Wilhelm Raabe: Stopfkuchen

„Ich werde heute noch poetisch!“

Das Erzählen als Folterinstrument

RaabeStopfkuchen

von Stephan Lesker

„Eine See- und Mordgeschichte“ nennt Wilhelm Raabe seine 1890 beendete Erzählung Stopfkuchen. Das mag verwundern, denn Raabe ist keinesfalls für reißerische Abenteuergeschichten oder gar spannende Kriminalromane bekannt. Dennoch hält er sein Versprechen. Auch wenn wir nicht auf Piraten und blutrünstige Mörder stoßen, spielen Seefahrt und Mord eine nicht unbedeutende Rolle für Raabes Erzählung.

Doch der Reihe nach. Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, ist Raabes Hauptfigur. Mit seiner Frau Tine hat er sich ein gemütliches Leben auf der Roten Schanze, einem erhöht liegenden Bauernhof, eingerichtet. Seinen Jugendfreund Eduard, der es bis nach Afrika gebracht hat, verschlägt es nach langer Zeit wieder in seine Heimat und er lässt es sich natürlich nicht nehmen, seinem alten Freund Stopfkuchen einen Besuch abzustatten. Zum Beginn der Erzählung ist Eduard allerdings längst wieder auf hoher See und schreibt in seiner Kajüte die Erlebnisse seines Heimatbesuches auf. Die im Titel angekündigte See hätten wir also schon einmal gefunden. Fehlt noch der Mord. Von dem weiß nun aber Heinrich Schaumann zu berichten. Wie er dies allerdings tut, stellt nicht nur Eduard und Tine auf eine harte Geduldsprobe.

Doch der Reihe nach. Während Eduard in seiner Kindheit mit dem Briefträger Störzer (der übrigens, so hat man ausgerechnet, insgesamt viermal um die Erde gelaufen ist) durch das Dorf zieht und von der weiten Welt träumt, hat Stopfkuchen ein großes Ziel. Er will die Rote Schanze eines Tages von Heinrich Quakatz übernehmen und sich mit dessen Tochter Tine dort häuslich einrichten. Eduard ist also schon zu Beginn eine sehr bewegliche Figur, während Schaumann bis an sein Lebensende unbeweglich bleibt.

Heinrich Quakatz ist ein nicht gern gesehener Gast im Dorf. Nicht nur, weil er auf der Roten Schanze etwas abgeschottet lebt, sondern weil ihm ein Mord angelastet wird. Zum Zeitpunkt des Besuches von Eduard ist Quakatz längst tot, Stopfkuchen lebt mit Tine auf der Roten Schanze und kennt auch schon lange den wahren Mörder.

Der Rest von Raabes Geschichte handelt eigentlich nur noch davon, wie Stopfkuchen erzählt, wer der Mörder ist und wie er es herausgefunden hat.

Doch der Reihe nach. Stopfkuchen ist nun nämlich keiner, der schnell mit der Wahrheit herausrückt. Er schweift ab, erzählt langsam, unterbricht sich an wichtigen Stellen, weil es Essen gibt und spannt so seine Hörer ganz bewusst auf die Folter. Berücksichtigt man, dass seine Frau ein besonderes Interesse daran hat, zu erfahren, wer der Mörder ist (schließlich war ihr Vater jahrelang Hauptverdächtiger), mutet Stopfkuchens Erzählverfahren beinahe schon sadistisch an. Er ist sich dessen durchaus bewusst, macht aber nicht die geringsten Anstalten, dies auch mit Rücksicht auf seine Frau zu ändern. Sie wird es als Letzte erfahren. Stopfkuchens Gemütlichkeit und sein Hang dazu, die Geschichte bewusst zu verschleppen, werden zum Folterinstrument für seine Hörer: „Ich bin ein wenig breit – auch in meiner Schöne-Geschichte-Erzählungsweise. Aber dafür sind andere Leute desto kürzer, und so gleicht auch das sich im großen und ganzen [sic!] immer wieder aus.“ Seine Unbeweglichkeit wird also nicht nur räumlich deutlich. Auch in seinem Erzählverfahren ist er nicht bereit, einen Schritt auf seine Hörer zuzugehen.

Den Mord hätten wir also gefunden, die See schon lange, und dennoch ist Raabes Erzählung keinesfalls das, was sie im Untertitel angibt zu sein. Es handelt sich vielmehr um eine Erzählung über das Erzählen. In der Person Stopfkuchens werden grundlegende Fragen der Erzählweise deutlich. Sollte man der Reihe nach erzählen oder lieber durcheinander? Wie ausführlich darf man werden? Welche Perspektive soll man einnehmen? Wie charakterisiert man seine Figuren? All diese Fragen und noch viele mehr muss sich ein Erzähler stellen, bevor er eine für seine Hörer bzw. Leser nachvollziehbare und vor allem unterhaltsame oder fesselnde Geschichte erzählen kann. Stopfkuchen fesselt seine Hörer eben durch das Verschleppen des Erzähltempos und so hat seine Frage „Du sitzest doch gemütlich, Eduard?“  einen schelmischen Unterton, denn er weiß, dass sein Hörer einen bequemen Sitz mehr als nötig haben wird, denn der arme Eduard ist zur Passivität verurteilt. Zwischenfragen und Kommentare sind nicht erwünscht: „Nun bitte ich dich aber dringend, Eduard, daß du dich fernerhin als bloßen Chorus in der Tragödie betrachtest.“ Alles, was diesem bleibt, ist es nun, auf hoher See aufzuschreiben, wie Heinrich Schaumann ihm von einem Mord und dem wahren Mörder erzählt hat. Jedem, der dieses Buch liest, sei gesagt: Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie Heinrich Schaumann erzählen. Es ist das Einzige, was Sie tun können.

Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Reclam. Stuttgart 1986. 264 Seiten. 7,00 €.

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