Wechselseitig: Wir als Leser

„Are we scared yet?“ – Warum Edgar Allan Poe Bart Simpson keine Angst einjagt.

Poe_Rabe

von Stephan Lesker

In der zweiten Staffel der bis heute beliebten Zeichentrickserie Die Simpsons feierte das Halloween-Special Premiere, im Original unter dem Titel „Treehouse of Horror“ bekannt. Seitdem gibt es eine solche Episode, die meist aus drei Horrorgeschichten besteht, in jeder Staffel. Diese erste Folge ist für mich etwas ganz Besonderes, denn sie machte mich mit einem Text bekannt, dessen Stellung in der Weltliteratur unbestritten ist, und der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.

Es muss Mitte der neunziger Jahre gewesen sein, als ich diese Episode das erste Mal sah. Bart erzählt Lisa zwei Schauergeschichten. In der ersten Story müssen die Simpsons eine Nacht in einem verwunschenen Haus zubringen, in der zweiten werden sie von Außerirdischen entführt. Sie nehmen an, dass diese Aliens sie verspeisen wollen, liegen damit aber leider falsch und verpassen somit die Gelegenheit, ein paradiesisches Leben auf einem fremden Planeten zu verbringen. Ihr Argwohn hat sie darum gebracht. Die mittlere Episode, so heißt es in einer späteren Folge, sei naturgemäß immer die schwächste und ich kann mich auch nicht erinnern, dass die Außerirdischen-Thematik mich irgendwie noch fesselte. E.T. war längst Vergangenheit und Roland Emmerichs Spektakel Independence Day gab es noch nicht.Dann jedoch übernimmt Lisa die Rolle der Erzählerin und gibt eine klassische Schauergeschichte zum Besten: Edgar Allan Poes Der Rabe.

Poes Gedicht wurde zum ersten Mal 1845 veröffentlicht und ist sein bekanntestes und erfolgreichstes Werk. Ein Mann (bei den Simpsons natürlich Homer) sitzt um Mitternacht in einem Zimmer, er trauert um den Verlust seiner großen Liebe Lenore (Marge). Plötzlich hört er ein leises Pochen, das ihn jäh aus seinen Gedanken reißt. Es wird ein Besucher sein, der dort zu später Stunde an seine Tür klopft, vermutet der Mann mürrisch. Doch als er die Tür öffnet, ist niemand da. Nun muss natürlich eine andere Erklärung für das Pochen gefunden werden. Es wird das Fenstergatter gewesen sein, das durch ein Gewitter Schaden genommen hat. Wenig später jedoch fliegt ein Rabe (Bart, wer sonst) in das Zimmer, der, wie sich sogleich herausstellt, auch noch sprechen kann.

Poes Gedicht ist gekennzeichnet durch die Zerrissenheit des Mannes. Einerseits ist diese Zerrissenheit buchstäblich, denn der Tod seiner Geliebten traf ihn mitten ins Mark und seine Gedanken kreisen darum, ob es ihr im Jenseits gut geht und ob er sie dort wiedersehen wird. Andererseits ist der Mann immer bemüht, rationale Erklärungen für die unheimlichen Vorgänge in seinem Zimmer zu finden. Klopft es an der Tür, ist es ein Besucher, ist vor der Tür niemand, muss es das Fenstergatter gewesen sein. Die Erleichterung, als der Rabe sich als Ursache des Klopfens offenbart, ist groß. Umso größer ist das Entsetzen, als das Tier zu sprechen beginnt, und die Frage nach dem „Woher?“ mit seinem schrecklich gekrächzten „Nimmermehr“ beantwortet. Aber auch hier findet sich sofort eine Erklärung: der Vorbesitzer wird es dem possierlichen Tierchen beigebracht haben. Doch damit liegt der Mann ebenfalls falsch.

Der Rabe ist bei Poe der Vorbote des Todes, der Zerstörer aller Hoffnungen, der durch sein unerbittliches „Nimmermehr“ den Lebenswillen des Mannes endgültig zu Grabe trägt. „Gibt’s in Gilead Balsam?“ fragt der Mann den Raben verzweifelt. „Nimmermehr“ ist die Antwort.  An dieser Stelle wird zweierlei deutlich: Erstens hofft der Mann hier noch auf Linderung seiner Qual. Der Balsam aus Gilead wird in der Bibel oftmals mit heilender Wirkung verknüpft (besonders in Jer 8). Zweitens wird hier ein Aspekt der mythischen Bedeutung des Raben deutlich, der durch die Todessymbolik überlagert wurde: der Rabe ist auch Träger von Weisheit und Hoffnung. Hier kann man ebenfalls auf die Bibel zurückgreifen. Der Prophet Elia wird bspw. während einer Dürreperiode von Raben versorgt (1 Kön 17, 4-6).

Der Mann erhofft sich eine Auskunft durch den Raben, die ihm wieder Hoffnung gibt. Der Rabe wird als Wissender von einem Unwissenden angesprochen, was sich gleich in der nächsten Strophe wiederholt. Hier will der Verzweifelte wissen, ob er seine Lenore wiedersehen wird. Wieder lautet die Antwort „Nimmermehr“. Was bleibt, ist die Hoffnungslosigkeit, die den Trauernden nie wieder verlassen wird. Auch der Rabe wird auf seinem Platz auf der Pallas-Büste (ausgerechnet eine Pallas-Büste!) über der Tür bleiben.

Bei den Simpsons zeigt diese Geschichte keine Wirkung – wenigstens nicht bei Bart. „Are we scared yet?“ fragt er seine Schwester kurz nach Beginn der Erzählung. Nein, Bart ist nicht verängstigt. Woran mag das liegen? Bart ist ein Fan von effektvollen, actiongeladenen Attraktionen. Er schaut sich für sein Leben gerne „Demolition-Derbys“ an, will mit einem Skateboard über die Springfield-Schlucht springen und liebt die Fernsehsendung „When Buildings Collapse“. Da wirkt Poes Gedicht natürlich nicht, denn es lebt nicht von Knalleffekten, blutrünstigen Szenen oder gar monströsen Bestien, sondern von der Atmosphäre, vom atemlosen Rhythmus, der schon die Anfangszeilen auszeichnet („Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak an weary …“ – einfach großartig) und von der Furcht vor dem Unbekannten. Bei jemandem, der Reizüberflutung gewohnt ist, kann so ein Text nicht wirken. Oder doch? Homer wird durch diese Geschichte sehr wohl in Angst und Schrecken versetzt, obgleich er hinsichtlich Action und Spektakel Barts Präferenzen teilt. Warum also wirkt Poes Erzählung auf ihn, auf Bart aber nicht? Die Antwort könnte im Altersunterschied und den Umständen der Sozialisation und Erziehung liegen. Bart wächst relativ sorglos auf. Er hat ein behütetes Elternhaus, das ihm sehr viele Streiche ohne Konsequenzen verzeiht – wenn man einmal von Homers Würgeattacken absieht, die der Junge immer schadlos übersteht. Die Schrecken des Kalten Krieges sind vorbei, die Erfahrung der Zerrissenheit ist ihm (noch) fremd. Homer hingegen ist mitten im Kalten Krieg ohne seine Mutter aufgewachsen und wie wir wissen, hat sich sein Vater auch nicht gerade liebevoll um ihn gekümmert. Obwohl er, wie Frank Grimes (sein größter Feind) in einer späteren Folge feststellt, vom Glück mehr als begünstigt ist, sind ihm Krisen und Verluste nicht fremd. Dies könnte ein Grund sein, warum Homer für Poes Text empfänglicher ist als Bart. Auch mich hat diese Geschichte gepackt und seitdem ist Poes Rabe einer meiner Lieblingstexte.

Die deutsche Version dieser Simpsons-Folge ist allerdings nicht sehr zu empfehlen. Poes Text wird teilweise umgedichtet. Die amerikanische Version bleibt hingegen näher am Original und zitiert es beinahe wörtlich (wenn auch mit Auslassungen).

Seit dieser Folge haben die Macher der Simpsons viele Texte der Weltliteratur adaptiert (bspw. Der Graf von Monte Christo oder Hamlet), nie jedoch so meisterhaft, wie in der ersten Halloween-Episode. Allen, die nun Poes Gedicht lesen wollen, sei die Ausgabe der Insel-Bücherei empfohlen. Sie beinhaltet nicht nur den Text im Original und in der deutschen Übersetzung, sondern auch einen Aufsatz Poes zur Komposition seines Textes sowie einen Essay von E.Y. Meyer.

Edgar Allen Poe: Der Rabe. Zweisprachige Ausgabe. Insel, Frankfurt am Main 1981 (Insel-Bücherei Nr. 1006). 91 Seiten. 11,95 €.

 

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