Peter Weißflog: Geschichten aus dem Rohr. Das böse Buch

Skizzen eines nicht mehr alltäglichen Alltags

Peter Weißflogs literarische Verarbeitung einer lebensbedrohenden Krankheit.

von Stephan Lesker

Eine schwere Krankheit ist ein Zustand, den sich niemand vorstellen mag. Gerade deswegen lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken. Was bedeutet es, schwer krank zu sein? In erster Linie doch wohl dieses Eine: Dasjenige, was wir uns unter Alltag vorstellen, erfährt eine radikale Veränderung. Das Selbstverständliche verschwindet aus dem Leben und etwas anderes tritt an seinen Platz; etwas Unerwünschtes: der Schmerz. Diese Erfahrung musste auch der Rostocker Schriftsteller Peter Weißflog machen, der 2011 seiner Krebserkrankung erlag.

Kleine Geschichten eines großen Leidens

Weißflog hinterließ seinen Nachkommen unter anderem eine kleine Sammlung von Geschichten, die er während seiner Krankheit schrieb. Es handelt sich dabei um skizzenhafte Eindrücke, die ein Sterbenskranker von seiner Umwelt hat.

Nun darf man aber nicht vermuten, dass diese Notizen von Schwermut, Resignation, Trauer oder letztem Tatendrang geprägt wären. Es würde sich dabei zwar um eine mehr als verständliche Reaktion handeln (man denke an die letzten Aufzeichnungen Christoph Schlingensiefs), Peter Weißflog jedoch reagiert anders. Er nimmt die Rolle des distanzierten Beobachters ein, der seine Mitmenschen und sein Leben unter die Lupe nimmt und zeitweilig sogar sehr belustigt über das ist, was er da wahrnimmt. Gleichwohl bleibt die Krankheit, ob vorder- oder hintergründig, immer präsent. Das Resultat sind Episoden aus dem Leben eines todkranken Menschen, die einem zuweilen die Tränen in die Augen treiben, wohlgemerkt vor Lachen. Wenn man sich jedoch einmal beim Lachen ertappt hat, fragt man sich unweigerlich, ob das Lachen angesichts des schmerzvollen Lebens, das hinter diesen Geschichten gesteckt haben muss, überhaupt erlaubt ist. Dann liest man aber den nächsten Satz und sagt sich: „Ja es ist erlaubt, denn der Erzähler will es so.“ Man hat den Eindruck, das Schreiben von humorvollen kleinen Episoden wird hier zu einer Flucht vor dem Schmerz. Die Ratlosigkeit der anderen Menschen, der veränderte Alltag; all dies betrachtet Peter Weißflog mit einem milden Lächeln. Die Ratlosigkeit der Mitmenschen einem Todkranken gegenüber zeigt sich vor allem darin, dass sie ihn wie ein rohes Ei behandeln und bemüht sind, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, auch, und das ist das Paradoxe, wenn er dies eben nicht wünscht. Ein leichthin geäußerter Appetit auf eine grüne Gurke, der aber sofort wieder relativiert wird, denn heute Abend gibt es ja Pfannkuchen und die Gurke hat schließlich auch bis morgen Zeit, führt dazu, dass der Kranke auf seinem Teller Pfannkuchen mit Gurkenscheiben vorfindet, die die liebe Gattin aus falsch verstandenem Mitleid extra noch schnell besorgt hat.

Robert Gernhardt hätte es gefallen

Mit Vergleichen muss man ja immer sparsam umgehen. Dennoch: ein Vergleich scheint hier angebracht. Der Ton Peter Weißflogs und seine Art, die Krankheit im Schreiben zu verarbeiten, erinnern schon ein wenig an Robert Gernhardt, der seine Krebserkrankung und seine Bypass-Operation in vielen, oft ironisch-humorvollen, Gedichten und Geschichten verarbeitet hat. Ironisch-humorvoll ist und bleibt auch der Ton Peter Weißflogs. Seine Geschichten aus dem Rohr sind neben der schriftlichen Verarbeitung der Krankheit auch ein Versuch, die Welt außerhalb des Rohres zu beschreiben und nicht den Kontakt zu ihr zu verlieren, während man – zur Untätigkeit verurteilt – ans Bett gefesselt ist. Was unter dem „Rohr“ zu verstehen ist bleibt bis zum Schluss unklar. Naheliegend ist wohl, dass es sich um einen Computertomographen handelt. Es könnte aber auch der Flurgang eines Krankenhauses oder ähnliches sein. Klar jedoch ist, dass Peter Weißflog sein unglaublich humorvolles und zugleich würdiges letztes Wort in Buchform vorgelegt hat. Es ist eine wertvolle Botschaft aus der Parallelwelt eines Sterbenskranken, eine Botschaft, die besagt, dass die Verfrachtung eines Kranken in eine solche Parallelwelt schon der erste Fehler in seiner Behandlung ist. Der erzählerische Spagat zwischen Humor, Trauer und Schmerz ist Weißflog mühelos gelungen.

Peter Weißflog: Geschichten aus dem Rohr. Das böse Buch. BS Verlag Rostock. 95 Seiten. 8,50 €.

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