Clemens Meyer: Im Stein

Faszination FSK 18?

Ein Mosaik der Nacht – Clemens Meyer: Im Stein

von Torsten Ehlers

Der Tag klingt aus, geht in die Nacht über. Ein Teil der Gesellschaft hat Feierabend und verbringt die Zeit beim Fußball, beim Daily Soap- oder auch Nachrichten schauen zu Hause. Gelegentlich trinkt man mit Freunden noch ein Bier, geht ins Kino oder macht etwas anderes. Die Arbeitspflicht ist erfüllt und man nimmt sich Zeit für sich. Doch zwischen Tag und Nacht herrscht im Roman Im Stein das Zwielicht. Zwielichtig ist das Wort, dass die Gesellschaftsschicht in Clemens Meyers Buch am besten umschreibt.

Hier porträtiert er den Teil der Menschen, der jetzt gerade erst zu arbeiten anfängt. Ihre Zeit ist die Nacht, ihre Machenschaften mehr als undurchsichtig, ja sogar schwer nachvollziehbar. Gott sei Dank sind sie keine Vampire, obwohl einige von ihnen Menschen durchaus aussaugen bzw. ausnutzen. Dennoch musst du als Geschöpf der Nacht rau und hart sein, denn nachts und in diesem Geschäft gilt noch das Naturgesetz, dass nur der Starke überleben wird. Die Rede ist vom Rotlichtmilieu.

Die Form, in der dieses Milieu dargestellt wird, erscheint zunächst unübersichtlich. Clemens Meyer prügelt dem Leser geradezu von Anfang an Ansichten von den verschiedensten Protagonisten um die Ohren und dies in einem Tempo, das seinesgleichen sucht. Man kommt nicht zur Ruhe, denn es reden viele und viele dieser Geschöpfe der Dunkelheit sowie des Rotlichtmilieus wollen gehört werden. Niemand wird ausgespart. So kommt jeder rings um das Geschäft mit dem Sex zu Wort. Egal ob er ein einfacher kleiner Schläger, eine Prostituierte, ein Zuhälter, ein Geschäftsmann der nach Zerstreuung sucht, ein Radiomoderator oder ein sorgender Vater, der seine Tochter in diesem Sumpf nicht finden kann, ist. Ihnen leiht der Roman seine Stimme. Sie alle haben eine Geschichte zu erzählen. Vor allem weisen sie alle eine interessante, undurchsichtige und somit einmalige Lebensgeschichte auf, die es zu erzählen lohnt. Dennoch fühlt man, dass sich in diesem Geschäftsbereich unserer Gesellschaft nur Egoisten halten können. Jeder kocht hier sein eigenes Süppchen und ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Bei so vielen Nebengeräuschen fühlt man sich an Döblins Berlin Alexanderplatz erinnert. Doch im Gegensatz zu Clemens Meyer lässt Döblin wirklich Nebengeräusche einfließen, wie etwa das Geräusch einer fahrenden Straßenbahn oder aber eines Hammers, der auf einen Amboss haut.

Meyers Nebengeräusche sind da anders geartet. Sie beziehen sich darauf, dass jeder seine Sichtweise erzählt, so dass es unübersichtlich erscheint, aber durchaus auf ein großes Ganzes hinauslaufen könnte. Es erinnert irgendwie an den Film 8 Blickwinkel in dem ein Erlebnis aus 8 verschiedenen Perspektiven erzählt wird und da jeder eine andere Perspektive hat oder besser einen anderen Blick auf das tatsächliche Geschehen, löst sich doch alles am Ende auf. Man kann unterscheiden wer Täter und wer Opfer ist. Bei Meyer hingegen sollte man sich mit dem Urteil darüber Zeit nehmen, denn oft werden im Roman Handlungsstränge durchtrennt, die erst viel später wieder aufgenommen werden. Die Grenzen zwischen Tätern und Opfern sind hier fließend. Nur eines lässt sich mit Bestimmtheit sagen, einen Helden oder aber auch einen Antagonisten findet man nicht. Vielmehr erscheint interessant zu sein, wie alles mit allem zusammenhängt bzw. wie jede Figur scheinbar mit einer der anderen Figuren zu tun gehabt hat. Sei es über noch so viele tausend Ecken.

Ebenfalls zeigt sich in Meyers Roman, wie ambivalent das Verhältnis der Geschöpfe der Dunkelheit ist. Versucht man einen Feind bzw. einen geschäftlichen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen, macht man schon mal gemeinsame Sache. Doch sobald das gemeinsame Übel beseitigt oder vom Markt gedrängt wurde, wird man sich der Konkurrenzsituation wieder bewusst. Dieses Rotlichtmilieu erscheint ein brüchiges Gefüge zu sein, welches schnell aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Das Geschäft kann offensichtlich sehr schnell unbarmherzig werden und kein anderer Wirtschaftsmarkt scheint so sehr auf Selbstbereinigung aus zu sein wie der des Rotlichtmilieus.

Trotz dem Meyer ein faszinierendes Mosaikbild der Nacht und des Rotlichtmilieus gelingt, kann man dieses Werk nicht uneingeschränkt empfehlen. Das Problem ist nicht die Sprache oder das offensichtlich schockierende Element in diesem Werk. Vielmehr hat man das Gefühl, dass man dies alles irgendwo schon einmal gelesen hat, wenngleich man viele Sachen gern verdrängt und von sich wegschiebt. Man weiß es gibt sie, diese unbarmherzige Seite unserer Gesellschaft. Vielleicht lässt sich dies allerdings auch auf eine simplere Formel herunter brechen. Nach Romanen wie 50 Shades of Grey oder auch Feuchtgebiete kann einen Leser auf sexueller Ebene nichts mehr erschüttern oder schockieren. Dies gilt auch für den Roman Im Stein, dessen Name ebenfalls Spielraum für Spekulationen lässt. Mit „Stein“ könnte hier einfach zu viel gemeint sein, wie etwa die Jagd nach Diamanten, das Gefängnis und seine Mauern, in denen einige Gestalten der Nacht bereits gelandet sind und vor der Gesellschaft weggesperrt worden sind, oder aber auch die Prostituierte, die das Bordell als eine Art Gefängnis sieht.

Jedenfalls hat dieser Roman von allem viel zu viel, ist viel zu lang, kommt nicht auf den Punkt, vermag es nicht, fesselnd zu sein. Nicht einmal mehr schocken, kann dieses Werk. Dies mag an den bereits genannten Gründen liegen, aber vielleicht auch einfach daran, dass es in Zeiten des Internets zu viel Sex gibt und Abkürzungen für gängige und ungewöhnliche, ja abstoßende Praktiken zur Gewohnheit werden. Selbst wenn man möchte, kann man sich dem nicht entziehen und so stumpft man ab. Dies gilt ebenso für den Roman von Clemens Meyer. Er nutzt und stumpft einen einfach einfach ab. Vermutlich ist dies das eigentlich Schockierende an diesem Roman. Die überbordende Handlung jedenfalls vermag nicht zu schocken und ist locker zu bewältigen.

Clemens Meyer: Im Stein. Fischer. Frankfurt am Main 2013. 560 Seiten. 22,90 €.

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