Glitzernde Wörter

Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe

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Lebensläufe zugreisender Menschen

Benjamin Leberts zweiter Roman handelt von der Faszination des Erzählens

von Stephan Lesker

Nach seinem Debüterfolg Crazy (1999) musste Benjamin Lebert mit seinem zweiten Roman eine schwere Prüfung bestehen. Sein Roman Der Vogel ist ein Rabe sollte die Frage beantworten, ob Lebert das Potenzial zu einem großen Autoren hat, oder doch nur eine Eintagsfliege auf dem Literaturmarkt ist. An den großen Erfolg von Crazy konnte Der Vogel ist ein Rabe zwar nicht anknüpfen, von einem Flop ist der Roman jedoch auch weit entfernt.

Freundschaft für die Dauer einer Zugfahrt

Der junge Ich-Erzähler Paul fährt im Nachtzug von München nach Berlin und teilt sich ein Schlafabteil mit dem gleichaltrigen Henry. Dieser hat München und seine beiden besten Freunde Christine und Jens fluchtartig verlassen. Die Freundschaft ist zerrüttet und nicht wieder herzustellen. Der emotional aufgewühlte Henry findet in Paul einen Zuhörer für seine Geschichte und avanciert zur eigentlichen Erzählerfigur des Romans.
Er erzählt eine Geschichte von Freundschaft und Liebe, aber auch von Oberflächlichkeit und Zurückweisung. Seine Erlebnisse erzählt er derart mitreißend und fesselnd, dass nur jemand wie Paul in der Lage ist, sich ihnen zeitweise zu entziehen. Dafür hat er aber gute Gründe. Wie man nämlich sehr spät erfährt, hat auch Paul eine Geschichte von Liebe und Zurückweisung zu erzählen. Aber die Rollen sind festgelegt: Paul ist kein Erzähler. Diese Rolle nimmt Henry ein und gibt sie bis zum Ende der Nacht und der Ankunft in Berlin nicht mehr ab. Henry meint, dass er in Paul einen Freund gefunden hat. Für ihn ist diese Zugfahrt ein Hoffnungsschimmer gewesen, während sie für Paul die Rückkehr an den Ort einer Tragödie ist. Die Freundschaft ist mit dem Ende der Zugfahrt vorbei.

Die Kunst der einfachen Sprache

Henrys Erzählweise besticht durch die Einfachheit und Effektivität der eingesetzten Mittel. Lebert lässt ihn meist in kurzen Sätzen berichten. Aus jedem einzelnen dieser Sätze spricht jedoch die Einfühlsamkeit Henrys, sowie seine Eigenschaft, hinter die Fassade eines Menschen zu blicken. Genau daran jedoch leidet Henry. Die Notwendigkeit, sich eine Maske für das gesellschaftliche Leben aufzusetzen, seine Seele einzusperren, um sich möglichst nicht dem prüfenden und strafenden Urteil der Gesellschaft auszusetzen, macht ihn schier krank. Er empfindet eine unendliche Zuneigung für Menschen, die diese Maske nicht tragen und ihre Seele nicht einsperren, sich damit aber auf eine gefährliche Gradwanderung begeben, wie sich an Henrys Freund Jens bald zeigen wird.
Henrys Erzählung verfehlt ihre Wirkung weder auf Paul, noch auf den Leser. Von der Geschichte angeregt, beginnt auch Paul über seine Erlebnisse nachzudenken und es wird deutlich, dass auch er eine Menge zu erzählen hätte, aber wie gesagt: die Rollen sind vergeben und nicht jeder kann so ein Erzähler wie Henry sein.
Mit Der Vogel ist ein Rabe hat Benjamin Lebert endgültig unter Beweis gestellt, dass er das Zeug zu einem großen Erzähler hat. Die Kompositionsweise seiner Texte ist zwar sehr gewöhnlich (der Kniff mit Rahmen- und Binnenerzählung ist nicht mehr besonders originell), aber aus jedem seiner Worte spricht die Leidenschaft für das Erzählen. Keine einzige Wendung, kein einziger Satz und kein einziges Bild ist am falschen Platz, alles sitzt und passt perfekt. Lebert hat schon früh seinen eigenen, einfachen aber originellen, Ton gefunden, der seine Texte unverwechselbar und anziehend macht.
Der Vogel ist ein Rabe ist unbedingt zur Lektüre zu empfehlen: besonders bei Fahrten mit dem Nachtzug.

Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe. Kiepenheuer&Witsch. Köln 2003. 128 Seiten. 9,90 €.

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