Isabella Breier: Allerseelenauftrieb

Einer Tragödie auf der Spur

Vier Lebensläufe und eine Urkatastrophe

allerseelen_web[1]

von Stephan Lesker

Sein Leben lang muss der Mensch mit den Dämonen kämpfen, die ihm auf seinem Weg durch die Welt begegnen. Einem giftigen Unkraut gleich, nisten sich diese Dämonen in der Seele ein und zerfressen die Schönheit des Lebens. Sie können so mächtig werden, dass sie nicht nur ein einziges Leben bestimmen, sondern gleich mehrere. In ihrem Roman Allerseelenauftrieb geht Isabella Breier einem solchen Phänomen nach.

Drei Stimmen und ein stummes Zentrum

Melike, Milena, Mavie und Majas Lebenswege überschneiden sich auf wundersame Weise und gründen alle auf einem einzigen traumatischen Erlebnis.

Das kompositorische Prinzip des Textes ist einfach und genial zugleich und hat natürlich seine Vorläufer. Maja wird dabei zu einer Art Fremdenführerin, die den Leser durch die vier Lebensläufe führt. Sie gibt vor, eine Studienarbeit über Milenas, Mavies und Melikes Leben anfertigen zu wollen. In ihrem Zimmer türmen sich Tonbänder und Fragebögen, die sie von Melike und Milena besprechen bzw. beantworten ließ. An Allerseelen liest und hört sie nun die Berichte und teilt diese in sechzehn Abschnitten mit (acht für Melike, acht für Milena), unterbricht dies aber immer wieder mit Beschreibungen ihres eigenen Lebens und Schilderungen des Tagesablaufs. Gewissermaßen hat der Roman also drei Erzählerinnen. Melike und Milena kommen genauso zu Wort wie Maja. Wer sich nun an Uwe Johnsons Roman Mutmaßungen über Jakob erinnert fühlt, hat Recht. Das Prinzip, einem Ereignis mit Hilfe mehrerer Erzählperspektiven auf den Grund zu gehen, ist von Johnson bereits meisterhaft ausgeführt worden. Isabella Breier macht es dem Leser aber ungleich einfacher. Im Gegensatz zu Johnson teilt sie in den Überschriften mit, wessen Sichtweise wir gerade zu lesen bekommen und erspart bzw. verweigert dem Leser eine mühevollere, zuweilen aber auch spannendere Detektivarbeit.

Die Einzige, die bis zum Ende nicht zu Wort kommt, ist Mavie. Sie bekommt keine eigene Stimme und ist dennoch das Zentrum des Textes. Sie wurde als Kind von ihrem Vater missbraucht, woraufhin Melike sie „entführte“ um sie vor ihm zu verstecken. Dieser Missbrauch ist der Dämon, der von nun an das Leben der vier Frauen bestimmt, denn wie sich bald herausstellt, ist auch Maja keinesfalls die unbeteiligte Beobachterin, die sie durch ihr angebliches wissenschaftliches Interesse vorgibt zu sein.

Die Vertreibung der Dämonen?

So sehr sich nun Melike und Milena über die oftmals aufdringliche und neugierige Maja beschweren, so sind sie doch gezwungen, sich einmal mit sich selbst und ihrem Lebensweg auseinanderzusetzen. Was sich dann vor den Augen und Ohren Majas entspinnt, sind zerrüttete und verpfuschte Existenzen: gescheiterte Karrieren, eine Beziehung, die vor dem Aus steht und das vergebliche Bemühen, das Leben zu meistern.

Das über Wochen und Monate geführte Gespräch der drei wird allmählich zu einem gegenseitigen Verhör, in dem eine Seite immer bemüht ist, ihre Taten vor der anderen Seite zu rechtfertigen.

Groteskerweise erscheint Mavie bei ihrem einzigen wirklichen Auftritt im Roman als die Besonnenste unter den vier Frauen. Gerade sie, deren Lebenstragödie den Anstoß zu der Kettenreaktion gab, die Melike, Milena und Maja als ihr Leben bezeichnen, scheint ihre Dämonen wenn nicht vertrieben, so doch akzeptiert zu haben. Die anderen drei scheinen dies erst noch lernen zu müssen, wozu das von Maja angeregte Befragungsritual den Anfang geben könnte.

Die Offenlegung der Abgründe

Isabella Breier beweist mit Allerseelenauftrieb einmal mehr ihre Fähigkeit zur tiefgründigen und oftmals sogar abgrundtiefen Charakterzeichnung. Wie auch in ihrem Roman Prokne & Co zeigt sie, wie durch den Frevel eines einzigen Menschen mehrere Existenzen zerstört werden können. War es dort die Intrige eines Ehemannes, die seine Frau mit ihrer besten Freundin auf Jahre hinaus entzweit hat, so ist es hier die Vergewaltigung eines Kindes durch seinen Vater. Die Offenlegung solcher Abgründe wird von Isabella Breier zu einem poetischen Prinzip erhoben und genau aus diesem Prinzip resultieren eine faszinierende Charakterzeichnung, eine psychologisch treffsichere Charakterdeutung und ein genauer Blick für zwischenmenschliche Zusammenhänge. All dies wird von der Autorin so faszinierend gestaltet, dass ihre Sprache dabei angenehm unaufdringlich zurücktritt, was nicht heißen soll, dass sie keiner weiteren Beachtung bedürfe. Oberflächlich betrachtet wirkt sie eher unscheinbar. Bei genauerem Hinsehen jedoch offenbaren sich geheimnisvolle und faszinierende Wendungen, aus denen die wahre Anziehungskraft des Textes entspringt.

Für jedes Buch gibt es richtige und falsche Momente. Adalbert Stifters Nachsommer eignet sich bspw. hervorragend für eine Lektüre auf einer sonnigen Parkbank in freier Natur. Zumindest sofern man kein wissenschaftliches Interesse hat und sich lieber an den beschaulichen Naturschilderungen erfreut. Die Texte von Rainald Goetz eignen sich dagegen mehr für eine Lektüre in aufgebrachter Stimmungslage und bei stürmischem Wetter. Allerseelenauftrieb hingegen ist kein Buch für Mußestunden und Sonnentage. Auch für aufgebrachte Stimmungslagen ist es eher ungeeignet. Es ist ein Buch bei dem langsame, beinahe andächtige Lektüre, einem hohen kirchlichen Feiertag wie Allerseelen angemessen, zu empfehlen ist.

Isabella Breier. Allerseelenauftrieb. Mitter Verlag. Wels 2013. 222 Seiten.  22,00 €.

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Ein Kommentar zu “Isabella Breier: Allerseelenauftrieb

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