Mirko Bonné: Nie mehr Nacht

Die Suche nach der Einsamkeit

Wie sich die Brücken der Vergangenheit abreißen lassen

g-Bonne-Mirco-Nie-mehr-Nacht

von Torsten Ehlers

Die meisten Bücher, die auf der Welt geschrieben werden, handeln von Liebe, Tod, Rache, Mord, historischen Großereignissen, wie etwa Kriegen, Naturkatastrophen usw. In Deutschland übt immer noch der Zweite Weltkrieg auf alle Autoren eine große Faszination aus. So auch auf Mirko Bonné, wenn man denn dem Klappentext auf seinem neuen Roman Nie mehr Nacht Glauben schenken darf. Doch Bonnés Roman ist viel mehr, als wieder nur ein weiterer Versuch, die Schrecken des Zweiten Weltkrieges aufzuarbeiten. Dieser Roman hat Vielschichtigeres zu bieten. Es ist ein Roman, der die Schuld, die Einsamkeit, einen Suizid und die Vergangenheit zum Thema hat.

Markus Lee, so der Name des Protagonisten, ist Zeichner. Seine Auftraggeber sind zumeist Magazine, die ihre Texte nicht nur mit toten und übersättigt wirkenden Fotos schmücken wollen, sondern auch mit lebendiger wirkenden Zeichnungen. Einer dieser Auftraggeber möchte in einer seiner nächsten Ausgaben die Brücken der Normandie zum Thema machen und zwar exakt diejenigen Brücken, über die die Alliierten bei ihrer Invasion 1944 marschiert sind. Markus nimmt den Auftrag widerwillig an. Dies hat verschiedene Gründe. Unter anderem versucht er den Verlust seiner Schwester zu verarbeiten, die Suizid beging. Sie nutzte dafür die Garage der Eltern, in der sie den Motor des Autos laufen ließ und sich mit den Autoabgasen vergiftete. Die Gründe des Suizids bleiben zunächst ungeklärt.

Markus will nicht aus der Wohnung bzw. dem Haus seiner Eltern heraus, weil er Angst davor hat, die Erinnerung an seine geliebte Schwester zu verlieren. Sie erscheint ihm hier immer noch allgegenwärtig. Dennoch hat er den Auftrag angenommen und so macht er sich zusammen mit seinem Neffen Jesse auf den Weg nach Frankreich. Es entwickelt sich ein Road Trip, den Markus und sein Neffe zum Großteil schweigend verbringen. In Frankreich hat es den Anschein, dass Markus eine Reise in seine eigene Vergangenheit erlebt. Die verloren geglaubte Schwester wird wieder lebendig wie es scheint; in Form einer Doppelgängerin. Doch kann sie ihm wirklich über den Verlust hinweg helfen?

Bewältigung der Vergangenheit

Die Depression, der Markus Lee offenkundig anheim gefallen ist, verstärkt sich in der Normandie. Nach einem Telefongespräch mit seinen Eltern sieht er sich mit der Information konfrontiert, dass die Garage in der seine Schwester Ira den Suizid begangen hat, abgerissen worden ist. Daraufhin versucht Markus auf den Irrfahrten quer durch die Normandie seine Schwester wieder zum Leben zu erwecken und sei es auch nur in seiner Erinnerung. Die Familie hatte früher in der Normandie schon häufiger Urlaub gemacht und so begibt sich Markus auf die Suche nach Spuren in die Vergangenheit. Dabei zieht er sich mehr und mehr in sich zurück und scheint sich auflösen zu wollen. Er streift unmotiviert durch die Gegend und bricht den Kontakt mit dem Elternhaus ab. Er versucht sich seiner Sachen zu entledigen. Sachen die ihn an seine Schwester erinnern könnten und so legt er seine Zeichenutensilien an einer der Brücken in der Normandie ab. Seinen Rucksack lässt er in einem CD-Laden  zurück. Die Brücken der Vergangenheit scheint er nun abreißen zu wollen und er scheint sich auch tatsächlich von alldem lösen zu können . Sinnbildlich könnte Markus hier für die deutsche Bevölkerung stehen, die sich mit der Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieges zunächst auch nicht auseinandersetzen wollte, aber dies wäre zu weit gegriffen, denn endgültig aus der Bahn geworfen, wird Markus durch die Information, dass Jesse vielleicht sein Sohn sein könnte.

Mirko Bonné hat mit Nie mehr Nacht einen bemerkenswert vielschichtigen und leisen Roman geschaffen. Einen solch leisen Ton zu finden, ist gerade in der heutigen lauten Gesellschaft ein schwieriges Unterfangen und erscheint daher äußerst bemerkenswert. Er entwickelt einen erstaunlich leichtfüßigen Erzählstil für ein Werk, das mit Themen wie dem Weltkrieg, Einsamkeit, Depression und Inzest eigentlich recht schwere Zutaten für einen Roman beigemischt bekommen hat. Eine weitere Stärke des Romans ist, dass das Thema des Weltkriegs oder auch des Inzests zwar über der Handlung schwebt, aber nicht übermächtig geworden ist. Darüber hinaus versteht es der Autor, den Leser mit auf eine Tour quer durch die Landschaft der Normandie zu nehmen, die auf den Protagonisten wirt wie die Rückkehr in seine Heimat. Doch eigentlich ist diese Heimat Hamburg und aus Hamburg ist der Protagonist in die „weite“ Welt gezogen wie einst Gottfrieds Kellers Grüner Heinrich.  Nur mit dem Unterschied, dass der grüne Heinrich jung war und sich, wie es sich für einen Bildungsroman gehört, entwickeln muss. Markus Lee hingegen muss sich dahingehend entwickeln die Vergangenheit zu überwinden, um dann vielleicht wieder nach Hause in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehren zu können.

Bonné versteht es, eine Atmosphäre zu schaffen, die nachvollziehbar ist. Die karge Herbstlandschaft der Normandie ist ebenso präsent wie die scheinbare Ausweglosigkeit des Protagonisten. Doch wer meint, nach der Lektüre dieses Romans gleich zum nächsten Roman zu schreiten, sollte vielleicht noch einmal inne halten. Denn dieses Buch ist nicht nur wunderbar atmosphärisch erzählt, es klingt auch nach und da es sich um ein eher langsames Buch handelt, das sich entwickelt, treten auch erst so nach und nach die Schauplätze des Romans in Form von Bildern noch einmal ins Bewusstsein.

Mirko Bonné: Nie mehr Nacht. Schoeffling & Co. Frankfurt am Main 2013. 360 Seiten. 19,95 €.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s