Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia

Der Versuch einen Traum zu verwirklichen

Reinhard Kleist erzählt die Geschichte der somalischen Läuferin Samia Yusuf Omar

Der Traum von Olympia

Von Torsten Ehlers

Die Zeiten, in denen man Comics, Mangas oder auch, um es gehobener auszudrücken, Graphic Novels einen literarischen Mehrwert absprach, sind vorbei. Fragte man sich noch bis vor einigen Jahren, ob man in einer Graphic Novel eine Biographie erzählen oder auch schreiben kann, lässt sich das nun mit einem „Ja“ beantworten. Kann man eine so schwere Thematik wie die Flüchtlingsproblematik, mit der sich Europa nicht erst gegenwärtig konfrontiert sieht, überhaupt in einem Medium wie einem Comic aufarbeiten? Ja, man kann. Reinhard Kleist zeigt dies nicht erst mit seinem aktuellsten Werk Der Traum von Olympia. Viele seiner Werke beschäftigen sich mit ernsten Themen oder auch mit Biographien von Persönlichkeiten. Zu nennen sind da definitiv Cash. I see a darkness oder auch Der Boxer.  Reinhard Kleist ist also Spezialist dafür, schwierige Themen und Biographien in einer Graphic Novel zu verarbeiten.

In seinem neuesten Werk erzählt er die Geschichte der Olympionikin Samia Yusuf Omar. Diese startete bei den olympischen Spielen in Peking für Somalia. Eigentlich wäre sie nicht weiter aufgefallen, doch in ihrem Vorlauf steht die schmächtige Samia zwischen all den Sprintermuskelpaketen in einem Schlabbershirt, da sie sich keine teure Ausrüstung leisten kann. Ihren Vorlauf verliert sie mit vielen Sekunden hinter den Besten, aber die Menschen jubeln ihr dennoch zu, als sie die Ziellinie überquert. Verloren und dennoch ein tolles Erlebnis für Samia, in der nun der Traum reift, eine angesehene Sprinterin zu werden. Doch zurück in Somalia erlebt sie, wie ihr Traum zu platzen droht. Die Milizen der islamistischen Bewegung Al-Shabaab machen Samia klar, dass es in ihrer Welt keine Frau gibt, die läuft oder gar sprintet. Doch als ob dies nicht genug wäre, befindet sich die Trainingsstätte in Mogadischu in einem erbarmungswürdigen Zustand. Die Laufstrecke ist mit Löchern übersät. Ständig muss man aufpassen, dass man nicht in diese Löcher tritt und sich verletzt. Für Samia gibt es nur einen Ausweg. Sie muss fliehen, um ihren Traum von den olympischen Spielen in London wahr machen zu können. Zunächst versucht sie ihr Glück in Äthiopien, aber hier kann man sie nicht mittrainieren lassen und für Samia gibt es nur noch das Ziel Europa. Doch dieses Ziel wird Samia nicht erreichen. Sie ertrinkt im Mittelmeer bei einer Überfahrt in einem Schlauchboot.

Reinhard Kleist beweist mit Der Traum von Olympia wieder sein Geschick, eine biographische Graphic Novel zu schreiben. Dabei ist klar, dass er nicht zu hundert Prozent darstellen kann, wie Samias Weg oder auch ihre Gefühle in den verschiedenen Situationen gewesen sind. Er kann es nur rekonstruieren, aber es wirkt bei Kleist nicht konstruiert. Umgesetzt hat er dies mit einem kleinen Kniff. Dieser ist eine weitere Stärke seines Werks. Der Kniff ist simpel und gleichzeitig genial: anhand von Facebookmeldungen, die Samia auf ihrer Flucht abgesetzt hat, treibt er seine Geschichte weiter voran. Ein interessanter Fakt ist, dass Samia Yusuf Omar auf ihrer Flucht tatsächlich Facebooknachrichten geschrieben hat. Nur eine davon schaffte es tatsächlich in das Werk Der Traum von Olympia: Ihre Letzte, in der sie um Hilfe bittet. Kleist schafft es ähnlich wie bei Cash. I see a darkness, ohne großen Pathos diese Geschichte zu erzählen. Ähnlich wie in Cash. I see a darkness schafft er dies auch nur in schwarzen und weißen Bildern. Dies tut der dramatischen Story, aber keinen Abbruch eher im Gegenteil. Der Leser bekommt das Gefühl, dass es sich hier nicht um jemand Besonderes handelt, denn vielen Menschen ergeht es wie Samia. Dennoch kann diese Lektüre im Leser Wut hervorrufen, wenn er es sich denn eingesteht, dass Europa Mitschuld ist am afrikanischen Dilemma. Die Meldungen mit den abstrakten Todeszahlen der Ertrunkenen vor Lampedusa bekommen mit Hilfe dieses Comics ein Gesicht, nämlich das von Samia. Sie sind damit greifbarer und können den Leser nun noch mehr erschüttern. Ebenfalls erschütternd ist das Geschäft der Schlepper, denen ein Menschenleben nichts wert zu sein scheint. Dies ist wiederum eine weitere Stärke dieser Graphic Novel, die das Thema zwar anspricht, aber es nicht übermächtig werden lässt, denn das Wesentliche ist dieses Einzelschicksal, dass für so viele Andere stellvertretend steht.

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Carlsen Verlag. Hamburg 2015. 152 Seiten. 17,90 €.

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