H.P. Lovecraft: Die Literatur der Angst

It’s all about the atmosphere

H.P. Lovecraft erzählt die Geschichte von der Literatur des Grauens

Lovecraft_Literatur_Angst

von Torsten Ehlers

Wer sich mit Fantasy-, Science-Fiction- oder auch Horrorliteratur beschäftigen möchte, wird über kurz oder lang nicht an Howard Phillips Lovecraft vorbeikommen. Egal, ob man diesen Autor und dessen Geschichten mag, seine Texte über sein Lieblingsgenre sind ein Muss für jeden, der in diesem Bereich forschen oder sich nur etwas mehr belesen möchte. Den Beweis hierfür tritt auch seine Schrift Die Literatur der Angst an. In erster Linie knüpft sich die Erwartung an diesen Titel daran, dass Lovecraft darstellt, wo die Wurzeln dieses Literaturgenres sind. Keine Angst, das macht er auch, aber schnell wird klar, dass Lovecraft hier seine eigenen Vorlieben einbringt. Im Gegensatz zu Autoren wie Douglas Adams, Terry Pratchett oder auch einem Jasper Fforde, die vor allem den Bereich der Fantasy abdecken und einen eher humoristischen Erzählstil haben, bevorzugt Lovecraft einen ganz anderen Ansatz. Auch ein Stephen Baxter geht anders an seine Texte heran, als dies Lovecraft tut. Bei Baxter geht es um die Zukunft und wie die Menschheit mit ihren neuen technischen Möglichkeiten lebt, sich aber dennoch Problemen gegenüber sieht, die so alt sind wie die Menschheit selbst. Lovecrafts Ansatz ist ein ganz anderer. Ihm geht es nicht um zu viel Hintergrund in einem Text. Ihm geht es einzig und allein um Atmosphäre und wie diese im Leser das größtmögliche Angsterlebnis hervorrufen kann.

Ein Lovecraft-Text müsste also vor allem beschreibenden Charakter haben und dabei dennoch gerade so viel weglassen, dass die Phantasie des Lesers mit ihm durchgeht. Wie könnte dieser Text denn dann aussehen? Vielleicht so: „Ich betrat den Raum, der hauptsächlich mit Kerzenlicht erhellt war. An den Wänden waren genug Kerzenhalter und Kerzen angebracht und dennoch, irgendetwas im hinteren Bereich dieses Raumes strömte eine tiefschwarze Dunkelheit aus. Eigentlich traute ich mich nicht weiter, aber meine Neugier besiegte meine Angst. Dies war ein Fehler wie ich heute weiß, denn was mich dort in der Ecke dieses Raumes erwartete, übertraf alles, was ich mir vorher ausmalen konnte. Dort aus dieser Ecke kamen Geräusche her, die kein Mensch oder auch Lebewesen von dieser Welt jemals hervorbringen könnte. Es war eine Mischung aus kratzen, gurgeln und etwas, was sich nicht in Worte fassen lässt.“ Ungefähr so könnte man wohl eine Leseatmosphäre beschreiben, die einem Lovecraft gefallen hätte.

Natürlich geht Lovecraft auch auf die Wurzeln der Horrorliteratur ein, und nicht nur auf seine Vorlieben für dieses Genre. Er macht die Wurzeln, wie es typisch für ihn ist, im Anfang der Menschheit aus. Hier zeigt sich auch wieder klar sein Ansatz mit der Atmosphäre und der Angst, mit denen er gern spielte, um beim Leser Emotionen wie ein Schaudern, Frösteln oder ähnliches hervorzurufen. Denn diese ist tief verwurzelt im Menschen und ist nicht komplett mit der zivilisierten Welt verschwunden. Nicht umsonst kriegen wir beim Anblick bestimmter Insekten eine Gänsehaut oder wissen, dass ein Schlangenbiss gefährlich ist, ohne jemals wirklich gebissen worden zu sein. Die ersten richtigen textlichen Wurzeln macht Lovecraft dann im gotischen Roman aus und erklärt, welche Auswirkungen dieser auf die Entwicklung der Literatur der Angst hatte. Ebenfalls behält er die europäischen Autoren im Auge und widmet in dieser Schrift einem der ganz großen Horrorautoren ein Kapitel: Edgar Allan Poe. Diesen lobt er über den grünen Klee, denn bei Poe gibt es nicht immer eine logische Erklärung für das Unbegreifliche und Unbeschreibliche. Lovecraft geht sogar noch weiter und schreibt im Kapitel der modernen Meister (hier handelt es sich um Autoren, die am Anfang des 20. Jahrhunderts wirkten), dass diese ohne einen Edgar Allan Poe gar nicht so fabelhaft werden konnten, wie sie es zum Zeitpunkt ihres Wirkens denn waren. Ohne den Vorreiter Poe wären die Autoren des 20. Jahrhunderts immer noch in ihrem Stil verhaftet, unheimliche Phänomene über Naturschauspiele, rächende Geister oder ähnliches zu erklären. Diesen naturalistischen Ansatz wirft Lovecraft vielen anderen Autorinnen und Autoren vor, wie zum Beispiel einem Sir Arthur Conan Doyle, Oscar Wilde oder auch einer Emily Brontë, um hier nur ein paar aufzuzählen.

Lovecraft gibt mit seiner Literatur der Angst einen wunderbaren Einblick in die Geschichte des Genres. Allerdings macht er es nicht rein wissenschaftlich und genau dies ist die Stärke dieser Schrift. Howard Phillips Lovecraft zeigt seine Belesenheit im Genre der Horrorliteratur, denn in jedem Kapitel, sei es zu Poe, sei es zum Gotischen Roman oder auch zu den europäischen Meistern dieses Fachs, gibt er kurze und nicht ganz so kurze Inhaltsangaben an, in denen er Figurentypen herausarbeitet. Er bietet also Anregungen wie man die heutigen Autoren untersuchen kann, zum Beispiel an welchen Autoren sie sich orientieren. Dazu ist dieser Text allemal gut und auch, um vielleicht weitere Werke zu lesen, bei denen man sich schön gruseln kann.

H.P. Lovecraft: Die Literatur der Angst. Zur Geschichte der Phantastik. suhrkamp taschenbuch. Frankfurt am Main 2012. 152 Seiten. 12,00 €.

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