Erin Morgenstern: Der Nachtzirkus

Manege frei für den Zirkus der Träume

Hommage an Shakespeares Theaterstück Der Sturm

von Torsten Ehlers

Hereinspaziert, hereinspaziert! Heute öffnet für Sie der Zirkus der Träume! Er hat nur in der Nacht geöffnet, erscheint wie aus dem Nichts in Ihrer Stadt. Kommen Sie nur herein und erleben Sie einen Zirkus der Extraklasse. Einen Zirkus, der alle anderen in den Schatten stellt. Hier gibt es nicht nur ein Zelt, hier gibt es viele und es werden mehr und mehr. Sie können die Schlangenfrau in ihrem Zelt besuchen, eine Frau die sich verbiegen kann wie es noch kein Mensch jemals geschafft hat. Oder sie besuchen unsere Wahrsagerin, die Ihnen die Karten legt und Ihre Zukunft zu deuten versucht. Ebenfalls können sie die unglaublichsten Akrobaten erleben, die die waghalsigsten Kunststücke vorführen. Sie könnten aber auch echte Magie bestaunen, die ein normaler Mensch, der nichts Magisches an sich hat, nicht nachvollziehen kann. Magie ohne eine Täuschung, weil es wirkliche Magie ist und kein Trick der ihre Wahrnehmung beeinflussen soll. Hier ist alles echt.

So ließe sich Erin Morgensterns Nachtzirkus beschreiben und anpreisen, wenn man es denn im Stile eines Zirkusdirektors halten möchte. Doch dieser Roman wartet nicht nur mit fantastischen Beschreibungen des Zirkus und seiner Zelte auf. Es gibt noch mehr zu entdecken. Eine Welt, ja eine Geschichte voller Magie entspinnt sich von Anfang an, in die man direkt hinein gezogen wird. Dass der Roman vor allem in Präsens geschrieben ist, erscheint zunächst gewöhnungsbedürftig, aber verstärkt diesen Effekt noch. Die verschiedenen Handlungsstränge, die zunächst lose in der Luft zu schweben scheinen, nähern sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr an, bis sie sich ineinander verflechten. Genau genommen sind es in erster Linie drei Handlungsstränge.

Zum einen gibt es die Geschichte von Bailey, einem Jungen der die Farm seines Vaters übernehmen soll und der vom Zirkus fasziniert ist und geradezu angezogen wird. Seine Geschichte ist geprägt von Unzufriedenheit mit seiner bevorstehenden Zukunft. Die Farm möchte er nicht übernehmen, viel lieber möchte er studieren. Doch dies verwehrt ihm in erster Linie sein Vater. Mit dieser tristen Zukunftsaussicht will Bailey sich nicht abfinden. Seine Entscheidung muss aber erst einmal noch reifen und in ihm wachsen. Doch wird er wirklich studieren gehen? Oder hängt sein Herz  an der Manege und steht somit sein Schicksal doch eher im Zusammenhang mit dem Zirkus?

Der zweite Handlungsstrang ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Heranwachsenden, die sich eigentlich nicht ineinander verlieben dürften. Sie gehören jeweils einer anderen Zaubererfamilie an. Diese sind zwar nicht verfeindet, aber in ihrem Wettkampf geht es immer um Leben und Tod. In der aktuellen Auflage des Duells zwischen diesen Familien sind Marco und Celia, die beiden tragisch Verliebten, die Konkurrenten. Für den Wettstreit zwischen den Beiden bietet der Zirkus die Arena und nur durch sie bleibt der Zirkus magisch. In ihrem Duell erschaffen sie immer wieder neue Wunder und Zelte, die die Attraktivität des Zirkus ausmachen und bereichern. Doch was passiert nach dem Duell? Wird der Zirkus weiter bestehen können? Werden Marco und Celia einen Weg finden, dass sie beide überleben?

Für den Fortbestand des Zirkus wird dies existenziell sein. Die Beschreibungen der Zelte, die den dritten Handlungsstrang bildet, lassen hoffen, dass es diesen fantastischen Zirkus weiter geben wird. Mit dem Beschreiben der verschiedenen Zelte schafft es die Autorin tatsächlich, dass man ein Gefühl für die vorhandene Magie entwickeln kann. Fast kann man den warmen Apfelmost, der sehr gern von den Kindern und Angestellten im Zirkus getrunken wird, schmecken. Ein ums andere Mal bekommt man Appetit auf eine Tüte Popcorn und die ganze Zeit bangt man um den Fortbestand des Zirkus. Man mag das Buch gar nicht weglegen, weil sonst der ganze Zauber der Geschichte verfliegen könnte.

Spuren von Shakespeare und Dickens

Aber nicht nur die geschaffene Atmosphäre des Romans macht ihn lesenswert. So finden sich im gesamten Buch Verweise und Anspielungen auf zwei große englische Autoren: William Shakespeare und Charles Dickens. Manchen treten offen hervor, in Form von Namen die aus Shakespeares Der Sturm stammen. So heißt zum Beispiel einer der Zauberer Prospero. Seine Tochter, die seine Schülerin ist und die eigentlich den Namen Celia trägt, wird von ihm gern als Miranda bezeichnet und mit dieser Figur aus dem Shakespeare-Stück verglichen. Sowohl Miranda und Prospero sind Verweise auf Der Sturm.

Die Zeichnungen der Figuren Marco und Celia dagegen erinnert an Charles Dickens. So wie die beiden Lehrmeister mit den Kindern umgehen, erscheint hier ein sehr starker Verweis auf Charles Dickens. Denn dieser erschuf gern Kinderfiguren, die sich zunächst einmal von ihrer Rolle als Werkzeug für einen Erwachsenen weg entwickeln mussten. Als Beispiel ließe sich hier Oliver Twist nennen, der den Fängen der Räuberbande in London nur mit Hilfe anderer Erwachsener entkommen kann. Dies könnte auch ein Ausweg für Marco und Celia sein.

Doch der offenkundigste Verweis auf ein Stück von Shakespeare liegt so offen vor einem, dass man ihn gar nicht erkennen will. Die Liebesgeschichte zwischen Marco und Celia erinnert schon sehr stark an Romeo und Julia. Beide kommen aus gegnerischen Familien und dürften eigentlich gar nicht miteinander verkehren. Über die bereits genannten Beispiele hinaus, gibt es noch weitere Verweise auf Shakespeare, aber die sollte jeder für sich selbst entdecken.

Erin Morgenstern hat es mit ihrem Werk Der Nachtzirkus geschafft eine wunderbar atmosphärische Geschichte zu erzählen, die sich im Bereich der Fantasy bewegt. Sie schafft es, dass man den Zirkus der Träume nachvollziehen kann und das Gefühl bekommt, zwischen seinen Zelten mit anderen Menschen umherzuwandern. Erin Morgenstern hat keine Geschichte über Magier und deren Fähigkeiten geschrieben, die wir vielleicht mit Zauberern verbinden könnten, die ein Kaninchen oder eine Taube aus dem Hut hexen und die in Las Vegas auftreten. Dies hat mit Magie nichts zu tun. Vielmehr verzaubert es, dass hier eine Geschichte erzählt wird, die so voller Phantasie ist, dass sie durch den Erzählstil magisch wirkt, weil sie einen in sich hineinzieht, fast so wie es Michael Ende in seiner Unendlichen Geschichte mit seinem Protagonisten Bastian schafft. Dieser Roman sei allen empfohlen, die sich beim Lesen gern in einer literarischen Welt verlieren möchten und die die schnelllebige Welt außerhalb des Buches gerne einmal für ein paar Stunden ausschließen wollen.

Erin Morgenstern: Der Nachtzirkus. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Ullstein Taschenbuch. Berlin 2013. 464 Seiten. 9,99 €.

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3 Kommentare zu “Erin Morgenstern: Der Nachtzirkus

  1. Ich hatte dieses Buch gelesen, aber leider in der Mitte aufgehört. Deine Rezension machtmich jetzt aber doch neugierig. Vor allem wegen Querverweisen zu Shakespeare undDickens…..

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