Martin Windrow: Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank

Hommage an einen Weggefährten und an eine ungewöhnliche Liebe

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von Nicole Kutzner

Ein Star in gefiedertem Gewand

Seit zehntausenden Jahren ist sie fester Bestandteil von Mythen und Volksglauben. Wahrscheinlich gerade deshalb, weil wir eine äußerst ambivalente Beziehung zu diesem Geschöpf der Nacht haben. Sie galt als Symbol der Weisheit, dessen Abbild sogar Münzen zierte, aber auch als Totenvogel oder Teufelstier, welches im Bündnis mit Hexen und Zauberern stehen sollte. In der Gegenwart kann diese ambivalente Beziehung am ehesten dadurch beschrieben werden, dass man entweder zu dem Lager gehört, das sich darüber freut, dass diese kuscheligen Exemplare der Spezies Strigiformes (Eulen) endlich die nötige Aufmerksamkeit bekommen – nämlich unzählige Merchandising-Schreine mit Eulenfrühstückssets, Eulentaschen, -uhren, -süßigkeiten etc. – oder zu dem Lager, das diese „Viecher“ einfach nicht mehr sehen kann.

Spätestens seit den Harry Potter Filmen hat zumindest die Anbetung dieser Geschöpfe nochmal eine andere Qualität erfahren müssen. Denn wenn Harry Potter eine Eule als Haustier hat, dann muss es doch möglich sein, selbst auch eine Eule als Haustier zu haben, oder?

Martin Windrow beschreibt in seinem Buch Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank aus paläontologischer, zoologischer, kultureller aber auch aus seiner persönlichen Erfahrung, mit was für einem Wesen wir es eigentlich zu tun haben und ob wir mit ihm wirklich zusammen wohnen sollten.

Achtung! – Ein wildes Tier

Hätte man in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts Martin Windrows Wohnung in South London betreten, so hätte man sich darauf gefasst machen müssen, mit verschiedenen Requisiten ausgestattet zu werden. Beispielsweise mit Militärhelmen der Schweizer Armee von 1918. Diese Maßnahme geschah nicht etwa aus einer Marotte des Wohnungsbesitzers heraus, mit seinen Besuchern verschiedenste Rollenspiele durchzuführen, sondern vielmehr deshalb, um seine Besucher vor eventuellen Attacken aus der Luft zu schützen. Auch das Interieur der Wohnung hätte den ein oder anderen Gast wahrscheinlich in Verwunderung versetzt. So war der gesamte Boden seiner Wohnung mit Zeitungen ausgelegt und über den Sitzmöglichkeiten befanden sich Plastikfolien. Auch dies war keiner Marotte von Martin Windrow zuzuschreiben. Vielmehr beherbergte er 15 Jahre lang einen ungewöhnlichen Untermieter; einen Waldkauz namens Mumble, welcher gerne spontane Luftattacken auf die Köpfe der Besucher startete und sein Geschäft auch jederzeit an jeder erdenklichen Stelle in der Wohnung erledigte.

Mumble kam als 30 Tage altes Küken zu ihm, gerade einmal 20 cm groß. Bereits in den ersten Minuten des Kennenlernens setzte sich Mumble unaufgefordert auf seine Schulter und schmiegte sich an sein Gesicht, was sie auch auf der Rückfahrt nach London nicht unterließ und bereits nach kurzer Zeit ausbalancierend mit in die Kurven gehen konnte; höchstens unter Zuhilfenahme vorsichtigen Festhaltens des Schnabels an Martin Windrows Ohr. Für diesen war das Zusammentreffen mit Mumble Liebe auf den ersten Blick. Denn das diese Beziehung zwischen Mensch und Eule nicht der Normalität entsprach, hatte Martin Windrow am eigenen Leib spüren müssen. Vor Mumble gab es bereits eine andere Eule in seinem Leben: Wellington. Wellington war, wie sich im Nachhinein herausstellte, zurecht nach dem Sieger von Waterloo benannt worden, denn der kleine Steinkauz hatte es sich zur Aufgabe gemacht, unentwegt Krieg gegen sein Herrchen zu führen. Im Vergleich zu Mumble hatte Wellington sechs Monate unter seinen Artgenossen in einem Käfig gewohnt und sah es offensichtlich nicht ein, sein neues Domizil in eine Londoner Wohnung verlegen zu müssen, geschweige denn, sich auf diesen Menschen prägen zu lassen. So geschah eines Tages was unausweichlich gewesen zu sein schien, Wellington entdeckte eine Lücke in seinem Käfig und floh.

Für Mumble gab es hingegen nur Martin Windrow. Hier lernte sie fliegen und Kleingetier zu jagen, saß auf seiner Schulter, ließ sich mit Eintagsküken füttern und wollte Eintagsküken füttern, nahm eine Dusche unter dem Wasserhahn und wurde im Sommer zur Sonnenanbeterin oder ließ sich auf der Papierhalterrolle der Schreibmaschine hin und her fahren, während Windrow seine Texte verfasste. Aber das Zusammenleben mit einer Eule gestaltet sich nicht immer so einfach, wie es sich anhört.

Nicht für den Hausgebrauch geeignet

Martin Windrow beschreibt in seinem Buch Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank mit humorvollen Anekdoten, unter anderem aus seinen Tagebucheinträgen, ehrlich und ungeschminkt wie es ist, mit einer Eule zusammenzuleben. Neben den romantisierenden Vorstellungen die eventuell jedem unerfahrenen Eulenliebhaber im Kopf herumschwirren, zeigt er unmissverständlich auf, dass es sich bei Eulen um Raubtiere handelt, die ungern ihr Revier mit potentiellen Feinden teilen. Soziale Kontakte könnten sich durch das Halten einer Eule in den eigenen vier Wänden, rasant minimieren, nachdem die Gäste trotz Schutzvorkehrungen, die sich selbst im Krieg bewährt haben, mehrmals aus der Luft angegriffen wurden und mit Kriegsverletzungen den Schauplatz verlassen müssen oder beim Suchen von Eiswürfeln im Tiefkühler, auf Tüten voller toter Eintagsküken stoßen. Denn man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es sich bei Eulen um reine Fleischfresser handelt, die ihre Beute mit Fell zu sich nehmen müssen. Martin Windrow verlässt sich bei seinen Ausführungen nicht nur auf die eigenen Beobachtungen, denn als Militärexperte ist ihm beispielsweise nach kurzem Zusammenleben mit seiner Eule aufgefallen, dass Eulen, ähnlich wie Panzer, ein gyroskopisches Stabilisierungssystem haben, ihren Kopf also in dem immer gleichen Winkel auf einen Aussichtspunkt fixiert halten können, sondern stets werden seine Ausführungen unter Hinzuziehung von Fachliteratur untermauert. So erfahren wir viel über die Herkunft und Lebensweise von Eulen z.B. dass, entsprechend dem Volksglauben, die wenigsten Eulen wirklich nachtaktiv sind oder dass es normal ist, kleine kuschelige Eulen im Wald rumlaufen zu sehen, nicht etwa weil sie aus dem Nest gefallen sind und unserer Hilfe bedürfen, vielmehr weil sie die Gegend um ihr Nest herum erkunden.

Martin Windrows Buch Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank ist ein humorvoll und fachlich fundiertes Buch und gerade deshalb auf gar keinen Fall zu vergleichen mit Büchern ähnlichen Genres, die vom Zusammenleben mit ihren Haustieren berichten. Dabei möchte Martin Windrow nicht nur unterhalten, sondern Aufschluss darüber geben, wie komplex es ist, mit einem wilden Tier zusammen zu leben. Stets schafft er es, mit Charme kleine Anekdoten zu erzählen und aus dem Blickwinkel eines Militärexperten die Anatomie der Eulen zu beschreiben und trotz oder vielleicht gerade wegen seines 15jährigen Zusammenlebens mit einer Eule, das Eulensein in seiner ganzen Bandbreite zu beleuchten. Ein unbedingtes Muss für alle Eulenfans.

Martin Windrow: Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank. Hanser. Regensburg 2015. 315 Seiten. 19,90 €.

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