Eberhard Rathgeb: Das Paradiesghetto

Schauplatz Menschenkopf

Der bedrückende Roman Das Paradiesghetto von Eberhard Rathgeb

978-3-446-24605-8_2145714299-114
von Stefan Tuczek

Eliza will nicht mit dem Glück leben, das Unglück ist ihr einziger Lebensinhalt. Ihre Eltern zogen mit ihr vor dem Krieg nach Argentinien, wo sie aufwuchs und große Träume hatte. Doch aus Liebe zu ihrem Mann kehrte sie nach dem Krieg nach Deutschland zurück, jenes Land, das für die Vernichtung der Juden verantwortlich ist. Dort, unter Mördern und Menschen, die ihre Vergangenheit verleugnen, um glücklich zu sein, muss sie fortan leben. Die erträumte Selbstverwirklichung bleibt aus. Sie wird Hausfrau und Mutter und hadert mit ihrem Schicksal. Als alte Frau blickt sie zurück auf ihr Leben und führt einen Dialog mit der Vergangenheit. Sie beschwört ihren toten Mann und ihre abwesenden Töchter herauf. Es quält sie die Frage, wie man mit dieser deutschen Hypothek überhaupt leben kann.
Auf sehr eindrückliche Weise schildert Rathgeb eine verbitterte Frau, die verzweifelt an ihrer Weltsicht festhält, obwohl damit eine bewusste Selbsttäuschung impliziert ist: denn ihr über alles geliebter Vater, den sie von jeglicher Schuld freispricht, war vielleicht doch auch verstrickt. Dadurch erlangt der Roman eine bedrückende Intensität, die den Leser erschauern lässt – auch angesichts der Frage, wie man selbst im Alter sein wird und ob sich das eigene Leben gelohnt hat.  Im Umgang mit der Kriegsgeneration rückt der Roman auch einen Generationenkonflikt in den Fokus, einen Konflikt, der geprägt ist von Missverständnissen und Widersprüchen. Der Leser wird sich zwangsläufig fragen müssen, wie er zu den eigenen Eltern oder Großeltern steht – und was er ihnen selber schuldig ist.
Rathgebs Roman gewährt Einblicke in eine Seele, die den Leser noch längere Zeit beschäftigen werden.

Eberhard Rathgeb: Das Paradiesghetto. Hanser. München 2014. 240 Seiten. 18,90 €.

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