Georges Perec: Ein Mann der schläft

Das Innere des Kopfkissens

Georges Perecs Ein Mann der schläft ist die beeindruckende Nahaufnahme eines Menschen, der beschlossen hat, nicht mehr am Leben teilzunehmen.

PerecMAnnDerSchläft

von Stephan Lesker

Der Held in Georges Perecs Geschichte ist unscheinbar. Ein Mann von 25 Jahren, Soziologiestudent, kurz vor einer wichtigen Prüfung. Aber der Tag, an dem die Geschichte einsetzt, ist der wahrscheinlich bedeutendste Tag in seinem Leben: Es ist der Tag, an dem er beschließt, keinen Anteil mehr am Leben zu nehmen.

Wachsendes Unbehagen

Dass er es beschließt, ist sicher zu viel gesagt. Es klingt nach einer bewussten Entscheidung, die es in Perecs Geschichte aber nicht gibt. Es handelt sich vielmehr um ein Gefühl der Antriebslosigkeit bzw. des Unbehagens, das den Studenten eines Morgens befällt und übermannt. Er ist nicht mehr in der Lage, sein Bett zu verlassen und die Prüfung anzutreten. Die Situation ist bekannt. Auch Kafkas Gregor Samsa kann sein Bett und sein Zimmer plötzlich nicht mehr verlassen, da er zu einem grotesken Rieseninsekt mutiert ist. Die psychische Unfähigkeit zur Bewältigung des Lebens wird bei Kafka durch eine körperliche Erscheinung symbolisiert. Bei Perec hingegen gibt es kein äußeres Symptom. Die psychische Blockade steht offen vor uns und auch die Freunde, die sich um ihren Mitstudenten sorgen und immer wieder an seine Zimmertür klopfen, ihm Botschaften unter der Tür hindurchschieben und versuchen, ihn wieder ins Leben zurückzuholen, sind machtlos. Perec vergleicht den Zustand seines Helden mit dem Gefangensein im Inneren eines Kopfkissens: Es ist dunkel, es herrscht eine unerträgliche Hitze, der Druck und die Enge sind übermächtig und man erstickt langsam und qualvoll.

Die Wahl der Perspektive

Nun bleibt der Student aber nicht nur in seinem Zimmer. Er geht raus, sieht sich Paris an, besucht seine Eltern, geht in Kinos, setzt sich in Cafés und nimmt somit noch am Leben teil. Er tut dies aber – und das ist der große Unterschied zu seinem bisherigen Leben – ohne großen Anteil daran zu nehmen. Jeder Moment hat für ihn den gleichen Wert. Es gibt keine Höhepunkte mehr, sondern nur noch eine allgemeine Mattigkeit. Sein Ziel ist es, nichts mehr vom Leben zu erwarten und die Menschen so zu sehen, als wären sie Steine. Die Signale der Welt erreichen ihn noch, es kommt bloß keine Antwort mehr. Hier ähnelt er Bernardo Soares, dem Buchhalter aus Fernando Pessoa Das Buch der Unruhe. Auch Soares nimmt sich vor, sich gegen das Leben zu panzern, eine gewisse Gleichgültigkeit zu entwickeln. Perecs Held muss jedoch feststellen, dass auch Gleichgültigkeit nicht gegen das Leben hilft.

Für seine Erzählung wählt Perec nun aber keineswegs die Innenperspektive seines Helden, aus der es am leichtesten möglich wäre, seine Gedanken und Vorstellungen mitzuteilen. Er wählt auch nicht die Perspektive eines übergeordneten Erzählers, der alles über die Geschichte, die er erzählt, weiß und dementsprechend ebenfalls in der Lage wäre, psychische Vorgänge des Helden zu vermitteln. Perec wählt eine ungewöhnliche Erzählperspektive: die Anrede. Permanent wird ein „Du“ angesprochen. Nicht der Held, also kein „Er“ und kein „Ich“ wandeln teilnahmslos durch die Straßen von Paris, sondern „Du“ tust es. Es ist so, als wolle Perec sagen, dass dies nicht seinem Helden passiert, sondern „Dir“ und sein Schicksal somit uns alle ereilen könnte. Wir alle sollten den Tag fürchten, an dem die Kraft zum Aufstehen plötzlich verschwindet. Auf den zweiten Blick hingegen offenbart sich diese Perspektive als Selbstgespräch des Studenten, der die gesamte Zeit mit sich selbst spricht und das, was mit ihm passiert, für sich selbst protokolliert. Ein doppelbödiger Kunstgriff.

Der Beobachter

Apathie ist alles, was Perecs Held sucht und was er braucht. Diese Apathie bringt nun aber einen interessanten Nebeneffekt mit sich: Der Blick für Details wird schärfer. Eine Spinne, die in einem Zimmerwinkel ihr Netz webt, wird auf einmal das Ziel der Betrachtung. Die nackte Zahl der Kirchen von Paris wird plötzlich bedeutsam. Die Außenwelt bekommt davon jedoch nichts mit. Für sie ist der Student nur noch ein Schatten, den man leicht ignorieren kann. Und auch sich selbst ist der Held nur noch Schlafwandler, der ziellos durch die Welt streift. Die Genauigkeit seiner Wahrnehmung nimmt zwar zu, aber er weiß immer weniger mit dem Wahrgenommenen anzufangen. Er kann seine Welt nicht mehr deuten.

Im Laufe der Zeit stellen sich dann auch körperliche Symptome ein. Er leidet unter Albträumen und verstümmelt sich selbst, sein Blick erlischt langsam und er erkennt, dass es vergeblich ist, die Verbindung zwischen sich und der Welt zu lösen. Gleichgültigkeit ist kein Ausweg.

Georges Perec: Ein Mann der schläft. Diaphanes Verlag. Zürich 2012. 112 Seiten. 9,95 €.

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