Jonathan Franzen: Freiheit

Risse im Fundament

Jonathan Franzen porträtiert eine amerikanische Vorzeigefamilie

Bild

von Torsten Ehlers

Wer kennt nicht das Gefühl, dass auf den ersten Blick viele Dinge im Leben wunderbar erscheinen? Keiner kann sich davon freimachen. Niemand kann alle Facetten eines Bildes, eines Zustandes oder gar eines Gegenstandes beim einmal darauf Schauen erfassen. So schrieb etwa Andreas Möller, seinerzeit Fussballspieler, in einer Kolumne 1997 in der Sport Bild nach dem Triumph von Borussia Dortmund in der Champions League, dass dieser Erfolg viele Schwierigkeiten innerhalb des Teams überdeckt habe. Ja selbst der Pokal, den die Mannschaft überreicht bekam, sei nicht perfekt. Überall seien so kleine Risse an der Oberfläche zu sehen, diese könnten für den Leistungsabfall einer Mannschaft stehen, die über ihren Zenit hinaus war und die dies mithilfe eines Pokals perfekt überspielen konnte.

Ähnlich könnte man das Familienporträt von Jonathan Franzen lesen. In seinem Roman Freiheit zeichnet er eine perfekte amerikanische Familie. Aber ist sie wirklich so perfekt wie es den Anschein hat? Der Schein mag wie so häufig trügen, denn auch dieses Porträt bekommt Risse, die beim genaueren betrachten nicht zu übersehen sind.

Trügerisches Familienbild

Die Berglunds wollen eine amerikanische Vorzeigefamilie sein. Auf den Familienfotos, die in ihrem Haus stehen, entsprechen sie eher einem Hollywoodklischee, als wirklich einer realistischen Familie. Doch die ersten Risse lassen nicht lange auf sich warten. Die Familiengrundfesten werden nach und nach erschüttert. Der Sohn Joey Berglund zieht aus und bei den nicht so gut beleumundeten Nachbarn ein, die dem Klischee des White Trash Amerikaners, Menschen die der weißen Unterschicht in den USA angehören, sehr nahe kommen . Der Familienvater Walter Berglund, der sich für den Umweltschutz einsetzt, lässt sich auf einen faulen Kompromiss mit einem Unternehmen der Kohleindustrie ein. Die Vorteile, die er damit für den Schutz einer Vogelart erzielt, wiegen die Nachteile für die Umwelt keinesfalls auf. Aber auch seine Frau Patty Berglund hat Leichen im Keller. Sie hat eine Affäre mit dem besten Freund von Walter aus dessen Collagetagen. Der Familie droht der Supergau. Walter scheint seine Frau zu verlieren, stürzt sich in seine Arbeit und ebenfalls in eine Affäre mit einer Angestellten. Doch der Bruch in der Familie scheint erst perfekt, als Walter von der Affäre seiner Frau mit dem Rockmusiker Richard Katz, jenem besagten Collegefreund, erfährt. Plötzlich treten all die gemachten Fehler zu Tage, auf denen die Familie Berglund gegründet wurde. Sie ist keineswegs aus frei gefällten Entscheidungen der Protagonisten entstanden.

Selbstbestimmung versus Fremdbestimmung

Vielmehr waren die Mitglieder der Familie äußeren und vor allem fremdbestimmten Faktoren unterworfen. Dies gilt zweifellos für den Sohn der Familie, der, aufgrund von atemberaubendem Sex mit der Nachbarstochter, auszieht. Das gleiche gilt für die Mutter Patty. Sie als ehemalige Sportlerin stand immer in Konkurrenz zu anderen Menschen und wurde so auch von anderen beurteilt. Sie kennt es gar nicht, etwas zu tun, ohne dabei jemand Anderem zu gefallen. Die Chance der Berglunds besteht darin, zu erkennen, dass sie eine Zeit lang leben müssen, ohne auf jemand Anderen, seien es Verwandte, Freunde und lose Bekannte, Rücksicht zu nehmen. Sie müssen sich ihres ureigenen Selbst bewusst werden. Damit die Familie wieder zusammenwachsen kann, muss sie vielleicht erst einmal komplett zerstört werden. Dieser Punkt, etwas Bestehendes zu zerstören, um Platz für etwas Neuartiges zu machen, ist keine Erkenntnis, die uns zum ersten Mal in einem Roman begegnet. Vielmehr gibt es sie schon seit dem 19. und 20. Jahrhundert. Als ein Beispiel sei hier auf Hermann Hesses Demian hingewiesen. In diesem Roman muss die ganze Welt des Protagonisten Emil Sinclair zerstört werden, um etwas Neues zu schaffen. Gleiches gilt für die Familie Berglund.

Jonathan Franzens Freiheit stellt keineswegs nur ein Familienporträt dar. Dieser Roman zeichnet eine Gesellschaft, deren höchstes Gut die Freiheit sein soll. Nur leider hat diese noch nicht erkannt, dass sie keineswegs frei ist. Sie ist abhängig von Lobbyisten, Familienbündnissen und vielen weiteren Faktoren. Oberflächlich betrachtet funktioniert Franzens Roman gut, doch auch hier trügt der Schein. Im Gesamtkonzept zeigen sich wieder die in dieser Rezension viel bemühten Risse. Einer könnte die Sprache des Romans sein, die bisweilen sehr umgangssprachlich wirkt. Ein anderer Riss sind die zu klischeehaft gezeichneten Romanfiguren, die geradezu nach einer Verfilmung schreien. Doch selbst dies wäre kein Problem, wenn da nicht der konstruierte Versuch eines Happy Ends wäre. Das ist der größte Riss, der das Konstrukt von Freiheit erschüttert. Hätte Franzen einen konsequenten Roman abgeliefert, dürfte es dieses Friede-Freude-Eierkuchen-Ende nicht geben und so bleibt dieser Roman doch hinter seinen Ambitionen zurück. Denn eine Weiterentwicklung kann in diesem Fall nicht ein Rückschritt sein, zu einem Zustand, den es bereits vorher schon einmal gab. Vielmehr sollten in der Endkonsequenz die Bausteine für die jeweiligen Familienmitglieder sich neu zusammensetzen, nur mit dem Unterschied der Erfahrung, die sie gesammelt haben und auf die sie zurückgreifen können. Vielleicht ließe sich sagen, dass Jonathan Franzens Freiheit auf den ersten Blick ein toller Roman ist, aber es lohnt sich einen zweiten, hinterfragenden und vor allem kritischen Blick auf den Text zu werfen.

Jonathan Franzen: Freiheit. Rowohlt Taschenbuch. Reinbek bei Hamburg 2012. 736 Seiten. 9,99 €

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Ein Kommentar zu “Jonathan Franzen: Freiheit

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