Jens Sparschuh: Ende der Sommerzeit

Gute Literatur in der Provinz?

Mit Jens Sparschuh auf den Spuren Vladimir Nabokovs in Brandenburg.

von Torsten Ehlers

Die Großstadt ist out! Es lebe die Provinz! Schon seit geraumer Zeit spielen viele Romane der deutschen Gegenwartsliteratur nicht mehr in den Metropolen des Landes. Vielmehr entdecken die Autoren das „Nirgendwo“ Deutschlands für sich. Seien es die Kleinstädte Mecklenburgs oder die Dörfer Brandenburgs, die hier stellvertretend für all die anderen Gegenden genannt sein sollen. Die Provinz scheint momentan en vogue zu sein. Offenbar finden sich in der Provinz mittlerweile ebenfalls die richtig guten literarischen Stoffe. Vielleicht ist es aber auch einfacher, gesellschaftliche Grauzonen in den Dörfern und Kleinstädten der Republik spielen zu lassen. Ein Roman, der dafür als Beispiel dienen könnte, ist Judith Zanders Dinge, die wir heute sagten. Dieser Roman spielt in Bresekow, einem Dorf das in Vorpommern liegt. Hier lässt die Autorin drei Generationen zu Wort kommen, die über ihren Alltag in der Provinz berichten. Einen ähnlichen Ansatz bietet Saša Stanišić mit seinem Roman Vor dem Fest. Nur, dass es Stanišić in seinem Werk nicht nur um die Personen und deren Alltag in der Provinz geht. Er ergänzt es um die Note der Mythen und der Geschichte des Ortes, um ein komplettes Bild der Menschen zu geben.

Einmal Nabokov hinterher und wieder zurück

Jens Sparschuh hat ebenfalls die Provinz für sein Werk Ende der Sommerzeit als Handlungsort auserkoren. Nur folgt er anderen Motiven. Sein Protagonist soll nicht den Alltag schildern, vielmehr wandelt er auf den Spuren Vladimir Nabokovs. Dieser hatte schließlich für eine kurze Zeit, so um 1929, in Berlin gelebt und sich in der Nähe eine kleine Datsche gekauft, um in Ruhe schreiben zu können. Tatsächlich spielt der Roman Verzweiflung von Nabokov in dieser Gegend in der brandenburgischen Provinz. Der Protagonist, der Gastdozent an einer amerikanischen Universität ist, versucht nun, hier auf Spurensuche zu gehen. Doch die Skizze, die der Perfektionist Nabokov zu seinem Roman angefertigt hat, ist fehlerhaft. Die Orte sind falsch eingezeichnet und irgendwie sind Osten und Westen sowie auch Norden und Süden vertauscht. Ein See ist nicht dort, wo er sein sollte und darüber hinaus gibt es ihn in der Realität auch noch zwei Mal, was die Suche erheblich erschwert. Kurzum die Kartenskizze stimmt an allen Ecken und Enden nicht. Der Protagonist begibt sich nun auf die Suche nach der Datsche von Nabokov. Doch für ihn ist es nicht nur eine Spurensuche, sondern auch eine Reise in die Vergangenheit, genauer gesagt in seine Kindheit, denn er hatte viele Sommer hier in dieser Seenlandschaft verbracht. Was er findet, ist für ihn überraschend, aber nicht eigentlich das, was er von dieser Suche erwartet hat. Aber das Ergebnis ist auch nicht das Spannende an diesem neuen Werk Sparschuhs. Vielmehr ist die Reise dorthin wesentlich interessanter, denn auf seiner Suche beginnen Realität und Fiktion zu verschwimmen. Die Grenzen sind nicht klar umrissen. Zumindest für den Protagonisten hat es den Anschein, dass dies so ist. Ein weiterer spannender Punkt dieses Romans von Jens Sparschuh ist der Umstand, dass er einen Querschnitt durch das Gesamtwerk Vladimir Nabokovs bietet. Anspielungen auf die bekannten Werke Lolita; Bube, Dame, König; Das wahre Leben des Sebastian Knight und viele andere, finden sich zu Hauf in Sparschuhs Roman. Man muss sie nur entdecken, denn manche stehen offensichtlich da und andere benötigen dann eine tiefere Kenntnis des Werkes von Nabokov. Doch nicht nur das Werk, auch die Person des berühmten Autors, mit all ihren Vorlieben und Abneigungen stehen im Fokus.

Zwischen Psychoanalyse und biographischer Literaturforschung

Es ist bekannt, dass Nabokov zwei literarische Vorgehensweisen der Wissenschaft nicht als gut befand. Die Psychoanalyse, welche sämtliche Verhaltensweisen auf sexuelle oder auch animalische Faktoren im Menschen herunterbricht, war ihm zutiefst verhasst. Ähnlich verhielt es sich mit der biografischen Literaturforschung. Interessanterweise führen diese beiden Wege, die der Protagonist bei Sparschuh nutzt, um Nabokov auf die Schliche zu kommen ins Leere. Ja, diese beiden Theorien werden gar der Lächerlichkeit preisgegeben. Dabei geschieht dies nicht besonders tiefschürfend, sondern lediglich oberflächlich. Lustig ist es dennoch, wenn es insbesondere darum geht, in der Umgebung die phallischen Symbole zu finden wie etwa einen Gehstock. Ein wenig übertrieben tritt diese Vorgehensweise dann hervor, wenn selbst der Bleistift, der auf einem Schreibtisch liegt, um den Fortschritt der Spurensuche zu notieren, als phallisches Symbol gewertet wird. Dennoch macht es Spaß zu lesen, wie die Literaturforschung in diesem Werk ihr Fett weg bekommt, denn wie die Kartenskizze zeigt, liebt es der Autor Nabokov, seine Leser und somit auch Forscher aufs Glatteis zu führen.

Alles in allem bietet Sparschuh mit seinem Roman Ende der Sommerzeit einen tollen Einblick in die Welt eines Nabokovforschers, der nicht nur mit seinem Forschungsobjekt zu kämpfen hat, sondern auch mit sich selbst. Ebenfalls tritt Sparschuh den Beweis an, dass gute Literatur nicht immer irgendwelchen Theorien folgen muss oder bestimmten Gesetzen unterworfen ist. Zugegeben, mit Nabokov macht er es sich leicht, weil dessen Abneigung gegen die Psychoanalyse und die positivistisch-biografische Literaturforschung überliefert sind. Dennoch muss man diese Thematik erst einmal mit dieser Leichtigkeit und dem Humor erzählen können. Dies gelingt Jens Sparschuh sogar besser als in seinem Werk Im Kasten. Dort war der Humor dann doch zu sehr auf dem Niveau einer Ikea-Werbung, die sehr lustig sein kann, aber nicht allzu tiefgründig ist. Um noch einmal den Vergleich zwischen Metropole und Provinz herzustellen: Setzt man gute Literatur mit einer Großstadt gleich und schlechte mit der Provinz, sollte man hier erwähnen: Gute Literatur muss nicht immer Großstadt sein. Auch in der Provinz gibt es gute und sehr gute Literatur. Jens Sparschuh tritt mit Ende der Sommerzeit den Beweis an.

Sparschuh, Jens: Ende der Sommerzeit. Kiepenheuer und Witsch. Köln 2014. 256 Seiten. 18,99 €.

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4 Kommentare zu “Jens Sparschuh: Ende der Sommerzeit

  1. Klasse. Das Buch ging völlig an mir vorbei, obwohl ich Nabokov sehr gerne gelesen habe (und irgendwann wieder einmal wieder lesen wil…). Schöne Entdeckung hier gleich auf den ersten Klick (sprich Besuch auf dieser Seite).

    • Schön, dass unsere Seite gleich beim ersten Besuch eine solche Entdeckung bereithielt. Das Tolle an Sparschuhs Buch ist, dass man nicht unbedingt mit dem Werk Nabokovs vertraut sein muss, um Spaß beim Lesen zu haben. Wenn man aber die Texte Nabokovs kennt, macht es gleich doppelt soviel Freude.

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