Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße

Schaurig schön und nicht zu „fassen“.

Neil Gaiman schreibt ein Märchenbuch mit Fantasyelementen.

gaiman

von Torsten Ehlers

Es gibt sie noch. Es gibt noch diese magischen Bücher, von denen Umberto Eco sagt, dass sie ihren Leser finden und nicht der Leser sie. Diese Bücher machen das Lesen lesenswert und sorgen für Glücksmomente. Sie schaffen es, einen in den Bann zu ziehen noch bevor man sie überhaupt aufgeschlagen hat. So erging es mir mit Neil Gaimans Roman Der Ozean am Ende der Straße.

Bei einem Besuch im Bücherladen suchte ich nichts Bestimmtes und stand vor dem Bücherregal. Neben mir zog gerade jemand ein Buch aus dem Regal. Dabei zerrte er aber automatisch ein Weiteres heraus, das runterfiel. Bevor es jedoch auf dem Boden aufkam, fing ich es auf. In meinen Händen lag dann Neil Gaiman Der Ozean am Ende der Straße. Das Cover ist dekoriert und geadelt mit einem Zitat von Daniel Kehlmann, der geradezu ins Schwärmen kommt und kräftig die Werbetrommel für dieses Buch rührt. Dabei ist die Geschichte sehr schlicht.Nur wenige Momente zeichnen diese Erzählung aus. Dafür sind sie umso spektakulärer.

Aber der Reihe nach: Der Plot lässt sich einfach zusammenfassen. Ein Mann kommt in das Dorf zurück, in dem er vor einigen Jahren als Kind gelebt hat. Eigentlich ist er hier, um einer Beerdigung beizuwohnen. Doch zwischen der Bestattung und dem Leichenschmaus zieht es ihn zum Wohnort seiner Kindheit. Genauer gesagt an den kleinen Teich, den seine Freundin als Ozean bezeichnete. Der Mann erinnert sich an die Begebenheiten rund um den Zeitpunkt, als er seine Freundin Lettie Hempstock, zum letzten Mal gesehen hat. In ihm kommen all die merkwürdigen Ereignisse wieder hoch und er erinnert sich daran, dass Lettie ihm das Leben rettete. Eigentlich weiß er nicht einmal genau, ob Lettie überhaupt noch lebt.

Ein typischer Neil Gaiman?

Neil Gaiman, bekannt für seine Comicserie Sandman, aber auch für Romane wie Der Sternenwanderer, Niemalsland oder American Gods, liefert hier eine Erzählung ab, wie sie für ihn typisch ist. Es gibt einen Protagonisten, der aus sehr gewöhnlichen Verhältnissen stammt. Teilweise sind diese Verhältnisse sehr fantasielos, unspektakulär, ja sogar geradezu langweilig. Doch plötzlich wird dieser Protagonist aus seinem geregelten und gewohnten Leben herausgerissen. Er muss seine Komfortzone verlassen, um ein Abenteuer zu bestehen, welches eigentlich seine Fähigkeiten übersteigt. Soweit ist dieser Roman ein typischer Neil Gaiman.

Was ihn jedoch komplett untypisch macht, ist die Tatsache, dass sich dieser Roman nicht einordnen lässt. Ist es ein Märchen oder ein Fantasyroman? Von diesen beiden Kategorien finden sich im Roman Der Ozean am Ende der Straße diverse Elemente. Für das Märchen spricht die Tatsache, dass in einer Szene der Protagonist über ein Feld läuft und von einer Hexe verfolgt wird, die in der Lage dazu ist, ihm mit Blitzen Angst einzujagen.

Für den Fantasyroman spricht die Tatsache, dass etwas Phantastisches passiert sein muß, denn diese Hexe, die ein phantastisches Element und ebenso ein Märchenelement ist, konnte durch ein Portal in die reale Welt schlüpfen, welches sich durch einen Biss eines Wurms im Fuß des Protagonisten bildete. Nur mithilfe von Lettie und ihrer Mutter sowie ihrer Großmutter, die ebenfalls über übersinnliche Kräfte, wenn nicht sogar über Zauberkräfte verfügen, kann dieses Portal geschlossen und die Hexe vertrieben werden. So recht einzuordnen vermag man dies nicht.

Mit dem Roman Der Ozean am Ende der Straße gelingt es Neil Gaiman mal wieder, die Phantasie des Lesers herauszufordern. Seine Fähigkeit, mit Worten Bilder zu erschaffen, kommt auch in diesem Roman zum Tragen. Neil Gaiman ist ein anschaulicher Erzähler, aber er versteht es, genauso viel zu erzählen wie nötig, um der Phantasie des Lesers nicht gänzlich vorweg zu greifen. Mag hier und da die Übersetzung ein wenig holprig sein, denn Subjekt, Prädikat und Objekt sind häufig vertauscht, so tut dies der Atmosphäre des Romans keinen Abbruch. Es gibt genug Momente in denen man das Buch nicht weglegen möchte und ebenso gibt es die Elemente in denen man sich mit dem Protagonisten gruselt und fürchtet. Bleibt lediglich die Frage, mit was für einem Buch man es hier zu tun hat? Vielleicht lässt es sich am besten so sagen: Der Ozean am Ende der Straße ist eine schaurig schöne Erzählung, die sowohl Märchen- und Fantasyelemente miteinander verbindet und die allemal lesenswert ist.

Gaiman, Neil: Der Ozean am Ende der Straße. Aus dem Englischen von Hannes Riffel. Eichborn, Köln 2014. 240 Seiten. 18,00 €.

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2 Kommentare zu “Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße

  1. moin moin!
    Hab das Buch schon einige Male im Laden umschlichen, nachdem mich bereits American Gods vom Hocker gerissen hat… klingt ganz so, als müsste ich nochmal hinschleichen und es diesmal mitnehmen 🙂

    Liebste Grüße,
    Zimtkuchen

    • Moin, also ich habe das Buch gemocht bzw. mag es noch immer, weil es nicht so richtig zu fassen ist. Das macht den Text aus. Vielmehr kann ich aber noch die Sandman Reihe empfehlen. Die ist großartig.

      Viele Grüße

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