Jörg Magenau: Brüder unterm Sternenzelt

Im Wunderbaren zu Hause

Jörg Magenaus Biographie der Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger

MagenauBrüder

von Stephan Lesker

Langemarck am 29. Juli 1917. Es tobt eine blutige Schlacht. Hunderttausende Menschen werden in den Gräben des Ersten Weltkriegs ihren Tod finden. Inmitten dieser Feuerhölle, diesem Moloch aus tausenden von Körpern, trifft Ernst Jünger seinen schwer verwundeten Bruder Friedrich Georg (genannt Fritz) und rettet ihm das Leben. Ein Wunder? Zumindest wollten es die beiden Brüder Zeit ihres Lebens immer so gedeutet wissen. Jörg Magenau sucht in seiner Doppelbiographie ebenfalls allerhand Wunderbares im Leben der von Ernst und Friedrich Georg auf.

Auch wenn die Beziehung der beiden Brüder bei Magenau beinahe symbiotisch erscheint, sind doch schon frühe Brüche festzustellen. Ernsts Abenteuer in der französischen Fremdenlegion traf die Familie bspw. völlig unvorbereitet. Nicht einmal Fritz wusste davon. Auch von den späteren Drogenerfahrungen im Dunstkreis Albert Hofmanns blieb Fritz ausgeschlossen. In ihren Empfindungen und Gedanken blieben Ernst und Fritz jedoch immer verbunden.

Schon früh fanden beide ihre gemeinsame, ja beinahe mystische Verbindung in der Natur und in der Literatur. Sie lasen oft unabhängig voneinander dieselben Bücher und gingen immer wieder auf Erkundungsfahrten. Die Rehburger Landschaft wurde ihre Heimat, das Sternenzelt ihr Dach. Zeitlebens blieb die Natur ihr Ruheort. Ernst, der sogar im Grabenkrieg Zeit zur kontemplativen Beschäftigung mit der Natur hatte, hegte eine große Leidenschaft für Käfer, während Fritz eher der Vogelkunde nachging. Folgerichtig macht Magenau die Natur zur strukturgebenden Formatvorlage seines Buches. Jedem Kapitel ist ein Element zugeordnet. Doch damit nicht genug. Auch die einzelnen Abschnitte des Buches bekommen sehr prägnante landschaftliche Bezeichnungen, die den einzelnen Lebensstadien der Brüder entsprechen. Ausgehend von der Rehburger Moorlandschaft („Moor“), über die Schlachtfelder des ersten Weltkrieges („Feld“), gelangten die Brüder in das bunte und dekadente Treiben der Großstadt („Städte“). Die Machtübernahme Hitlers ließ beide in ländlichere Räume „flüchten“ („Gärten“), wo sie während des Zweiten Weltkrieges eine Art Höhlenexistenz führten („Höhlen“). Ernst bemühte sich, das Soldatische zu bewahren, während die Mordexzesse um ihn herum immer unleugbarer wurden. In Paris war er bestrebt, sich aus allem „rauszuhalten“. Fritz hingegen, wegen seiner Verwundung aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr zum Militärdienst geeignet, nahm einen vollkommen distanzierten Beobachterstandpunkt ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg kämpftenhatten beide mt den Repressalien der Besatzungsmächte zu kämpfen und sahen sich vor eine neue Gesellschaftsordnung gestellt, auf die sie mit neuen Lebensentwürfen reagieren mussten. Ernst schuf den Typus des Waldgängers („Wald“), der im kontemplativen Naturerlebnis Ruhe fand und auch für Fritz war der Ruheort Natur von großer Bedeutung. Was für seinen Bruder der Wald war, war für Fritz das Wasser („See“).

Jörg Magenaus Buch verwischt die Grenzen zwischen Imagination und Wissenschaft. Er versetzt sich in den alternden Ernst Jünger hinein und schildert die Geschehnisse aus dessen Standpunkt in Wilflingen im Jahr 1996. Darüber hinaus bietet seine Biographie nur wenig Neues. Dem wissenschaftlich interessierten Leser ist vieles, was Magenau berichtet, bereits aus besseren Quellen bekannt. Dennoch übt Magenaus Buch eine große Anziehungskraft aus. Die Verklärung des Brüderverhältnisses und dessen Stilisierung ins beinahe Mystische passt ausnehmend gut zum narrativen Gewand, das er für seine Darstellung gewählt hat. Die Brüder erscheinen derart faszinierend und anziehend als wären Sie einem großen Gesellschaftsroman entsprungen. Der Stil ist spannend, ja mitunter sogar fesselnd. Magenaus Buch ist weniger eine Biographie, als ein biographischer Roman. Wissenschaftlich ist es eher unbedeutend. Die grandiose erzählerische Aufbereitung garantiert aber ein großes Lesevergnügen für Jünger-Fans, Jünger-Neulinge und Jünger-Skeptiker.

Jörg Magenau: Brüder unterm Sternenzelt – Friedrich Georg und Ernst Jünger: Eine Biographie. Klett-Cotta 2012. 315 Seiten. 22,95 €.

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