatz, eine Figur in einen Roman eintauchen zu lassen, ist selbstverständlich nicht neu. Den gibt es schon länger. Die populärsten Beispiele sind Michael Endes Unendliche Geschichte und Jasper Ffordes Thursday Next Romane. Doch diese Beispiele wirken nicht so unheimlich und verstörend wie die Erzählung von Murakami. Natürlich spielen die Illustrationen von Kat Menschik bei der dunklen Atmosphäre ebenfalls eine große Rolle, denn schließlich untermalen sie die Erzählung ohne die Handlung wirklich zu sehr zu beeinträchtigen. Wer atmosphärisch schaurige, verstörende und nicht leicht zu durchschauende Erzählungen mag, kann mit dem Griff zu diesem Buch nichts verkehrt machen. Auch wenn der Erzählton relativ kindlich gehalten ist und in der ganzen Erzählung Anspielungen auf frühere Werke von Murakami enthalten sind, kann diese Erzählung für sich alleine stehen. Dem Entdeckungsspaß, den die Suche auf die Hinweise für die Verschmelzung der beiden Welten mit sich bringt, tut es jedenfalls keinen Abbruch.

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek. Aus dem japanischen von Ursula Gräfe. Mit Illustrationen von Kat Menschik. Dumont. 2013. 63 Seiten. 14 €.

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Ein Kommentar zu “Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek

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