Lynsey Addario: Jeder Moment ist Ewigkeit

Bewegende Berichte und Fotos einer Kriegsfotografin

Addario_JederMoment

von Nicole Kutzner

In ihren Memoiren berichtet Lynsey Addario von ihrer Arbeit als Kriegsfotografin, die sie unter anderem nach Darfur, Afghanistan und Libyen führte. Die Helden ihrer Berichte sind Zivilpersonen, die sich gegen Militärregime wie das des Gaddafi oder der Taliban zu Wehr setzen; sei es mit Waffengewalt oder indem sie sich wie Lynsey Addario in das Kriegsgeschehen begeben, um darüber zu berichten.

Bekenntnis, Verpflichtung, Berufung

Tagtäglich sehen wir in den Nachrichten Bilder von Kriegen, die irgendwo am anderen Ende der Welt stattfinden und insgeheim sind wir froh darüber, dass sie am anderen Ende der Welt stattfinden und nicht in unserer Nähe. Doch der zunehmende Terror durch den IS wie die durch sie verübten Bombenanschläge, welche seit einigen Monaten auch Europa treffen, lassen so etwas wie eine Welle der Furcht durch die europäische Zivilbevölkerung gehen. Kaum vorstellbar, dass sich jemand freiwillig in Kriegsgebiete wie Afghanistan, Libyen und Darfur begibt, um Fotos von den dortigen Konflikten zu machen.

Eine Kamera, die ein Geschenk ihres Vaters war, der Wunsch zu reisen und die Erkenntnis, dass man mit dem Fotografieren auch Geld verdienen kann, brachten Lynsey Addario schließlich zum Kriegsjournalismus. In ihrem Buch Jeder Moment ist Ewigkeit erzählt sie die Geschichte zu ihren Bildern. Von dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Afghanistan nach dem 11. September 2001, dem Kampf der US-Soldaten gegen die Taliban im Korengal-Tal, ihrer Entführung durch Gaddafi-Milizen, dem Sturz Saddam Husseins und den Konflikten in Darfur. Der Blickwinkel ihrer Fotografien und damit auch ihrer Berichte sind stets die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung. Schnell wird klar, dass die sich bekämpfenden Seiten weder als Gut noch als Böse bezeichnet werden können. Wird sie an einem Tag noch von den amerikanischen Truppen beschützt und von den Taliban bedroht, ist es am nächsten Tag genau umgekehrt. Von Maschinenpistolen im Anschlag haltenden amerikanischen Soldaten wird sie als „dreckige Schlampe“ beschimpft, während Mitglieder der Taliban bei einem Treffen in Sorge sind, weil sie befürchten, die amerikanische Journalistin könne aufgrund der traditionellen afghanischen Kleidung ihren Tee nicht trinken. Groteske und surreale Welten eröffnen sich dem Leser bzw. Betrachter durch Lynsey Addarios Schilderungen und Fotografien, die einen einfach nicht mehr aus ihrem Bann frei geben wollen.
So einen Job mache man nur, resümiert Addario, weil er dem eigenen Leben einen Sinn gebe, also als Bekenntnis, Berufung und Verpflichtung.

Auch etwas für Romantiker

Der Leser erhält aber nicht nur einen Einblick in das Leben der Zivilbevölkerung in den Krisengebieten, sondern auch in das Leben der Kriegsjournalisten. Ständig unterwegs von einem Kriegsgebiet in das andere, meistens ohne festen Wohnsitz, sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine gelingende Partnerschaft. Für den unwahrscheinlichen Fall, doch irgendwann jemanden zu finden, der mit diesem Beruf und der ständigen Abwesenheit leben kann, bleibt das schlechte Gewissen des Journalisten seine Angehörigen in ständiger Angst leben zu lassen.
Wie ein Märchen kommt deshalb Lynsey Addarios Privatleben daher. Nach mehreren Affären findet sie endlich den perfekten Mann, der zudem einem deutschen Adelshaus entspringt, gut situiert ist, aus ihrem beruflichen Umfeld kommt und unendlich viel Verständnis für ihre Arbeit aufbringt. Besser hätte Hollywood die Geschichte auch nicht schreiben können.

Ein bewegendes Zeitdokument

Am Anfang ihrer Karriere wurde Lynsey Addario von einem befreundeten Journalisten gesagt, dass man nur gute Fotos machen könne, wenn man sich nah genug an das Geschehen heranwagen würde. Vielleicht lässt sich dieses Urteil auch auf das vorliegende Buch anwenden. Mitreißend schildert und porträtiert Lynsey Addario Kriegsszenarien, die in keiner journalistischen Berichterstattung zu finden sind, die Ambiguität des Kriegsschauplatzes aber auf unverfälschte Art wiedergeben.

Lynsey Addario: Jeder Moment ist Ewigkeit. Econ Verlag. Berlin 2016. 368 Seiten. 25,00 €.

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