Hans Fallada: Der Trinker

Angeheitert mit Aussicht auf starke Ernüchterung

Hans Fallada erzählt die Geschichte eines Alkoholikers und seiner Ausnüchterung unter staatlicher Gewalt

FalladaTrinker

von Torsten Ehlers

Hans Fallada wird in seiner Autorschaft gerne als Chronist der Weimarer Republik wahrgenommen. Klar ist, dass sich der Großteil seines Werkes mit dieser Zeit beschäftigt. Als Beispiele wären hier Wolf unter Wölfen, Bauern Bonzen Bomben und Kleiner Mann was nun? zu nennen. Doch Fallada ist nicht nur ein Chronist der Weimarer Republik. Er ist ebenso ein Chronist des menschlichen Makels. In Wolf unter Wölfen beschreibt er u.a. Symptome der Spiel- und der Drogensucht. In seinem Roman Der Trinker ist die Trunksucht das zentrale Thema.

Der Protagonist Erwin Sommer hat eigentlich ein geregeltes Leben. Er führt ein kleines, aber gut gehendes Geschäft. Doch etwas nagt an ihm. Seine Frau kann den Laden besser führen als er. Sie ist geschickter im Verhandeln mit Zulieferern und Kunden. Erwin hat kein rechtes Gefühl für diesen Teil des Geschäfts und macht vieles verkehrt. So ergibt er sich dem Suff. Interessanterweise verliert Hans Fallada nicht viel Zeit und führt die Problematik der Alkoholsucht schon auf den ersten zehn Seiten ein. Durch die Wahl eines Ich-Erzählers wird der Leser sofort in die Handlung hineingesogen und erlebt die Geschichte von Erwin Sommer mit all seinen Gedanken eins zu eins mit.

Kein schleichender Verfall

Fallada lässt in seinem Werk keine Minute den Gedanken aufkommen, dass es ein schleichender Prozess ist, bis man zu einem Alkoholabhängigen wird. Einmal angefangen mit der Trinkerei ist Erwin Sommer dieser ausgeliefert und kann sich nicht dagegen wehren. Es beginnt mit einer durchzechten Nacht in einer Kneipe und endet damit, dass er heimlich in der Nacht die Kochweinvorräte aus der Speisekammer stiehlt und vernichtet. Er ist dem Alkohol so sehr verfallen, dass er in seinem Haus, in seinem Kontor, ja sogar in seinen Kleidern geheime Fächer hat, um einen Flachmann zu verstecken. In betrunkenem Zustand begeht er dann folgenschwere Taten. Er riskiert die finanzielle Zukunft seines Geschäfts und wird handgreiflich gegen seine Frau. Was er dabei nicht mehr mitbekommt ist, dass er seine Frau durchaus hätte töten können. Doch damit nicht genug, als seine Frau ihm Hilfe in Form eines Arztes anbietet, türmt er und muss erst wieder eingefangen werden. Erwin Sommer ist gefangen in einem Teufelskreis aus rauschender Hochstimmung mit dem Alkohol und einem langweiligen und ernüchternden Leben ohne ihn. Den Blick für die Realität hat er gänzlich verloren.

Aus- und Ernüchterung in einer staatlichen Entzugsanstalt

Nach einer langen Verfolgungsjagd mit den Behörden kommt er dann in eine staatliche Entzugsanstalt, aus der er wohl sein Lebtag nicht mehr herauskommen wird. Der Verlust seines alten Lebens droht ihm und all seine Fröhlichkeit, die er während seiner Trinkgelage entwickelt hatte, weicht starker Ernüchterung bis hin zur kompletten Resignation. In diesem zweiten Teil des Buches schildert Hans Fallada die Gepflogenheiten im Entzug zur damaligen Zeit. Eigentlich gibt es kein Entrinnen mehr aus dieser Anstalt. Ärzte und Insassen geben keinerlei Hoffnung auf ein baldiges Leben in Freiheit. Schnell wird klar, dass Erwin Sommer nichts machen kann, um aus den Mühlen des Entzugs heraus zu kommen. Ist er zu still, wird er von den Psychiatern und Ärzten als eigenartig eingestuft. Daraus folgt: keine Entlassung. Ist er allerdings zu fröhlich, ist dies auch kein Grund ihn zu entlassen. Dann gilt er als hyperaktiv und damit kann er noch nicht vollkommen kuriert sein. Zu all diesen Unmöglichkeiten gleicht dieses Leben in der Anstalt vielmehr einem Gefängnis als einer Heilanstalt. Hinter verschlossenen Türen wird mit Zigaretten und allen möglichen „Luxusartikeln“ geschachert. Es gibt kein Entrinnen aus dieser Tretmühle.

Hans Fallada hat mit Der Trinker sicherlich kein herausragendes Buch geschrieben, aber es ist ein bewegendes Buch. Wie es typisch ist für diesen Autor, entwickelt er geradezu eine greifbare und sehr anschauliche Darstellung seines Suchtkranken, indem er dessen Gedanken auch im betrunkenen Zustand in den Text einfließen lässt. Dabei kann der Protagonist Erwin Sommer während seines Rausches geradezu in Euphorie verfallen, denn die Konsequenzen seiner Trinkgelage muss er dabei nicht beachten. Erst am nächsten Tag, wenn er nüchtern wird, folgt die Resignation und seine verwegenen Taten im Rausch enden mit der Tendenz einer starken Ernüchterung. Wer gern Fallada liest und auch damit umgehen kann, dass er mit Leichtigkeit schwere Themen zu erzählen vermag, wird auch an diesem Werk nicht vorbeikommen. Einen besonderen Verdienst, der dem Autor zuzuschreiben ist, sind die Beschreibungen des Aufenthalts in der Entzugsklinik. Hier kann man sehr gut nachvollziehen, dass die damaligen Behörden nicht wussten, wie sie mit psychisch kranken Menschen umzugehen haben. Diese anschaulichen Beschreibungen in der Entzugsanstalt sind die eigentliche Stärke des Romans. In Bezug darauf, wie ein Mensch zum Alkoholiker wird, präsentiert Fallada in seinem Roman nichts Neues. Der Aspekt des Umgangs mit diesen Menschen von staatlicher Seite ist der wesentlich spannendere und interessantere Teil. Alles in allem hat Fallada ein aufwühlendes und emotionales Buch geschrieben, dass man nicht in einem Stück so weg lesen kann. Dieses Buch benötigt Zeit, um seine volle Wirkung entfalten zu können.

Fallada, Hans: Der Trinker. Aufbau Taschenbuchverlag, Berlin 2011. 291 Seiten. 9,99 €.

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