Jules Verne: Der grüne Blitz

Auch Liebe kann ein Abenteuer sein

9783866481800[1]

von Nicole Kutzner

Die schöne Helena

Die beiden Brüder Samuel und Sebastian, von ihrer Nichte liebevoll Sam und Sib genannt, sind Zeit ihres Lebens Junggesellen geblieben. Sie sehen ihre Lebensaufgabe lediglich darin, ihrer verwaisten Nichte Helena uneingeschränkte Aufmerksamkeit, Geduld und Liebe entgegen zu bringen. So sind beide stets bemüht, Helenas Wünsche voraus zu ahnen und zu erfüllen, ihr eine angemessene Erziehung zukommen zu lassen und sie mit einem „braven Kerl ihrer Wahl zu verheiraten“. Wie richtige Eltern finden sie, dass Helena viel zu schnell erwachsen geworden ist und ähnlich wie ein zu schnell gewachsener Rosenstock eine zweite Stütze benötigt. Diese Stütze meinen sie in dem, wie sich später herausstellt, fantasie- und humorlosen Aristobulus Ursiclos zu finden. Da der Ehemann gefunden und die Hochzeit bereits gedanklich geplant ist, muss nur noch die schöne Helena ihre Zustimmung erteilen. Diese hatte jedoch kurz zuvor in der Morning Post einen Artikel über den grünen Blitz gelesen. Dieses atmosphärisch- optische Naturphänomen tritt bei Sonnenuntergang am oberen Rand der Sonne auf und bewirkt, so der Glaube, dass der Beobachter sich hinsichtlich seines Gefühlslebens nicht mehr irren könne. Um also eine Entscheidung über die mögliche Heirat mit dem jungen Gelehrten treffen zu können, muss Helena zunächst den grünen Blitz sehen. Wie immer möchten die beiden Brüder ihrer Nichte den Wunsch erfüllen und begeben sich unmittelbar auf die Reise in die Hebriden, um den grünen Blitz zu jagen.

Das Abenteuer der Liebe

Den meisten Lesern dürfte Jules Verne vor allem als Autor von Abenteuerromanen bekannt sein, wie zum Beispiel Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864), Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (1869) und Reise um die Erde in 80 Tagen (1873). Als Verne 1882 Der grüne Blitz veröffentlicht, ist er bereits ein bekannter Autor, dessen schriftstellerische Fähigkeiten nicht nur seinen Lebensunterhalt absichern, sondern ihn in naher Zukunft zum Mitbegründer der Science- Fiction Literatur machen sollten. Das Buch Der grüne Blitz ist allerdings kein prototypischer Abenteuerroman der sich kohärent in die vorhergehenden Werke Vernes einordnen lässt. Es ist vielmehr ein viktorianischer Liebesroman, der im Schottland Ende des 19. Jahrhunderts spielt. Allein die Szenerie des Romans, welche in den Hebriden angesiedelt ist, könnte nicht romantischer sein. Wir laufen über grüne Wiesen, Strände, wunderschöne Steinklippen und erforschen scheinbar mythische Felsenhöhlen, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Unterstützt wird dies dadurch, dass Helena und ihre Onkel Zitate von Ossian rezitieren. Der Einzige, der so gar nichts von dieser romantischen Atmosphäre zu spüren scheint ist der junge Wissenschaftler Aristobulus Ursiclos, der ausschließlich mit seinen geologischen Studien beschäftigt ist und es sich zur Lebensaufgabe gemacht zu haben scheint, Helena immer den Blick auf den grünen Blitz zu versperren. Aristobulus spiegelt die wissenschaftlich gereinigte Welt wieder, die der romantischen Welt Helenas vollends entgegen zu laufen scheint, was sich in der steigenden Abneigung Helenas gegen Aristobulus zeigt. Je mehr sich Helena emotional von dem jungen Wissenschaftler entfernt, desto mehr nehmen ihre Gefühle für den jungen intellektuellen Maler Olivier Sinclair zu, der Helena ausnahmslos bei ihren Unternehmungen unterstützt. Der grüne Blitz lässt sich aber insofern in Vernes vorangehende Werke einordnen, als dass auch hier fantastische und abenteuerliche Elemente zu finden sind. Das offensichtlichste fantastische Element ist die Fähigkeit des grünen Blitzes, dem Beobachter Einblick in sein Gefühlsleben zu geben. Aber die Reisenden müssen auch einige Abenteuer überstehen, bevor sie schließlich das Ziel ihrer Reise erreichen. Während der Fahrt auf die Hebriden gerät das Schiff in ein Unwetter und die Besatzung muss, auf Anweisung Helenas, zwei in Schiffsnot geratene Personen retten. Aber auch auf den Inseln bleiben die Gefahren nicht aus, als Olivier Helena aus einer Höhle retten muss, weil die Flut den Ausgang unpassierbar macht. Jules Verne überzeugt in diesem Buch nicht allein durch seine Fähigkeit, atmosphärisch schreiben zu können, sondern wie auch in seinen anderen Romanen vor allem durch seine fundierten Fachkenntnisse beispielsweise in den Bereichen der Biologie, Geologie und Physik. Wird den Büchern von Jules Verne nachgesagt, dass sie vor allem bei den männlichen Lesern Anklang finden, so kann man nur hoffen, dass mit diesem Buch auch einige weibliche Leser hinzugerechnet werden können.

Jules Verne. Der grüne Blitz. mare Verlag. 2013. 281 Seiten. 26,00 €.

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