David Prudhomme: Einmal durch den Louvre

Kunst und umgekehrte Perspektiven

Den Louvre mithilfe einer Graphic Novel entdecken

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von Torsten Ehlers

Ist es möglich, eine Institution wie den Louvre neu zu entdecken? Eigentlich scheint alles bekannt zu sein. Der Louvre hat 403 Räume, davon sind 352 geöffnet. Insgesamt befinden sich hier 400000 Werke, Gemälde, Grafiken, Skulpturen usw., von denen lediglich 35000 in Ausstellungen zu sehen sind. Durchschnittlich besuchen täglich 29000 Besucher den Louvre. Die Gesamtlänge der Gänge kann auf 12 km beziffert werden, von denen 243000 Quadratmeter Holzböden sind, die zur Pflege etwa 2500 Liter Wachs benötigen. Eigentlich beweisen schon diese wenigen Fakten, – es gibt noch eine Vielzahl mehr – dass alles über den Louvre bekannt ist. Selbst in David Prudhommes Einmal durch den Louvre finden sich jede Menge Fakten über den Louvre  wieder.

Die Story, oder vielmehr der Plot, kommt allerdings nicht so sperrig daher, wie es jetzt diese Anhäufung von Fakten vermuten lässt. Der Protagonist schlendert mit seiner Freundin Jeanne durch die Gänge des Louvre. Aus irgendeinem Grund haben sie sich aus den Augen verloren. Auf der Suche nach seiner Freundin quer durch die verschiedensten Ausstellungsräume entdeckt der Protagonist den Louvre neu. Er versetzt sich in die Position der Gemälde und Skulpturen und fragt sich dabei: Was sehen eigentlich die Kunstwerke? Die Position des Betrachters wird demnach einfach umgedreht. Dies ist nicht neu und auch die Frage, was die Werke wohl sehen, erscheint keineswegs eine revolutionäre Idee zu sein. In der Phantasie vieler Menschen gab es bestimmt schon einmal die Frage, wie sich denn wohl die Kunstwerke fühlen und was sie wohl sehen. Neu erscheint hier nur, dass sich endlich einmal jemand traut, diese Perspektive umzusetzen. Dennoch entstehen hier sehr interessante und charmante Bilder, die einer Spur Humor nicht entbehren. Denn der gemeine Tourist oder besser Besucher, also der Mensch der diese Werke im Louvre betrachtet, ist bei Prudhomme die Hauptattraktion. Dies zeitigt schon das Mittel der Darstellung, die der Autor dafür benutzt. Grundsätzlich ist der Besucher farbiger gehalten, als das Gemälde oder Kunstwerk, welches er betrachtet. Denn dieses ist meist nur eine blassgraue Bleistiftzeichnung. Der Besucher scheint ganz offensichtlich viel interessanter zu sein, als die Werke an sich. Er könnte der Grund sein, warum sich die Kunstwerke nie langweilen, denn sie bekommen eine Menge zu sehen. Insbesondere die Löwenskulptur bekommt Einiges geboten. Vor ihr unternehmen die Menschen die größten Verrenkungen, um ein Bild zu bekommen, auf dem es den Anschein hat, ihr Kopf stecke im Maul des Löwen. Oder aber es geschieht, dass die Besucher teilweise unfreiwillig und unbewusst genauso da stehen, wie Personen auf dem Bild, das sie gerade betrachten. Für diesen einen kurzen Moment ragen diese Menschen aus der gesichtslosen Masse heraus. Doch das einzige Gemälde, das immer wieder das Gleiche zu Gesicht bekommt, ist die Mona Lisa. Von all dem Spaß hat sie nicht viel, denn sie schaut immer nur auf Menschenmassen, die sie anstarren und Fotos von ihr machen wollen und so gibt es in der ganzen Graphic Novel lediglich ein Bild von ihr, auf dem sie nicht mal im Original zu sehen ist, sondern vielmehr über eine Digitalkamera eines Besuchers dargestellt wird.

Einmal durch den Louvre ist keine neuartige und revolutionäre Graphic Novel. Vielmehr entspricht sie der klassischen europäischen Art und Weise, Graphic Novels aufzuarbeiten. Einmal durch den Louvre muss auch gar nicht neuartig sein. Diese Grapic Novel besticht vielmehr durch ihren Charme und mit Bildern, die wie farbige Bleistiftzeichnungen ausschauen. Zwar räumt David Prudhomme mit dieser Wahl der Darstellung den Kunstwerken ebenfalls ihren angemessenen Raum ein, aber er lässt sie nicht übermächtig werden. Denn die Gemälde, Skulpturen usw. sind zwar da und sie wirken definitiv auf den Menschen, der davor steht und sie betrachtet. Aber der Mensch steht im Fokus und nicht das Kunstwerk. Die Exponate und der Louvre bilden hier nur den Rahmen, wenn man die Metapher eines Gemäldes bemühen möchte. Die eigentliche Kunst, also das eigentliche Werk, ist der Besucher des Louvres, der allerdings auch nur ab und zu aus der gesichtslosen Masse heraussticht. Einmal durch den Louvre macht aber nicht nur Spaß, weil es humorvoll und witzig ist, sondern auch weil es viele Kunstwerke zu entdecken gibt, die man zwar kennt, aber bei denen man sich nicht mehr ganz sicher ist, wie sie denn heißen. Somit sei allen die den Louvre schon einmal besucht haben oder dies noch nicht getan haben, aber es irgendwann einmal wollen, diese Graphic Novel wärmstens empfohlen

David Prudhomme: Einmal durch den Louvre. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt Verlag. Berlin 2012. 80 Seiten. 20,00 €.

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