Glitzernde Wörter

Jérôme Ferrari: Das Prinzip

Advertisements

Was es kosten kann, Gott über die Schulter zu schauen.

von Paulchen

„Sie haben Gott über die Schulter geschaut“

In einer Juninacht des Jahres 1925 gelingt es dem jungen Atomphysiker Werner Heisenberg in der Abgeschiedenheit der Insel Helgoland, Gott über die Schulter zu schauen. In dieser Nacht schreibt er wesentliche Teile seiner Quantenmechanik nieder, deren Kernstück die nach ihm benannte Heisenbergsche Unschärferelation darstellt. Ihr zufolge ist es prinzipiell nicht möglich, gleichzeitig die Position und die Geschwindigkeit eines Elementarteilchens beliebig genau zu bestimmen. Die Entdeckung dieses Prinzips wird dem ehrgeizigen, erst 23 Jahre alten Heisenberg in den kommenden Jahren zu Nobelpreis und Weltruhm verhelfen und ihn auf eine Stufe mit Koryphäen wie Albert Einstein, Nils Bohr oder Erwin Schrödinger heben. Doch sowohl Heisenberg persönlich, als auch die Physik werden für seine Entdeckung einen hohen Preis zahlen.

Szenenwechsel. An einem Junitag des Jahres 1989 sitzt ein junger Philosophiestudent einer attraktiven Dozentin gegenüber, um eine mündliche Prüfung über Heisenbergs Buch Physik und Philosophie abzulegen. Da er sich in einer Adoleszenzkrise befindet und Heisenberg für ihn ohnehin nur „ein weiterer deutscher Name auf einer unendlichen Liste deutscher Namen“ ist, verbunden mit einem seltsamen Prinzip der an sich schon abstoßenden Quantentheorie, hat er weder besagtes Buch gelesen noch das zugehörige Seminar besucht. Nach bewährtem Muster versucht er, die Dozentin mit Halbwissen und klugen Zitaten zu beeindrucken, die er sich zuvor aus populärwissenschaftlichen Artikeln zusammengesucht hat. Er steht vor der größten Demütigung seines Lebens. Die Dozentin lässt sich nicht täuschen, sondern führt ihm statt dessen unerbittlich die erschütternde Konsequenz des Heisenbergschen Prinzips vor Augen: Wir werden den Grund der Dinge niemals erkennen, denn sie haben keinen Grund.

In Das Prinzip setzt sich Jerome Ferrari, der 2012 mit seinem Roman Predigt auf den Untergang Roms literarischen Ruhm erlangte, mit dem Leben und Werk Werner Heisenbergs auseinander. Ferrari wählt dazu jedoch nicht die Perspektive eines allwissenden Erzählers, sondern schreibt aus der Sicht des jungen Philosophiestudenden, der sich von seiner demütigenden Abschlussprüfung nie wirklich erholt hat. Während er zunächst auf Korsika die Zeit totschlägt und sich später in den auf Wüstensand erbauten Glasstädten der arabischen Halbinsel wiederfindet, kreisen seine Gedanken immer wieder um Heisenberg und dessen Prinzip. Im Stile eines langen, an manchen Stellen fast selbsttherapeutisch anmutenden Briefs, in dem er Heisenberg stets direkt anspricht, vollzieht er in vier Kapiteln chronologisch die wesentlichen Stationen von dessen Leben und Wirken nach.

„Sie haben ein Auflösungsurteil verkündet“

Das erste Kapitel umfasst den Zeitraum von Heisenbergs Jugend bis zu seinem Aufstieg zum Nobelpreisträger. Sehr früh zeichnet sich ab, dass wir es mit einem faustischen Charakter zu tun haben. Besonders eindringlich wird dies in einer Szene deutlich, in der sich der junge Heisenberg bei dem Mathematiker Professor von Lindemann um einen Studienplatz bewirbt. Dessen kleiner Hund (vielleicht ein Pudel?), der Heisenberg wütend anbellt und so mit dafür sorgt, dass von Lindemann ihn nicht als Studenten aufnimmt, erscheint als „der gleich allen dämonischen Kreaturen leicht groteske und abstoßende Bote“ des Schicksals, der Heisenberg auf den für ihn vorgesehen Weg zurückbeordert. Dieser Weg besteht zunächst darin, durch die Entdeckung des Prinzips in „mörderischer Arglosigkeit“ ein Auflösungsurteil über die Physik zu sprechen. Durch das Prinzip widerlegt Heisenberg das Gesetz der Kausalität und verwandelt „die letzten Bestandteile der Materie in Kreaturen der Vorhölle, blasser und durchsichtiger als Gespenster.“ Unsere stabil und geordnet erscheinende materielle Welt, deren geheime Urgründe Physiker wie Einstein und Schrödinger zu entschlüsseln sich erhofft hatten, erweist sich als mit dem „Gift der Subjektivität“ durchdrungener Nebel, „irgendwo zwischen dem Möglichen und dem Wirklichen.“ Die Verheißung der Physik lässt sich prinzipiell nicht erfüllen – „der Blick der Physiker ist nichts weiter mehr als ein Menschenblick. Er wird niemals derjenige Gottes sein.“ Die Dinge haben keinen Grund. Einstein wehrt sich tapfer, aber erfolglos. Heisenberg erhält 1933 den Nobelpreis.

„Aber sie gehen nicht fort“

Das zweite Kapitel umfasst den Zeitraum zwischen 1933 und 1945. Heisenberg gilt den Nazis zunächst als „weißer Jude“, da er ein Anhänger der zur „jüdischen Physik“ zählenden Relativitätstheorie ist. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen bleibt er dennoch in Deutschland, um eine „Insel des Bestands“ zu errichten, vielleicht aber auch einfach aus Heimatverbundenheit. Aber die Kompromittierung durch das Regime ist unvermeidlich. Während des zweiten Weltkriegs steigt Heisenberg zum Kopf des deutschen Nuklearprogramms auf, an dem auch Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizäcker beteiligt sind und dessen Ziel darin besteht, dem Führer eine Atombombe in die Hand zu geben. Der Erzähler fragt nach Heisenbergs Motiven – Naivität, Ehrgeiz, gar nationalistischer Enthusiasmus? „Unentwirrbar ist dies.“ 1941 kommt es in Kopenhagen zu einem Treffen zwischen Heisenberg und Niels Bohr, über dessen Inhalt beide später Unterschiedliches berichten. Heisenberg zufolge wollte er Bohr die Angst vor einer deutschen Atombombe nehmen, Bohr zufolge hat Heisenberg ihm Entwürfe der Bombe aufgezeichnet. Bohr wird sich nach diesem Gespräch für immer von Heisenberg abwenden, und die Amerikaner werden aus Furcht vor einer deutschen Bombe ungeheure Mittel in ihr eigenes Nuklearprogramm stecken, das zur Auslöschung von Hiroshima und Nagasaki führt. Heisenberg, der sich in grenzenloser Naivität immer noch als „Bürger eines geistigen Athens“ wähnt, wird 1945 zusammen mit den anderen Mitgliedern des deutschen Nuklearprogramms verhaftet und im englischen Landhaus Farm Hall interniert.

„Sie bilden sich ein, dass ihre Qualen von Bedeutung sind“

Das dritte und vielleicht stärkste Kapitel des Romans befasst sich mit der Zeit der Internierung in Farm Hall, die eher einem erzwungenen Urlaub als einer Gefängnishaft gleicht. Neben Heisenberg sind hier neun weitere führende Wissenschaftler untergebracht, darunter Otto Hahn, Max von Laue und Carl Friedrich von Weizäcker. Es wird viel spazieren gegangen, musiziert und gefachsimpelt. Das vorherrschende Gefühl ist jedoch nicht Schuldbewusstsein oder Scham, sondern Selbstmitleid und verletzter Stolz. Selbst die Nachricht vom Abwurf der Atombombe, zu deren Entwicklung nicht zuletzt die bahnbrechenden Erkenntnisse der Internierten beigetragen haben und die zugleich den abschließenden Triumph und den Ruin der modernen Physik markiert, löst nur im ersten Moment Erschütterung und Entsetzen aus. Viel dringender scheint alsbald die Frage, wie die Amerikaner die technischen Probleme gelöst haben – und wieso man nicht selbst darauf gekommen ist. Letztlich suhlen sich in Farm Hall die deutschen Bürger des „geistigen Athen“ in eitlem Selbstmitleid, beschweren sich über die Haftbedingungen, die sie mit denen der Nazilager vergleichen, feiern den Nobelpreis für Otto Hahn und werden nicht müde, ihre guten Absichten zu betonen. „Niemals zweifeln sie an ihrer eigenen Wichtigkeit.“ Der Leser entwickelt für diese illustre Gesellschaft schnell ähnliche Gefühle wie deren Aufpasser Major Ritter – er ist vor Ermüdung und Ekel nicht gefeit. 1946 werden Heisenberg und die anderen entlassen, Heisenberg kehrt nach Deutschland zurück.

„Sie sitzen neben mir, lächelnd und müde“

Erstes Schlussbild, aufgenommen 1953: Ein Jahr nachdem das Eniwetko-Atoll durch eine Thermonuklearbombe von der Landkarte gefegt wurde, hält Heisenberg in München einen Vortrag über das Naturbild der modernen Physik. Anwesend sind auch Martin Heidegger und Ernst Jünger, zwei weitere faustische Charaktere der deutschen Geschichte. Heisenberg beugt sich zu Jünger hinunter, während Heidegger zufrieden lächelt. Ein diabolisches Bild, wenn man es sich auf Leinwand gemalt vorstellt.

Zweites Schlussbild, aufgenommen 1945: Heisenberg bei seiner Verhaftung vor seinem Haus am Walchensee mit Blick auf die Alpen. Er fragt einen seiner amerikanischen Bewacher, der alle Schrecken des Krieges durchlebt hat, ob er je Schöneres als diese Berge gesehen habe. Der Erzähler nimmt die Perspektive des amerikanischen Soldaten ein, legt dem vertrauensvoll lächelnden Heisenberg die Hand auf die Schulter und neigt sich zu ihm hinunter. Nein. In seinem ganzen Leben hat er nie etwas Schöneres gesehen. Ein versöhnliches Bild, auch ohne Leinwand.

„Ich möchte ihnen wieder fern sein“

Jérôme Ferrari hat mit Das Prinzip nicht weniger als ein Meisterwerk geschrieben, das sprachlich zu den stärksten Texten gehört, die mir in den letzten Jahren unter die Hände gekommen sind. Ferrari gelingt es, dem Leser durch unvergessliche, kraftvolle Sätze vor Augen zu führen, welche tiefen, erstaunlichen und schrecklichen Konsequenzen Heisenbergs Prinzip und allgemein die Erkenntnisse der modernen Physik in philosophischer wie praktischer Hinsicht nach sich ziehen. Der Roman ist zudem auch eine Geschichte darüber, wie die Wissenschaft und das Streben nach naturwissenschaftlicher Erkenntnis im 20. Jahrhundert ihre Unschuld verloren haben. Heisenberg schrieb einmal, dass der Wissenschaftler immer auch Priester sein müsse, worauf Ferraris Erzähler entgegnet: „Aber Sie wissen seit Langem, dass seine Sünden ihm dies untersagen.“

Besonders zugute kommt dem Roman die Wahl der Erzählperspektive. Der Leser wird nicht von einem allwissenden Erzähler trocken über historische Abläufe unterrichtet oder abstrakt-theoretisch über philosophische Implikationen der Quantentheorie aufgeklärt, sondern ist von Beginn an Zeuge der sehr intimen, reflektierten und von emotionalen Schwankungen geprägten persönlichen Auseinandersetzung des jungen Philosophiestudenten mit der Person und dem Werk Heisenbergs. Dadurch wird durchgängig eine kontemplative Atmosphäre erzeugt, in welcher der Leser immer wieder auf seine eigenen Gedanken und Empfindungen zurückgeworfen wird und sich letztlich sein eigenes Urteil über Heisenberg und seine Zeit bilden muss.

Ähnlich wie Thomas Mann sich im Doktor Faustus dem Typus des faustisch-genialen Künstlers und seiner Rolle im Rahmen der Katastrophe des „Dritten Reiches“ widmet, behandelt Ferraris Roman die reale Person Werner Heisenberg als paradigmatisches Beispiel für den faustischen Wissenschaftler, der sich durch eine Mischung aus Ehrgeiz und Naivität zumindest zeitweise mit dem Teufel verbündet. Wie der junge Philosophiestudent schwankt auch der Leser zwischen Bewunderung, düsterer Faszination und schierem Entsetzen. An einer Stelle bekennt der Erzähler: „Ich möchte ihnen wieder fern sein.“ Am Schluss jedoch, am Walchensee, sind er und der Leser dem Phänomen Heisenberg sehr nahe gekommen. Dafür und für diesen herausragenden Roman müssen wir Jérôme Ferrari sehr dankbar sein.

Jérôme Ferrari: Das Prinzip. Secession Verlag. Zürich 2015. 136 Seiten. 19,95 €.

Advertisements