Wechselseitig: Wir als Leser

Dilemma

IMGP0011

von Torsten Ehlers

Es ist einer dieser Tage, an dem man nichts mit sich anzufangen weiß. Regen prasselt an die Fensterscheiben und ich wache viel zu früh auf. Eigentlich wie immer am Wochenende. Allerdings muss es schon ziemlich dolle regnen, wenn ich davon wach werde, denn nur in diesem Fall knallt der Regen regelrecht auf die Fensterbretter. Es ist kein ohrenbetäubender Lärm, aber es genügt um wach zu werden und nicht mehr einschlafen zu können. Ich versuche es dennoch, entschließe mich dann aber aufzustehen.
Nach dem üblichen morgendlichen Prozedere mit Frühstück usw. schaue ich auf die Uhr. 8 Uhr an einem Wochenende, Freunde sind kaum wach, aber wer möchte bei dem Wetter auch schon vor die Tür. Kurzum, was fange ich mit diesem Tag nur an? Lesestoff suchen, dass wäre doch mal was.
Ich entscheide mich also für das Abtauchen in verschiedenste Welten und schreite meine Bücherregale ab. Plötzlich als meine Augen über die Bücherrücken gleiten, habe ich eine Idee: Mittelerde soll bei Regen eine Reise wert sein, habe ich gehört. Ich krame das Buch aus den Tiefen meines Regals hervor, schlage die erste Seite auf, beginne zu lesen, aber eintauchen in die Welt funktioniert heute nicht. Ernüchterung stellt sich ein. Für eine beschwerliche Reise ist heute nicht der Tag. Da fällt dann wohl auch das Schmökern im Delius Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus aus. Auch das Lesen in Kristina Gehrmanns Graphic-Novel-Trilogie Im Eisland werde ich heute wohl von der Stimmung her nicht können. Kurzes Innehalten vor dem Regal. Eine komische Stimmung macht sich breit, aber noch möchte ich die Gedanken, die sich langsam zu manifestieren beginnen, nicht zulassen.
Ich stolpere über Uwe Johnsons Jahrestage. Eigentlich ganz nett, wie er da so von einer kabbeligen Ostsee erzählt und das gesamte Buch mehr oder weniger von Gesine Cresspahls Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit geprägt ist. Nur ein Problem habe ich, selbst am gemütlichsten Leseort – meinem Ohrensessel – fangen mir nach 30 Seiten meine Handgelenke zu schmerzen an. Meine Ausgabe ist nicht geeignet, um längerfristig darin zu lesen. 1700 Seiten sind auch einfach zu viel für einen Regentag. David Foster Wallace Unendlicher Spaß ist damit auch abgewählt.
„Immerhin“, denke ich, „so langsam kommst du dahin, dass du weißt, was du nicht lesen willst oder kannst.“ Dennoch nagt der Zweifel an mir: „Werde ich das Buch finden, welches für mich heute geeignet ist?“ Ich stolpere mit schmerzenden Handgelenken auf meinen „noch zu lesen Stapel“ zu. Ein Berg von Büchern, der gefühlt selbst den Eifelturm überragen könnte. Ich schaue an ihm herunter und herauf. Eine Leiter wäre wohl nötig, um hier der Lage Herr zu werden. Meine Phantasie driftet ab. Ich erklimme den Berg von Büchern, die noch zu lesen sind. Ich verspreche ihnen, dass ich sie alle noch lesen werde. Panik überkommt mich: was, wenn genau in diesem Moment der Bücherstapel auf mich drauf fällt und ich in eins der Bücher gezogen werde. So wie es Thursday Next in den Romanen von Jasper Fforde tut, nur mit dem Unterschied, dass sie es freiwillig tut. Ich hingegen könnte der Rache eines frustrierten Buches zum Opfer fallen, dass sich dafür rächen möchte, dass es noch nicht gelesen wurde wie zum Beispiel Neil Gaimans Graveyard Buch. Dieser Autor hat eine überbordende Phantasie und ich hätte bestimmt einige Abenteuer zu bestehen, um aus diesem Buch wieder heraus zu kommen. Oder aber ich gerate in eine der Geschichten von Edgar Alan Poe oder H.P. Lovecraft. Mich schauderts. Spannend wäre das Erlebte dann bestimmt allemal, aber ich ziehe mich langsam von diesem „noch-zu-lesen-Stapel“ zurück, bevor die Bücher bemerken, dass sie Macht über mich haben.
Dabei schaue ich mir kurz noch einmal die Tagebücher von Fritz J. Raddatz an. Eigentlich wollte ich einmal einen Aufsatz verfassen, in dem sollte es um Raddatz und Walter Kempowski gehen. Das lohnt sich bestimmt. Ein Gespräch mit diesen beiden Größen der deutschen Literaturszene. Ich ziehe vorsichtig an dem Buch und lese darin. Spannend, was der gute Fritz J. so zu berichten hat. Nur leider ungeeignet für den heutigen Tag.
Ich lege es zurück, entschuldige mich im Geiste bei den Büchern und schnappe mein Portemonnaie und eine Jacke. Stelle fest, dass ich die Hälfte des Tages bereits geschafft habe und mache mich auf den Weg raus aus dem Haus. Unterwegs noch ein paar Nachbarn gegrüßt und dann trete ich auf die Straße. Eigentlich hatte es doch vorhin geregnet, aber nun ist der Regen verschwunden. Es ist jetzt nicht sonnig, aber wenigstens trocken. Der Himmel würde mit einem See vermutlich optisch eine Art Einheitsbrei in grau bilden. Man wüsste nicht, wo hört das Eine auf und wo fängt das Andere an. So ein Tag ist heute. In einem Roman wäre es vermutlich so, dass dieses Wetter dem Gemütszustand des Protagonisten entsprechen würde. Ganz so mies drauf, wie ich dieses Grau empfinde, bin ich aber nicht, da könnte ich sonst gleich wieder umdrehen.
Also kurz entschlossen einen Freund anrufen und mit ihm verabreden. Perfekt, wenn er dann auch noch Zeit hat. Wir treffen uns zum Mittag und ziehen danach los. Wir kommen an Bücherläden vorbei, schauen dort herein und wollen aber nichts kaufen. Dann schießt mir der Gedanke in den Kopf, dass ich doch für einen solchen Tag keinen geeigneten Lesestoff gefunden habe. Dieser Gedanke beflügelt mich und ich gehe die Regale ab. Es muss manchmal vielleicht auch etwas leichtes sein. Ich schaue nach den Scheibenwelt-Romanen von Terry Pratchett, finde eine Ausgabe, die ich noch nicht habe und auch noch nicht kenne und kaufe sie. Weiter geht’s. Der nächste Buchladen ist unser. Auch hier werde ich fündig. Packe mir noch einen Fallada-Band ein. Nun sollte ich aber bald mal Schluss machen, denn Geld, aber vor allem Platz für Bücher ist in meiner Wohnung Mangelware. Da entdecke ich eine Graphic Novel von Reinhard Kleist, die ich noch nicht habe. Castro fehlt noch gänzlich in meiner Sammlung, also kurz entschlossen auch diese noch eingepackt und gekauft.
So langsam denke ich, sollte ich aber Lesestoff haben für diesen Tag. Schaue mir die drei Bücher an und will mich auf den Heimweg machen. Doch da stehen wir schon vor dem Antiquariat. Mist, jetzt artet es bestimmt gleich wieder aus. Hier habe ich bisher immer etwas gefunden. Minimum waren mal zwei Bücher, die ich auf einer Einkaufstour quer durch dieses Antiquariat erbeutet habe, in der Regel sind es mehr. Wesentlich mehr. Auch heute sind es mehr, aber ich reiße mich zusammen und kaufe nur drei Bücher. Irgendetwas von Herrndorf und zwei Bücher, die ich lieber nicht erwähnen möchte. Ich verabschiede mich von meinem Freund und mache mich auf den Heimweg. Es wird Zeit, denn dieser Tag ist fast schon vorbei, ohne dass ich das richtige Buch für mich gefunden habe. Nun habe ich ja sechs neue erbeutet. Ich komme in die Wohnung, schaue auf die Uhr. Der Tag ist fast vorbei. Das Stöbern in den Buchläden war ein regelrechter Zeitfresser. 18 Uhr, da kann man sich doch schon mal Abendbrot machen. Gesagt getan, bevor ich esse, werfe ich noch einmal einen Blick über meine erbeuteten Schätze, lege sie auf den noch zu lesen Stapel, muss dabei aufpassen, dass der Turm nicht zusammenfällt und sage zu mir: „Eins von denen liest du ja heute noch. Dann sieht das schon gar nicht mehr so hoch aus.“ Ich esse, schaue nach links in ein weiteres Bücherregal und sehe einen Roman, den ich vor einiger Zeit gelesen habe. Saša Stanišić Wie der Soldat das Grammofon repariert. Das Essen steht dampfend vor mir. Viel habe ich davon nicht zu mir genommen. Ich lese in diesem Roman und das Essen wird kalt. Ich schlafe ein. Als ich aufwache ist es finstere Nacht. Ich betrachte das Essen, trage es in die Küche und schaue auf den Eifelturmhohen Stapel von Büchern. Warum bin ich heute noch mal los und habe Bücher gekauft? Ich hatte  das richtige Buch doch sowieso schon hier.

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