Wilhelm Raabe: Der Schüdderump

Die Machtlosigkeit des Erzählers

Der Schüdderump oder Wie Wilhelm Raabe dem Leid in seinen Büchern ohnmächtig zusehen muss.

Unbenannt

von Stephan Lesker

Eine der elementarsten Erfahrungen des Menschen ist die Ohnmacht; die Ohnmacht derjenigen Instanz gegenüber, die vermeintlich das Leben lenkt und die so gerne als Schicksal bezeichnet wird. Im Glück wie im Unglück muss der Mensch erkennen, dass er letztlich sein Leben nicht in der Hand hat. Jemand, der dieses Lebensprinzip nicht nur erkannt, sondern meisterhaft zum bestimmenden Antrieb seines Schreibens gemacht hat, ist Wilhelm Raabe.

Auch Raabe musste die Erfahrung machen, dass man dem Lauf des Lebens zumeist tatenlos zusehen muss. Sein Vater stirbt früh an einer Blinddarmentzündung und sein bester Freund bringt sich während der Lehrzeit um. Raabe selbst leidet an einer schmerzhaften Ohreninfektion, die dazu führt, dass er auf einem Ohr taub wird. Immer wieder ist er in seinem Schriftstellerleben gezwungen, literarische Kompromisse einzugehen, die ihm einen gewissen Publikumsstamm und somit die Ernährung seiner Familie gewährleisten. Unter letzterem und dem plötzlichen Tod seiner 16-jährigen Tochter hat er am meisten gelitten.

„Die Guten kommen immer zu spät“

Der Schüdderump ist wohl dasjenige Buch Raabes, in welchem die Machtlosigkeit des Menschen am klarsten zum Ausdruck kommt. Nicht nur die Figuren stehen dem Lauf der Dinge oft tatenlos gegenüber, sogar der Erzähler selbst betont immer wieder, dass er lieber eine schönere Geschichte erzählen würde. Leider lassen ihm die Geschehnisse keine Wahl.

Alles beginnt mit dem titelgebenden Schüdderump, einem Karren, auf dem Pestkranke aufgehäuft zu Grabe getragen werden. Diesmal liegen auf dem Schüdderump jedoch keine Toten, sondern zwei Lebende: Marie Häußler, die vor Jahren mit ihrem Vater Dietrich aus dem Dorf Krodebeck verschwand, wird nun todkrank mit ihrer Tochter Antonie zurück ins Dorf gekarrt. Nach kurzer Beratung beschließt man, sie in das Siechen- und Armenhaus zu stecken, wo bisher nur die alte Hanne Allmann lebt. Nach einiger Zeit stirbt Marie und Antonie wird von Hanne aufgezogen. Nach deren Tod kommt sie auf den benachbarten Lauenhof, auf dem sich die zwei alten Herrschaften Karl Eustach von Glaubigern und Adelaide de Saint-Trouin um sie kümmern. Schnell lebt sie sich dort ein und befreundet sich mit dem jungen Hennig von Lauen, dessen Mutter der Lauenhof gehört. Nicht nur im Armenhaus, sondern auch auf dem Lauenhof wird Antonie das Zentrum des Lebens. Ihre liebenswürdige Art und ihre Schönheit sorgen dafür, dass das Glück immer dort einzieht, wo auch sie gerade weilt. Sie wird zu einer Art Lichtgestalt im dunklen Krodebeck. So weit, so idyllisch. Aber selbst während dieser glücklichen Zeit betont der Erzähler immer wieder, dass das Unheil schon naht. Der Schüdderump, auf dem Marie und Antonie gekommen sind, wird sie wieder einholen. Die Nachricht von der Rückkehr Dietrich Häußlers, Antonies Großvater, der als armer Mann ging und als Millionär wiederkommt, erschüttert den Lauenhof. Man weiß genau, dass er nur kommt, um Antonie mit sich zu nehmen. Auch dabei schauen die Figuren und der Erzähler tatenlos zu. Antonie und Dietrich ziehen nach Wien, wo es Antonie immer schlechter geht. Alle Versuche, sie nach Krodebeck zurückzuholen, scheitern. Die Bemühungen die vor allem Hennig und der Ritter von Glaubigern unternehmen, kommen zu spät.

Nicht genug, dass die Guten dem Bösen in diesem Buch meist tatenlos gegenüber stehen; wenn sie denn einmal etwas unternehmen, kommen sie immer viel zu spät. Tatenlosigkeit, Ohnmacht und Zuspätkommen sind die drei durchgängigen Strukturprinzipien in Raabes Buch.

„Die Welt lacht in Lieblichkeit.“

Als wäre dies nicht schon genug, müssen die Figuren auch noch mit ansehen, wie die Welt trotz allem Schrecklichen, das in ihr passiert, wie hohnlachend in ihrer vollsten Schönheit erstrahlt. Der Tod Antonie Häußlers hat großes Leid nach Krodebeck und vor allem auf den Lauenhof gebracht. Der einstmals so stolze Ritter von Glaubigern ist senil geworden und redet nur noch wirres Zeug und Adelaide de Saint-Trouin sinkt in tiefe Trauer, aus der es keinen Ausweg gibt, denn hier verlässt der Erzähler seine Figuren und beendet seine Geschichte.

Trauer trägt den Sieg davon.

Der Schüdderump ist ein trostloses Buch, was nicht heißt, dass Glücksmomente aus der Darstellung verbannt werden. Im Gegenteil: das Buch ist voll von solchen Momenten. Schließlich sorgt Antonies Ankunft dafür, dass drei alte Menschen, deren Leben gemächlich dem Ende entgegen ging, wieder aufleben. Hanne Allmann, Karl Eustach von Glaubigern und Adelaide de Saint-Trouin erfahren noch einmal ein letztes Glück in ihrem Leben. Welch ein Paradox: Jemand, der auf einem Totenkarren daher kommt, sorgt für Belebung.

Die Trostlosigkeit von Raabes Erzählstil entspringt vielmehr daraus, dass die Schönheit der Welt nichts gegen die Tragödien bewirkt, die sich in ihr abspielen. Letztlich bleibt nur die Trauer übrig. Sie wird zum alles überschattenden Element in Raabes Erzählung und das muss man als Leser erst einmal aushalten können. Die permanenten Leseranreden, dass man auch in Zeiten des Glückes den Schüdderump nicht vergessen solle, sind eine wichtige Mahnung an den Menschen, mit dem Leben verantwortungsbewusst umzugehen. Gleichzeitig sind sie aber auch eine Warnung an den Leser, der sich bewusst sein muss, dass das Herannahen der Tragödie bei aller Schönheit, die da gerade geschildert wird, unausweichlich ist. Letztlich und vor allem sind sie aber unglaublich deprimierend.

„Deprimierend“ ist auch das richtige Wort, um den Gesamteindruck zu beschreiben, den Der Schüdderump hervorruft. Um diese tiefe Traurigkeit zu erzeugen, sind natürlich einige zeitweise störende Stilmittel nötig. So bekommt man beispielsweise den Eindruck einer unverhohlen kitschigen Idealisierung des Charakters von Antonie Häußler, die nur an einer Stelle eine kleine Korrektur erhält. Dies mag zwar zuweilen unverständliches Kopfschütteln hervorrufen, aber ohne dieses Stilmittel würde Raabe den großen Effekt, den er mit diesem Buch erzielt, schlichtweg nicht erzielen können: den Sieg der Trauer über die Schönheit der Welt.

Wilhelm Raabe: Der Schüdderump. Nur noch antiquarisch erhältlich;
alternativ als Hörbuch: Wilhelm Raabe: Der Schüdderump. Ungekürzt vorgelesen von Hans Jochim Schmidt. Vorleser Schmidt Hörbuchverlag 2012. 26,00 €.

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